GMD-Fraunhofer Faule Fusion

Das Bundesforschungsministerium will die GMD-Fraunhofer-Fusion gegen den Widerstand der GMD-Mitarbeiter durchsetzen. Als Grundlage dient ein "Moderatoren-Vorschlag" - der mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

Von Christiane Schulzki-Haddouti


Edelgard Bulmahn will die Fusion
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Edelgard Bulmahn will die Fusion

Offiziell scheint der Fusion der beiden großen deutschen IT-Forschungseinrichtungen GMD - Forschungszentrum Informationstechnik GmbH und Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) nichts mehr im Wege zu stehen. Die Ausschüsse der Aufsichtsgremien der beiden Einrichtungen stimmten am 18. September den Empfehlungen der Moderatoren zu.

Unter der Oberfläche brodelt es jedoch heftig: Der Wissenschaftlich-Technische Rat der GMD hat den Vorschlag rundum abgelehnt. Mitarbeiter, Führungskräfte und Institutsleiter wollen den Aufsichtsgremien jetzt die rote Karte zeigen. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, heißt es in einer Eingabe der Mitarbeiter für die am 3. November anberaumte Aufsichtsratssitzung, dass sie sich "einer Zwangseingliederung verweigern" werden.

Sind damit die hochgesteckten Fusionspläne von Forschungsministerin Edelgard Bulmahn gescheitert?

Zumindest die einer freiwilligen Fusion, denn der Bund hat als Mehrheitsgesellschafter das Sagen. Die Marschroute ist klarer als je zuvor: Der SPIEGEL ONLINE nun exklusiv vorliegende Vorschlag der Moderatoren Arnold Picot (Universität München) und Tom Sommerlatte (ehemals Chef des Unternehmensberaters Arthur D. Little) verfolgt stramm den Fraunhofer-Kurs. Finanziert werden sollen die in die Informations- und Kommunikationstechnik-Gruppe (IuK) der Fraunhofer-Institute eingegliederten GMD-Institute nach dem Fraunhofer-Modell: 40 Prozent Grundfinanzierung, 60 Prozent Drittmittelfinanzierung.

Bei den GMD-Instituten wird die Übernahme des Fraunhofer-Modells zu einer "Kostendeckungslücke von rund 60 Millionen Mark pro Jahr führen", heißt es in dem 80 Seiten starken Papier. Kein Wunder: Durchschnittlich liegt die Drittmittel-Quote der GMD bei "nur" 30 Prozent. Doch das Renommee einer Forschungseinrichtung hat wenig damit zu tun, über wie viel Drittmittel sie verfügen kann: So ist das international anerkannte BioMIP-Institut in Schloss Birlinghoven mit einem Drittmittelanteil von kläglichen 0,4 Prozent absolutes Schlusslicht unter den GMD-Instituten.

Gestopft werden soll das Millionenloch durch Gelder des Bundesforschungsministeriums (BMBF), des Landes Nordrhein-Westfalen - und durch mehr EU-Projekte. Doch ob das klappt, ist fraglich: Zwar soll das BMBF-Vorlaufforschungsprogramm "Leben und Arbeiten in einer vernetzten Welt" der IuK-Gruppe zusätzliche Mittel von Land und Bund "in der Größenordnung von 77 Millionen Mark pro Jahr" zur Verfügung stellen. Doch der Löwenanteil fließt an die Fraunhofer-Institute.

BMBF-Ministerialdirektor Wolf-Dieter Dudenhausen wollte GMD-Vertretern die 70 Millionen, die vom Bund beigesteuert werden sollen, zudem nicht verbindlich bestätigen. Kein Wunder: In der mittelfristigen Finanzplanung ist die Summe nicht vorgesehen. Derzeit läuft dazu eine Bundestagsanfrage. Auch das Land zögert: Von anvisierten sieben Millionen sollen maximal fünf Millionen fließen.

Ob sich Nordrhein-Westfalen als Geldquelle erweisen wird ist unsicher. Als Zucker für die GMD-Grundlagenforscher hatten sich die Moderatoren eine IuK-Akademie in Sankt Augustin einfallen lassen. Hier soll weiterhin Grundlagenforschung möglich sein. Das Land plant jedoch lediglich eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen der Universität Bonn und der neu gegründeten Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg ab 2004.

