Software für Denkspiel Go Google schlägt Facebook

Im Rennen um künstliche Intelligenz hat Google die Konkurrenz düpiert: mit einem Programm, das menschliche Profis im Brettspiel Go schlagen kann. Facebook-Chef Mark Zuckerberg wurmt das augenscheinlich.
Go-Spiel: "Ein Kunststück, von dem man bislang glaubte, es sei noch ein Jahrzehnt entfernt"

Go-Spiel: "Ein Kunststück, von dem man bislang glaubte, es sei noch ein Jahrzehnt entfernt"

Foto: imago

Es kann natürlich Zufall sein, dass Mark Zuckerberg diesen Facebook-Post ausgerechnet am Morgen des 27. Januar veröffentlicht hat. Aber sehr wahrscheinlich ist das nicht.

Zuckerbergs Post geht in Kurzform so: Unsere Künstliche-Intelligenz-Experten haben gewaltige Fortschritte dabei gemacht, Computern das Go-Spielen beizubringen. Dann folgt ein gewissermaßen weltöffentliches Lob vom Facebook-Chef: "Der Forscher, der daran arbeitet, Yuangdong Tian, sitzt ungefähr sechs Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Ich finde es toll, dass unser KI-Team so nah bei mir ist, sodass ich aus dem lernen kann, woran sie arbeiten."

Yuangdong Tian findet das zweifellos auch toll. Weniger begeistert dürfte er über den vermutlich wahren Grund für Zuckerbergs öffentliches Lob sein: Die Konkurrenz, die KI-Forscher von Google, genauer gesagt die des von Google aufgekauften Unternehmens Deepmind, haben in Sachen Go gerade gewonnen.

Nicht ein einzelnes Spiel, nicht einmal ein Turnier. Sondern das Rennen um das erste Programm, das in der Lage ist, menschliche Profispieler tatsächlich zu schlagen.

"Professionellen menschlichen Spieler geschlagen"

Zu diesem Erfolg gehört auch die prestigeträchtigste wissenschaftliche Veröffentlichung zum Thema. Denn die Forscher um David Silver und Deepmind-Gründer Demis Hassabis veröffentlichen jetzt in "Nature" einen Artikel  mit dem Titel "Mit tree search und tiefen neuronalen Netzwerken das Go-Spiel meistern". (Informationen zum Stichwort neuronale Netze finden Sie im Kasten unten.)

Der triumphierendste und für die Außenwirkung wichtigste Satz des für Laien schwer verständlichen Forschungsberichts findet sich am Ende des Abstracts: "Dies ist das erste Mal, dass ein Computerprogramm einen professionellen menschlichen Spieler in einem vollständigen Go-Spiel geschlagen hat - ein Kunststück, von dem man bislang glaubte, es sei noch ein Jahrzehnt entfernt."

Yuandong Tian und Yan Zhu, die eben nicht für Google, sondern für Facebook an KI-Problemen arbeiten, haben mithilfe eines neuronalen Netzes eine Go-Software geschaffen, die marktüblichen Programmen überlegen sein soll: Einen klaren 5:0-Sieg gegen den Go-Profi Fan Hui haben sie aber nicht zu bieten. Der in China geborene Fan, der heute in Frankreich lebt, hat in den Jahren 2013 bis 2015 jeweils den Titel des europäischen Go-Meisters errungen. Die erste der fünf Partien gegen die AlphaGo getaufte Software verlor Fan, bei den übrigen vier gab er irgendwann im Lauf des Spiels auf.

Facebooks Artikel: eben noch mal auf den neuesten Stand gebracht

Das Facebook-Team hat seinen Go-Automaten bislang nur in Form eines Arbeitspapiers  veröffentlicht. Das Papier hat Yuangdong Tian am gestrigen Dienstag, als in Fachkreisen schon bekannt war, dass das "Nature"-Paper vor der Veröffentlichung steht, noch einmal auf den neuesten Stand gebracht.

