Facebook-Konkurrenz Google+ ist noch kein Zombie

Der Chef von Google+ geht. Drei Jahre nach dem Start des sozialen Netzwerks stellen Kritiker nun die Existenzfrage, einige bezeichnen die Facebook-Alternative sogar als "Zombie". Das hat Google+ nicht verdient.

Von


Wie geht es weiter mit Google+? Nach dem Abgang des verantwortlichen Google-Managers Vic Gundotra gibt es Spekulationen über die Zukunft des sozialen Netzwerks. Angeblich sollen ganze Teams bereits von der Arbeit an Google+ abgezogen worden sein, berichtet "TechCrunch". Zwar habe der Konzern das Projekt noch nicht völlig verloren gegeben, es sei aber sozusagen ein Zombie. Google bestreitet solche Berichte vehement.

Für einen Zombie ist Google+ auch erstaunlich lebendig. Rund 300 Millionen Nutzer sollen laut Google jeden Monat bei Google+ vorbeischauen. Bei Facebook sollen es zwar vier Mal so viele sein, aber es reicht trotzdem für den zweiten Platz, noch vor Twitter.

Dafür hat Google allerdings einige Anstrengungen unternommen. Das Netzwerk wurde seit dem Start vor drei Jahren immer enger mit anderen Google-Produkten verwoben. Weil es bei Google mittlerweile nur noch einen Account für alle Dienste gibt, sind angemeldete Nutzer ohnehin nur einen Klick von Google+ entfernt.

Googles Super-Profil

Nicht nur Datenschützern missfällt diese Integration. Vor allem die Zwangsvermählung von Google+ und YouTube stieß auf wenig Gegenliebe bei den Nutzern. Die Kommentare auf der Videoseite sind nun mit Profilen auf Google+ verknüpft. Auch wenn Vic Gundotra so Nutzer zu Google+ drängen konnte, aus dem tiefdunklen Facebook-Schatten konnte das Netzwerk bisher nicht hervortreten.

Dabei hat Google+ durchdachte Funktionen, darunter das Teilen von Fotos, Links und Texten nur mit bestimmten Gruppen, den sogenannten Kreisen: mehr Schutz für die eigenen Daten. Bei Facebook war diese Möglichkeit lange Zeit versteckt und schwierig zu nutzen. Verglichen mit Facebook wirkt die Google-Seite außerdem angenehm aufgeräumt und ruhig - und das liegt nicht an fehlenden Inhalten.

Es wird noch besser: Die Chat- und Videofunktion Hangout funktioniert einfach im Browser und auf Smartphones. Die Foto-Verwaltung ist durchdacht. Google+ ist mindestens ein vollwertiger Facebook-Ersatz. Twitter arbeitet sich da erst langsam heran, zuletzt mit der Umstellung der Profilseiten. Langsam, aber sicher sehen sich die drei großen Netze zum Verwechseln ähnlich.

Funktionale Trennung

Aber wozu Google+, wenn doch fast alle schon bei Facebook sind? Läuft im Web nicht ohnehin alles auf Konzentration hinaus, auf wenige große Dienste statt Vielfalt? So wie es ein Amazon, ein Ebay und ein PayPal gibt?

Für Fans funktionaler Trennung, die ihre Daten nicht bei einem einzigen Konzern ablegen wollen, kann die Netzwerk-Vielfalt durchaus attraktiv sein. Die Freunde sammelt man dann bei Facebook, der Netzgemeinde folgt man auf Twitter. Doch die Gefahr besteht, dass Google-Vielnutzer das Netzwerk links liegen lassen, weil sie schon den Chrome-Browser und GMail nutzen.

Für Multi-Netzwerker, die nebenbei auch noch Xing- und LinkedIn-Profile betreiben, ist Google+ hingegen nur ein weiterer Kanal, der bespielt werden muss. Damit das Jonglieren mit den vielen Diensten nicht zur Herkulesaufgabe mutiert, schaufeln kleine Helferlein die Postings der Social-Media-Profis automatisch zwischen den Diensten hin und her.

Es gibt sie doch

Aber es gibt sie doch: Die Fans, die Google+ nutzen, weil sie dort Freunde und nützliche Informationen finden. Weil sie das allgegenwärtige Facebook über haben. Die wütend Blogeinträge verfassen, wenn wieder einmal das Wort Zombie als Bezeichnung für ihr digitales Wohnzimmer verwendet wird. Oder die einfach aus Gewohnheit weiter Google+ nutzen.

Die Frage ist, ob Google sich damit zufriedengeben kann. Mit Platz Nummer zwei, für immer hinter Facebook. Oder Google+ irgendwann doch enttäuscht einstampft, bei einem der regelmäßigen Frühjahrsputze.



insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
philiem 25.04.2014
1. Positiv zu Google+ aber kein eigenes Profil...
Nett vom Autor! Und Recht hat er auch! Google+ ist entspannter und hübscher, bietet nützliche Funktionen aber trotzdem ist es da so viel los wie in meiner Innenstadt! Und dann wird der Spiegel Autor auch nur auf Facebook verlinkt und den Artikel kann man in der Spiegel Online App nur per Twitter teilen! Ist irgendwie so als wenn der Autor ein Elektroauto als Klasse bewirbt, aber selber nur Benziner fahren würde!
kilroy-was-here 25.04.2014
2. Google+ hat Mitglieder zwangsläufig lukriert...
insofern, als dass youtube aktiv nicht funktionierte ohne Google+ Konto (uploads und editieren...). So war ich gezwungen ein Profil anzulegen. Mir wäre lieber gewesen, es ginge alles ohne Google+
haraldsfca 25.04.2014
3. Ich Finde Google+ Toll
Ich mache viel mehr an Google+ weil es gibt nicht so viele Leute.
zila 25.04.2014
4. Bin gern auf Google+
Ich folge ein paar Interessengruppen und erhalte wunderschoene Photostreams, animated GIFs etc. Meine Freunde und Bekannte sind bei Facebook, was technisch selbst wenn man die Werbung wegfiltert nach wie vor einen klobigen Eindruck macht. Twitter nutz ich kaum, ist wohl mehr ein Kanal fuer Promi- und Serienfans. Ich hab's mal eine zeitlang fuer Nachrichtenstreams genutzt, aber mit einem guten RSS Reader mittlerweile unnoetig.
blowup 25.04.2014
5. Klasse Plattform
G+ ist eine klasse Plattform, nicht so ein lärmender Jahrmarkt der Eitelkeiten wie Facebook. Ich würde sofort auf FB verzichten, wenn mehr meiner Kontakte zu G+ wechseln würden. Letztlich entsprechen die Kreise von G+ mehr der Leben Wirklichkeit. Man hat eine Handvoll Freundev und der Rest sind "Bekannte". Und mit "Bekannten" redet man nicht über alles (mit Fred nur über Fußball, mit Georg nur über Autos, etc.). Sowas ist problemlos in G+ abbildbar. FB ist eine Art Bildzeitung, das heißt man klickt da hektisch rum, meist während der Arbeit, mal hier ein Like oder da ein schneller Post. Alles sehr trivial. Geht nur um die Kontaktanlässe, meist sind die Inhalte austauschbar. Bei meinen FB-Kontakten, alles Early Adopters, stelle ich einen drastischen Rückgang der FB-Aktivitäten fest.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.