Globalisierungsgegner Anarchie multimedial

Treffen sich Weltbank und Währungsfonds wie jüngst in Prag, treten auch die Globalisierungsgegner in Erscheinung. Im Netz organisieren die Agit-Prop-Touristen ihre Aktionen und liefern parteiisch gefärbte Informationen

Von Ralf Blittkowsky


Lange im voraus werden die Fäden für die antiglobalistischen Proteste im Internet gezogen, damit Demonstranten wie diesmal am 26. September unter dem Motto "Turn Prague into Seattle" (Verwandelt Prag in Seattle) in der Moldaustadt zusammenströmen. So munitionierte die Website DestroyIMF alle Sympathisanten im Schnellkurs mit Thesen und Feindbildern gegen die internationale Finanzstruktur und den Neoliberalismus. In der Pose von Robbin Hood legitimierte auch Kevin Danaher, Mitbegründer der angesehenen Website www.globalexchange.org, die Proteste gegen den wirtschaftspolitischen Event.

Während in Prag Steine und Molotow-Cocktails flogen, konnten Sympathisanten im Netz beinahe in Echtzeit dabei sein
REUTERS

Während in Prag Steine und Molotow-Cocktails flogen, konnten Sympathisanten im Netz beinahe in Echtzeit dabei sein

Eine wichtige Informationsquelle für die Globalisierungsgegner ist der Szene-Nachrichtendienst A-Infos . Er berichtete "von, für und über Anarchisten" im Vorfeld der Protestaktion und gibt mehrere Newsletter heraus, die in etwa zehn Sprachen simultan übersetzt werden. Über die Sammelstelle der Globalisierungsgegner werden Termine, Orte, Einreise- und Passinformationen und eine ganze Menge Agit-Prop ins Internet befördert.

Während in Prag die Straßenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten wogten, fungierte A-Infos als subversiver Nachrichtendienst für die Szene. Kommentare und Statements, die aus aller Welt auf dem Server eintrafen, standen neben offiziellen Reuters-Meldungen. Von überall her konnten Sympathisanten so an den Vorgängen in Prag teilnehmen und ihrer Häme bei Belieben durch entsprechende Postings Ausdruck verleihen, etwa wenn berichtet wurde, dass Kongressteilnehmer im Prager Veranstaltungsgebäude festsitzen.

Die weltweite Szene der Globalisierungsgegner brauchte dank des Internetkanals kaum darauf zu warten, was langsamere Massenmedien über die Krawalle in der Prager Altstadt verlauten ließen. Überwiegend parteiische Augenzeugen belieferten umgehend die Mailinglisten von A-Infos und anderen assozierten Sites mit einseitig verklausulierten Botschaften über den vermeintlich erfolgreichen Auftritt. Während der Proteste lieferten sich die Infokanäle der Globalisierungsgegner mit den Nachrichtenagenturen ein Finish um die Berichterstattung von den Krawallen in der Prager Innenstadt.

Das Independent Media Center, mit Filialen in den USA und Europa, organisiert und dokumentiert dezentral Protestaktionen gegen missliebige politische und wirtschaftliche Organisationen. Das IMC hat sich zur Aufgabe gesetzt, eine multimediale Chronologie von Protestaktionen auf der Website zu konzentrieren, aktuelles Bildmaterial, Audiodaten und Videos zu sammeln und zu veröffentlichen. Der Schnappschuss einer für Demonstranten heiklen Szene, ein mitgeschnittener O-Ton in spannender Kulisse oder das Amateurvideo einer hektischen Zusammenballung von Demonstranten, manche amateurhaft aufgenommene Audio- und Bilddatei wird per Datenleitung in das Multimediaarchiv des Independent Media Center übertragen.

Der Datenspeicher ist zum Heraufladen von Multimediadateien für jedermann offen, der über elektronische Aufnahmegeräte verfügt. Mit dem IMC ist eine neue Art multimedialer Politaktionismus entstanden, der den mitgeschnittenen O-Ton und das fotografierte Bild als Dokumentation der realen Ereignisse benutzt und über das Internet verbreitet.



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