Go gilt als eine der aktuellen Königsdisziplinen der KI-Forschung, ähnlich wie Schach es früher einmal war. Bislang erreichten Go-Programme allenfalls das Niveau guter Amateure, einfach deshalb, weil das Spiel ungleich komplexer und vielfältiger ist als Schach: Allein das Brett hat 19 x 19 Positionen, bei Schach sind es bekanntlich nur 8 x 8. Die Gesamtzahl möglicher Spielpositionen ist im Go um ein Vielfaches größer.

Go wird von zwei Spielern gespielt, die abwechselnd runde, flache Steine auf den Kreuzungen der Linien auf dem Brett platzieren. Das Ziel des Spiels besteht darin, möglichst großflächige Territorien auf dem Spielfeld zu besetzen. Wer eine Gruppe Steine des Gegners mit Steinen der eigenen Farbe vollständig umschließt, darf diese vom Brett nehmen.

Go stammt aus dem alten China, bis heute ist das Spiel vor allem in Asien extrem populär. Wegen der enormen Vielzahl möglicher Züge und Konstellationen galt es mit bisherigen Methoden als besonders schwierig von Computern zu simulieren.

1200 CPUs, 176 Grafikkarten

Googles Deepmind-Team knackte das Problem, indem es mehrere neuronale Netzwerke mit einer bereits von anderen Go-Programmen bekannten Technik kombinierte. Eines der Netzwerke wurde trainiert, indem es mit realen Zügen aus Spielen einer großen Datenbank mit Profi-Partien konfrontiert wurde. Ein anderes spielte immer wieder gegen sich selbst. So entstand ein "Wert-Netzwerk", das die jeweilige Konstellation auf dem Brett beurteilte und ein "Policy-Netzwerk", das passende Züge auswählte. Kombiniert wurden diese beiden Netze mit einer klassischen Entscheidungs-Baum-Methode namens Monte Carlo Tree Search.

Mit dieser Kombination von Elementen sorgten die Forscher dafür, dass AlphaGo "Tausende von Positionen weniger bewerten musste, als Deep Blue das in seinem Schach-Match gegen Kasparow getan hat", schreiben sie nun in "Nature". Die bewerteten Positionen würden dank der Intelligenz des "Policy-Netzwerks" klüger ausgewählt und dank des "Wert-Netzwerks" präziser beurteilt. Dieser Ansatz liege vielleicht "näher an der menschlichen Spielweise". Die Rechenleistung, die dafür zum Einsatz kommt, ist allerdings eher übermenschlich: In seiner stärksten Version arbeitet AlphaGo mit über 1200 Zentralprozessoren (CPUs) und weiteren 176 Grafikkarten (GPUs), die besonders gut in parallelen Verarbeitungsvorgängen sind.

Für März ist schon der nächste Test des digitalen Go-Wunders geplant - AlphaGo soll in Seoul gegen den 1983 geborenen Südkoreaner Lee Sedol  antreten, einen Spieler, der den höchsten erreichbaren Go-Rang innehat. Er trägt den Spitznamen "der unschlagbare Junge". Sedol gilt als einer der besten, wenn nicht der beste lebende Spieler der Welt.

Und vielleicht gibt es irgendwann ja noch ein weiteres großes Duell: das zwischen Googles Software und dem künstlichem Go-Spieler von Yuangdong Tian. Facebooks KI-Forscher könnten sich dann doch noch ein wenig Ruhm erspielen - oder gar ein zweites Mal verlieren.


Zusammengefasst: Deepmind feiert einen Durchbruch im Bereich künstliche Intelligenz. Einer Software des von Google aufgekauften Unternehmens ist es gelungen, einen chinesischen Profi im Spiel Go zu schlagen. Go gilt als eine der aktuellen Königsdisziplinen der KI-Forschung, ähnlich wie früher Schach. Google kommt mit seinem Erfolg einem Facebook-Team zuvor, das ebenfalls auf dem Gebiet forscht.

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