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25. April 2014, 17:28 Uhr

Facebook-Konkurrenz

Google+ ist noch kein Zombie

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Der Chef von Google+ geht. Drei Jahre nach dem Start des sozialen Netzwerks stellen Kritiker nun die Existenzfrage, einige bezeichnen die Facebook-Alternative sogar als "Zombie". Das hat Google+ nicht verdient.

Wie geht es weiter mit Google+? Nach dem Abgang des verantwortlichen Google-Managers Vic Gundotra gibt es Spekulationen über die Zukunft des sozialen Netzwerks. Angeblich sollen ganze Teams bereits von der Arbeit an Google+ abgezogen worden sein, berichtet "TechCrunch". Zwar habe der Konzern das Projekt noch nicht völlig verloren gegeben, es sei aber sozusagen ein Zombie. Google bestreitet solche Berichte vehement.

Für einen Zombie ist Google+ auch erstaunlich lebendig. Rund 300 Millionen Nutzer sollen laut Google jeden Monat bei Google+ vorbeischauen. Bei Facebook sollen es zwar vier Mal so viele sein, aber es reicht trotzdem für den zweiten Platz, noch vor Twitter.

Dafür hat Google allerdings einige Anstrengungen unternommen. Das Netzwerk wurde seit dem Start vor drei Jahren immer enger mit anderen Google-Produkten verwoben. Weil es bei Google mittlerweile nur noch einen Account für alle Dienste gibt, sind angemeldete Nutzer ohnehin nur einen Klick von Google+ entfernt.

Googles Super-Profil

Nicht nur Datenschützern missfällt diese Integration. Vor allem die Zwangsvermählung von Google+ und YouTube stieß auf wenig Gegenliebe bei den Nutzern. Die Kommentare auf der Videoseite sind nun mit Profilen auf Google+ verknüpft. Auch wenn Vic Gundotra so Nutzer zu Google+ drängen konnte, aus dem tiefdunklen Facebook-Schatten konnte das Netzwerk bisher nicht hervortreten.

Dabei hat Google+ durchdachte Funktionen, darunter das Teilen von Fotos, Links und Texten nur mit bestimmten Gruppen, den sogenannten Kreisen: mehr Schutz für die eigenen Daten. Bei Facebook war diese Möglichkeit lange Zeit versteckt und schwierig zu nutzen. Verglichen mit Facebook wirkt die Google-Seite außerdem angenehm aufgeräumt und ruhig - und das liegt nicht an fehlenden Inhalten.

Es wird noch besser: Die Chat- und Videofunktion Hangout funktioniert einfach im Browser und auf Smartphones. Die Foto-Verwaltung ist durchdacht. Google+ ist mindestens ein vollwertiger Facebook-Ersatz. Twitter arbeitet sich da erst langsam heran, zuletzt mit der Umstellung der Profilseiten. Langsam, aber sicher sehen sich die drei großen Netze zum Verwechseln ähnlich.

Funktionale Trennung

Aber wozu Google+, wenn doch fast alle schon bei Facebook sind? Läuft im Web nicht ohnehin alles auf Konzentration hinaus, auf wenige große Dienste statt Vielfalt? So wie es ein Amazon, ein Ebay und ein PayPal gibt?

Für Fans funktionaler Trennung, die ihre Daten nicht bei einem einzigen Konzern ablegen wollen, kann die Netzwerk-Vielfalt durchaus attraktiv sein. Die Freunde sammelt man dann bei Facebook, der Netzgemeinde folgt man auf Twitter. Doch die Gefahr besteht, dass Google-Vielnutzer das Netzwerk links liegen lassen, weil sie schon den Chrome-Browser und GMail nutzen.

Für Multi-Netzwerker, die nebenbei auch noch Xing- und LinkedIn-Profile betreiben, ist Google+ hingegen nur ein weiterer Kanal, der bespielt werden muss. Damit das Jonglieren mit den vielen Diensten nicht zur Herkulesaufgabe mutiert, schaufeln kleine Helferlein die Postings der Social-Media-Profis automatisch zwischen den Diensten hin und her.

Es gibt sie doch

Aber es gibt sie doch: Die Fans, die Google+ nutzen, weil sie dort Freunde und nützliche Informationen finden. Weil sie das allgegenwärtige Facebook über haben. Die wütend Blogeinträge verfassen, wenn wieder einmal das Wort Zombie als Bezeichnung für ihr digitales Wohnzimmer verwendet wird. Oder die einfach aus Gewohnheit weiter Google+ nutzen.

Die Frage ist, ob Google sich damit zufriedengeben kann. Mit Platz Nummer zwei, für immer hinter Facebook. Oder Google+ irgendwann doch enttäuscht einstampft, bei einem der regelmäßigen Frühjahrsputze.

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