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Wearables: Das Silicon Valley zweifelt an Google Glass

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Wearables Das Silicon Valley zweifelt an Google Glass

Kein Produkt spaltet die Tech-Welt so sehr wie Google Glass. Inzwischen scheint fraglich, ob die Datenbrille überhaupt eine Zukunft hat. Trotzdem suchen viele Konzerne und Start-ups nach neuen Ideen, Mensch und Computer noch enger aneinander zu binden.

Ab sofort berichtet an dieser Stelle SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz in einer wöchentlichen Kolumne aus dem Silicon Valley und blickt hinter die Kulissen der digitalen Revolution, die rund um die Welt Gesellschaft und Wirtschaft verändert.

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Foto: Sarah Girner

Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Erlebte Aufstieg und Fall der New Economy bei einem Frankfurter Internet-Start-up. Seit 2001 beim SPIEGEL. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.

Seit Wochen entwickelt sich eine zunehmend heftige Diskussion im Silicon Valley um die Frage, ob Google Glass schon jetzt gescheitert ist. Lange bevor die Datenbrille überhaupt auf den Markt kommen soll. Das scheint zunächst erstaunlich, denn seit dem iPad hat kein neues Tech-Produkt rund um die Welt so viel Aufmerksamkeit, so viel Hype generiert. Das Gerät ist ein technisches Wunderwerk der Miniaturisierung, ein Sinnbild für die Science-Fiction-Visionen, die Google mit Hingabe verfolgt. Aber selbst eingefleischte Techies hassen Google Glass.

Manche Kneipen im Valley haben das Tragen der Datenbrille bereits verboten. Neulich kam es in San Francisco fast zur Schlägerei zwischen einer Glass-Trägerin und anderen Gästen. Selbst im Googleplex, dem weitläufigen Konzernhauptquartier in Mountain View, sind kaum noch Mitarbeiter zu sehen, die den Mini-Computer auf der Nase tragen wollen.

Der Konzern hat den Verkaufsbeginn für den Massenmarkt mehrfach verschoben. Wahrscheinlich weil es die Masse schlicht nicht gibt. Vergangene Woche hat Google nun die Zusammenarbeit mit einem italienischen Brillenhersteller angekündigt. Es ist der wohl zwecklose Versuch, die Datenbrille irgendwie doch noch schick zu machen, anzusteuern gegen den Trend, dass ihre Träger als "Glassholes" verschrien sind.

Eine Verbindung zwischen Mensch und Maschine schaffen

Vor kurzem habe ich den Mann besucht, der Google Glass maßgeblich entwickelt hat. Er stammt aus Solingen. Sebastian Thrun hat Google X gegründet, das Geheimlabor von Google, er ist enger Vertrauter von Larry Page und Sergey Brin, und er ist alles andere als ein "Glasshole". Thrun ist einer der weltweit führenden Experten für künstliche Intelligenz, und sein Ziel ist es, "nur die Visionen zu verfolgen, die die Welt verändern können". Er sagt, die Idee von Google Glass sei, "Computer besser mit unserer eigenen Wahrnehmung zu verbinden". Eine natürlichere Verbindung zwischen Mensch und Maschine zu schaffen.

Thruns Ziele sind im Kern gut und richtig. Denn längst ist klar, dass in einer Welt, in der viele noch nicht einmal fünf Minuten von ihren Smartphones zu trennen sind, das Mensch-Computer-Verhältnis immer symbiotischer wird. Diese Beziehung direkter und geschmeidiger zu machen, etwa durch Sprachsteuerung und optische Verbindungen, ist ein großer Schritt.

Nur: Einen Computer samt Kamera ausgerechnet im Gesicht zu tragen ist ebenso aufdringlich wie sozial unverträglich.

Eines haben Thrun und Google trotzdem mit dem Projekt Glass bereits erreicht: Die Tech-Welt hat sich darauf geeinigt, dass am Körper getragene Computer, sogenannte Wearables, der nächste große Schritt nach Tablets und Smartphones sein sollen. Sei es als Uhr, Armband oder Brille. Oder mit welchem Konzept auch immer Apple wohl noch in diesem Jahr auf den Markt kommen wird.

Datenbrillen mit dem Auto-Bordcomputer verbinden

Noch ist die neue Kategorie nicht klar definiert, die Produkte sind längst nicht ausgereift. Fest steht nur, dass sich niemand erneut von Apple vorführen und abhängen lassen will. In den vergangenen Monaten ist das Wettrennen erheblich intensiver geworden. Es sind Dutzende neue Start-ups entstanden, die Wearables entwickeln. Selbst im Forschungslabor von Mercedes-Benz im Silicon Valley wird bereits erprobt, wie sich Datenbrillen und Smartwatches mit dem Auto-Bordcomputer verbinden lassen.

Facebook übernahm vergangene Woche den Hersteller einer Virtual-Reality-Brille für zwei Milliarden Dollar, um daraus "eine neue Kommunikationsplattform" zu basteln.

Und auch Google will sich nicht mehr auf Glass verlassen und stellte vor zwei Wochen ein neues Betriebssystem für Wearables, Android Wear, vor. Als erstes Produkt wird bald die Motorola-Smartwatch Moto 360 auf den Markt kommen.

Datenbrillen sind trotzdem längst nicht abgeschrieben. Aber vielleicht liegt ihre Zukunft zunächst eher in der industriellen Anwendung. Darauf setzt auch das Fraunhofer-Institut, das eine "interaktive Datenbrille mit bi-direktionalen OLED-Mikrodisplays" entwickelt hat. Anders als Google Glass projiziert die Fraunhofer-Brille ein Display direkt über das Sichtfeld: So werden digitale Informationen über die vom Nutzer betrachtete Welt eingeblendet. Möglich wird das über spezielle Mikro-Displays, in deren Entwicklung das deutsche Institut weltweit führend ist.

Vor kurzem war Uwe Vogel, der zuständige Abteilungleiter des Instituts, für eine Woche im Silicon Valley, um die deutsche Datenbrille vorzustellen. Das Interesse sei da bei den einschlägigen Tech-Größen, betont Vogel während er die deutsche Entwicklung demonstriert, "dank einer erweiterten Funktionalität als Google Glass".

Die Prototypen sind gute deutsche Wertarbeit

Die Brille wird ausschließlich über die Augen gesteuert. Winzige Kamerasensoren registrieren die Bewegungen der Augäpfel, ein Bildverarbeitungsprogramm berechnet die genaue Pupillenposition, über die grafische Menüs und eingeblendete Informationen gesteuert werden.

Helfen soll die Brille allen, die freihändig arbeiten müssen, aber dabei ständig auf neue Informationen und Computerhilfe angewiesen sind: Etwa Chirurgen während einer Operation oder Montagearbeiter. Behinderte oder gebrechliche Menschen sollen per Augenbewegung Maschinen steuern, kommunizieren oder einfach das Fernsehprogramm wechseln können.

Vogel sucht im Valley nun nach Partnern, die Anwendungen für die Datenbrille entwickeln können. Er sagt: "Apps sind nicht unsere Kompetenz." Design auch nicht. Die Prototypen sind gute deutsche Wertarbeit, aber klobig und hässlich.

Doch Vogel stört das nicht, er sagt ebenso nüchtern wie bestimmt: "Gegenüber Google Glass besitzt unsere Datenbrille mit der berührungslosen Augensteuerung ein sensationelles Alleinstellungsmerkmal." Die Fraunhofer-Forscher haben schnell gelernt: Nur die Selbstbewussten setzen sich durch im Valley.