Gmail, YouTube und andere Dienste Google findet 4,5 Millionen Inhalte zu Kindesmissbrauch im Jahr

Darstellungen von sexuellem Missbrauch von Kindern werden keineswegs nur im Darknet verbreitet. Google findet die Inhalte millionenfach auf seinen Plattformen und nennt jetzt erstmals Zahlen.
Auch Google-Suchen nach Missbrauchsmaterial dürften von dem Internetkonzern mit erfasst und gemeldet werden

Auch Google-Suchen nach Missbrauchsmaterial dürften von dem Internetkonzern mit erfasst und gemeldet werden

Foto: Regis Duvignau / REUTERS

Google hat erstmals bekannt gegeben, wie viele Inhalte mit sexuellem Missbrauch von Kindern das Unternehmen gefunden und gemeldet hat. Es handelt sich um Zahlen aus dem Jahr 2020.

Im ersten Halbjahr sendete Google demnach 182.556 Meldungen an das National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC), jene private und gemeinnützige US-Organisation, die solche Meldungen von zahlreichen Techunternehmen erhält, prüft und an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden weiterleitet.

Diese Meldungen betrafen mehr als 1,5 Millionen Inhalte – das können Bilder, Videos oder Audioaufnahmen mit Darstellungen von sexuellem Missbrauch von Kindern sein, oder URLs, auf denen diese Inhalte zu finden sind, oder Textnachrichten, in denen solche Inhalte angefordert werden.

Im zweiten Halbjahr verdoppelten sich diese Zahlen: Mehr als 365.000 Meldungen leitete Google nach eigenen Angaben zwischen Juli und Dezember an das NCMEC, also rund 2000 pro Tag. Darin ging es um insgesamt 2,9 Millionen Inhalte. In Summe sind das knapp 550.000 Meldungen und rund 4,5 Millionen Inhalte im Jahr 2020.

Knapp 78.000 Google-Konten im ersten und 98.000 im zweiten Halbjahr löschte das Unternehmen in der Folge. Rund 332.000 respektive 210.000 URLs löschte es aus seinem Suchindex.

Vorjahreszahlen hat Google nach eigenen Angaben nicht vorliegen, daher ist aus den Daten kein langfristiger Trend ablesbar.

Zum Vergleich der Größenordnungen: TikTok hat 2020 insgesamt 22.692 Meldungen an das NCMEC geschickt, wie aus einem ebenfalls heute veröffentlichten Transparenzbericht  hervorgeht. Ein Eins-zu-eins-Vergleich der Plattformen und Unternehmen ist allerdings nicht sinnvoll, Google wie zum Beispiel auch Facebook betreiben mehr Dienste, und auch die technische und personelle Ausstattung dürfte eine andere sein als die von TikTok.

Für den Gmail-Scan fehlt in der EU die Rechtsgrundlage

Grundsätzlich will Google nicht sagen, wie es welche seiner Dienste nach dem Material durchsucht. Es ist aber davon auszugehen, dass es unter anderem Suchergebnisse, YouTube-Videos, Inhalte der Plattform Blogger sowie E-Mails nach dem illegalen Material scannt. Inhalte, die Google Algorithmen markieren, werden vor einer Meldung noch einmal von speziell geschulten Mitarbeitern geprüft.

In der Europäischen Union gibt es für die Gmail-Scans derzeit allerdings keine eindeutige Rechtsgrundlage.  Denn seit dem 21. Dezember greift der sogenannte europäische Kodex für die elektronische Kommunikation (EECC). Dienste wie E-Mail und Messenger fallen dadurch in den Anwendungsbereich der E-Privacy-Richtlinie. Die wiederum garantiert eine Vertraulichkeit von Kommunikationsdaten. Eine Übergangslösung für das Aufspüren von Missbrauchsdarstellungen wird derzeit zwischen EU-Parlament und Mitgliedstaaten verhandelt, die Kommission will zeitnah auch eine dauerhafte Lösung vorstellen. Google setzt wie unter anderem auch Microsoft auf eine Einigung  und will so lange an seiner Selbstverpflichtung festhalten, sich um die Sicherheit seiner Nutzerinnen und Nutzer zu bemühen.

Facebook hat sich anders als Google und Microsoft entschieden , in der Zwischenzeit nicht ohne Rechtsgrundlage zu agieren. Die Durchsuchung von Messenger-Nachrichten ist daher ausgesetzt. Dennoch kündigte der Konzern diese Woche neue Maßnahmen gegen die Verbreitung des illegalen Materials  an, angefangen bei Hinweisen an Nutzer, die innerhalb von Facebooks Apps nach einschlägigen Begriffen suchen.

Das NCMEC glaubt, schon negative Auswirkungen des EECC erkannt zu haben. In den sechs Wochen nach Inkrafttreten des Kodex habe man von den Techfirmen insgesamt nur rund halb so viele Meldungen mit EU-Bezug erhalten wie in den sechs Wochen vor Inkrafttreten. »Zwar könnten auch andere Faktoren zu dieser Fluktuation in den Daten beigetragen haben«, teilte die Organisation mit , »aber wir glauben, dass ein großer Teil des Meldungsrückgangs die Folge des Versagens der EU ist, vor dem 20. Dezember einen vernünftigen Kompromiss zu finden«.

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