Google trennt sich von KI-Forscherin »Das Ausmaß der Respektlosigkeit ist unglaublich«

Eine bekannte schwarze Computerexpertin verlässt Google im Streit. Andere Mitarbeiter und Wissenschaftlerinnen protestieren gegen den Abgang, Timnit Gebru selbst spricht von einem Rauswurf.
Timnit Gebru ist eine der bekannteren Google-Forscherinnen

Timnit Gebru ist eine der bekannteren Google-Forscherinnen

Foto: Kimberly White / TechCrunch / Getty Images

Warum arbeitet Timnit Gebru nicht mehr für Google? Diese Frage beschäftigt derzeit viele Google-Angestellte, aber auch Forscher und Forscherinnen, die sich dem Thema künstliche Intelligenz (KI) widmen. Gebru hat sich als KI-Ethikforscherin weltweit einen Namen gemacht, als Google-Vertreterin stand sie unter anderem auf Techkonferenzen auf der Bühne.

Gebru gilt als Vorkämpferin für eine diverse Techwelt. So gründete sie, selbst schwarz, etwa die Initiative »Black in AI« mit, die sich dafür einsetzt, dass Schwarze im Bereich der KI-Forschung präsenter werden.

Berichte darüber, wie die Techbranche Rassismus durch Algorithmen und andere Technologien verstärkt, gibt es immer wieder: Eine Ursache des Problems besteht darin, dass etwa an der Entwicklung von Gesichtserkennungssoftware vergleichsweise wenige People of Color beteiligt sind. Timnit Gebru will das ändern.

Seit Mitte dieser Woche jedoch streiten die Forscherin und Google öffentlich miteinander. Gebru hatte am Mittwochabend auf Twitter geschrieben, sie sei vom Chef von Googles KI-Abteilung gefeuert worden – wegen einer internen, unternehmenskritischen E-Mail. Der Betreff jener Nachricht, die Gebru an eine Arbeitsgruppe schickte, soll »Silencing Marginalized Voices in Every Way Possible« gelautet haben, also »Marginalisierte Stimmen auf jede denkbare Art zum Schweigen bringen«.

Streit über eine Forschungsarbeit

Gebru hatte in der Mail, die mittlerweile öffentlich geworden ist , ihre Frustration zum Thema Geschlechtervielfalt bei Google zum Ausdruck gebracht und die Frage aufgeworfen, ob ihre Arbeit von den Führungskräften des Unternehmens strenger bewertet werde als die von weißen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Vorausgegangen war der Nachricht ein Streit über ein wissenschaftliches Paper, an dem Gebru an der Seite weiterer Google-Forscherinnen, aber auch externer Unterstützer gearbeitet hatte. Google jedoch war mit dieser Forschungsarbeit offenbar nicht glücklich: Einem Entwurf des Papers wurde – anders als anderen Einreichungen Gebrus zuvor – keine Freigabe gewährt.

Jeff Dean, der Leiter von Googles KI-Abteilung, teilte anderen Google-Mitarbeiterinnen später per E-Mail mit , dass Gebru angekündigt habe, Google zu verlassen – falls ihr nicht mitgeteilt werde, welche Kollegen oder Kolleginnen vor der Entscheidung, das Paper nicht zur Veröffentlichung freizugeben, befragt worden seien. Jener Forderung von Gebru kam Dean nicht nach.

»Wir akzeptieren und respektieren ihre Entscheidung, bei Google zu kündigen«, betonte Dean noch. »Wir alle teilen Timnits Leidenschaft sehr, KI gerechter und integrativer zu gestalten.«

Wer hat wo Fehler gemacht?

Inner-, aber auch außerhalb des Unternehmens sorgt Gebrus Abgang nun für Ärger. Über 1400 Google-Angestellte und fast 1900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bekunden in einer Petition  ihre Solidarität mit der Forscherin: Sie werfen Google vor, Gebru unfair behandelt zu haben. Die Rede ist zudem von »beispielloser Forschungszensur«.

Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge ging es in einem Entwurf von Gebrus Paper unter anderem darum, dass Technologieunternehmen mehr tun könnten, um sicherzustellen, dass KI-Systeme, die auf die Nachahmung menschlicher Schrift und Sprache abzielen, historische geschlechtsspezifische Voreingenommenheiten und den Gebrauch anstößiger Sprache nicht verschlimmern.

Von Jeff Dean heißt es , die Arbeit sei dem Unternehmen nicht früh genug zur Überprüfung übergeben worden und infolgedessen ohne Freigabe bei einer Konferenz eingereicht worden. Auch inhaltlich hatte Dean Bedenken, er spricht von »zu viel relevanter Forschung«, die vom Autorenteam ignoriert worden sei. Personen, die Googles Freigabeprozesse oder auch den Inhalt des Entwurfs kennen, halten mindestens einen Teil von Deans Argumenten aber für vorgeschoben .

Ihren Frust auf Twitter abgelassen

Timnit Gebru hatte schon eine Woche zuvor auf Twitter ein Posting veröffentlicht , das sich im Nachhinein betrachtet auf den Streit um das Paper beziehen könnte: »Es geht nichts über einen Haufen privilegierter weißer Männer, die versuchen, die Forschung von marginalisierten Gemeinschaften für marginalisierte Gemeinschaften zu unterdrücken«, schrieb sie damals, »indem sie ihnen ohne ein Gespräch mitteilen, man solle damit aufhören. Das Ausmaß der Respektlosigkeit ist unglaublich.«

Bei Google arbeiten anteilig betrachtet nur wenige schwarze Frauen. Die Gruppe macht etwa 1,6 Prozent aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus. Das Unternehmen stand schon mehrfach wegen seiner Arbeitskultur in der Kritik, etwa im Zuge einer Debatte über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Erst diese Woche waren der Techfirma Verstöße gegen das US-Arbeitsrecht zur Last gelegt worden : Google soll laut der amerikanischen Arbeitnehmerschutzbehörde in zwei konkreten Fällen Kündigungen und Einschüchterungen eingesetzt haben, »um Aktivismus am Arbeitsplatz zu unterdrücken«. Das Unternehmen widerspricht den Vorwürfen.

mit Material von AP und Reuters