Der Vorschlag von Sommerlatte und Picot passt jedenfalls haargenau zu den Träumen von Uwe Thomas, Staatssekretär im Forschungsministerium. Er will eine Art "Turbo-Uni", ein "Center of Excellence", das von Anfang an Praktika in FhG- oder GMD-Instituten mit dem Studium verbindet. Ob das international renommierte BioMIP dann noch mit dabei ist, steht in den Sternen. Für Staatssekretär Thomas, Auftraggeber des Gutachtens, war der "Moderatorenvorschlag" im Übrigen nicht die erste Zusammenarbeit mit Gutachter Sommerlatte. 1968 und 1969 waren sie gemeinsam in der Studiengruppe für Systemforschung in Heidelberg: Sommerlatte als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Thomas als Projektleiter.

Auch die Fusionspläne sind keineswegs neu: Schon Anfang der achtziger Jahre verlangte das Bundesforschungsministerium die Eingliederung der GMD in die FhG. Norbert Szyperski sollte am 1. April 1981 seine Stelle als GMD-Vorstandsvorsitzender einnehmen. Er kam dem Fusionswunsch der Ministerialen, darunter auch Uwe Thomas, nicht nach: "Ohne mich". Und setzte sich durch - die GMD blieb selbständig.

Dieses Mal sollen es Nägel mit Köpfen sein. Rund 350.000 Mark hat sich das Ministerium die freihändig vergebene Studie kosten lassen, inklusive 30.000 Mark für Reisespesen und Schreibarbeiten. 60.000 Mark allein kostet es, den Vorschlag in vier so genannten Kommunikationsrunden zu präsentieren.

Sommerlatte und Picot beurteilten vier verschiedene Fusionsmodelle, indem sie verschiedenen Kriterien verschiedene Gewichtungen in einem Punktesystem zuwiesen. Den GMD-Favoriten, der die Schaffung einer IuK-Gesellschaft als FhG-Tochter vorsieht, punkteten sie herunter. So gab es nur einen Punkt für die "Akzeptanz durch FhG- und GMD-Verantwortliche" und gar keinen Punkt für die "Erfolgschancen".

Damit lag der GMD-Vorschlag einige Punkte hinter dem BMBF-Favoriten, der die "Weiterentwicklung des IuK-Institutsverbundes zur IuK-Gruppe der erweiterten FhG" vorsah. In Sachen Akzeptanz erhielt der BMBF-Vorschlag übrigens ganze 3 Punkte.

Der Moderatorenvorschlag - ein "Gefälligkeitsgutachten"?

Für Beobachter der GMD erweist sich die Studie spätestens hier als "Gefälligkeitsgutachten für das BMBF". Klar ist jedenfalls für Uwe Borner, Vorsitzender des Wissenschaftlich-Technischen Rates der GMD: "Wenn man sich die Erklärung eines so erklärungsbedürftigen Papiers so gut bezahlen lässt, ist etwas faul."

Der Widerstand der Mitarbeiter dürfte trotz der vielen Ungereimtheiten jedoch bald gebrochen sein. Rund die Hälfte der Mitarbeiter sitzt auf grundfinanzierten Stellen, die andere Hälfte auf Drei-Jahres-Projekt-Stellen. In den nächsten Jahren werden viele der unbefristet Beschäftigten in Rente gehen. Die Institutsleiter unterstützen zwar den Widerstand der Mitarbeiter - doch nur, um die eigene Position so teuer wie möglich zu verkaufen: Im Hintergrund laufen bereits die Verhandlungen mit FhG-Institutsleitern über künftige gemeinsame Projekte.

Eines ist jetzt schon abzusehen: Forscher von internationalem Renommee werden sich im Ausland Stellen mit günstigeren Bedingungen aussuchen können. Bulmahn und Thomas werden den "Brain Drain" mit der Fusion nicht stoppen, sondern eher noch ankurbeln.



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