Google-Webbrowser Chrome 3 Mehr Speed, mehr Farbe

Inflation der Versionsnummern bei Google: Nach nur einem Jahr hat Google bereits die dritte Version des Webbrowsers Chrome veröffentlicht - und verspricht eine schönere Optik, mehr Geschwindigkeit und weitere Updates noch vor dem Jahresende. SPIEGEL ONLINE hat die neue Version schon ausprobiert.

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Googles Chrome-Entwickler sind fleißige Kerlchen - und sie lassen es die Welt wissen. Hüllen andere Browserhersteller meist ein Tuch des Schweigens über neue Entwicklungen und Funktionen, ist das bei Chrome anders. Jedes Update wird sofort veröffentlicht, für all jene, die mutig genug sind, sich an den oft noch wackeligen und gerne mal abstürzenden Zwischenversionen zu versuchen. Da wundert es nicht, dass der am Dienstagabend veröffentlichten Version 3.0.195.21 insgesamt 51 Entwicklerversionen, 21 Betas und 15 sogenannte stabile Updates vorausgingen, seit ihr Vorläufer im August publiziert wurde.

Dass Google ausgerechnet jetzt für seinen Browser trommelt, eine neue Version auf das Publikum loslässt, soll offenbar daran erinnern, dass der Browser des Internet-Unternehmens vor fast genau einem Jahr erstmals öffentlich gezeigt wurde, nachdem zuvor bereits zwei Jahre Entwicklungsarbeit in die Software eingeflossen waren. Der anfänglichen Begeisterung im Netz für Googles Projekt folgte freilich ein nur langsamer Ausbau der Marktanteile. Nachdem Chrome sich quasi vom Start weg etwa ein Prozent vom Browsermarkt sichern konnte, liegt er jetzt mit etwa 2,8 Prozent irgendwo zwischen Safari und dem ebenfalls kürzlich aufgefrischten Opera.

Während die Hersteller dieser Programme ihren Browsern allerdings nur maximal einmal pro Jahr eine neue Versionsnummer spendieren, wenn reichlich neue Funktionen hinzuprogrammiert worden sind, geht Google hier etwas großzügiger zu Werke, lässt die Versionszählung binnen eines Jahres um zwei Zähler nach oben klettern. Firefox brauchte von den ersten Vorversionen bis zur 3.0 noch geschlagene sechs, Opera und Netscape immerhin drei Jahre. Aber Google ist (wie Microsoft, die beim Internet Explorer auch nur zwölf Monate bis zur 3.0 brauchten) halt ein schnelles Unternehmen.

Auf den ersten Blick hat sich bei Chrome nicht viel getan. Die optische Erscheinung jedenfalls unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von den Vorgängern, die Neuerungen scheinen eher unter der Haube zu liegen.

Bildchen als Bookmarks

Doch der Schein trügt. Natürlich wurde am Unterbau des Webseitenprogramms reichlich geschraubt. Tatsächlich hat sich aber auch die optische Aufbereitung geändert, wie ein Blick auf die Tab-Seite des Browsers zeigt, die man auch als Startseite definieren kann, auf der die wichtigsten Bookmarks als Icons versammelt sind.

Die Idee, häufig benutzte Bookmarks nicht einfach als Liste, sondern als schnell anklickbare Symbole abzulegen, setzt sich bei Browsern zunehmend durch. Chrome kann das seit der ersten Version, Opera auch schon eine Weile und Safari ebenfalls. Googles Browser legt jetzt ein wenig nach, indem er dem Anwender mehr Selbstbestimmung bei der Gestaltung der visuellen Bookmarks zugesteht.

Der Nutzer darf entscheiden

Dafür wurde die Tab-Seite ein wenig umgestaltet und um Funktionen ergänzt, die es erlauben, die Bookmarks nach Lust und Laune selbst zu sortieren. Bisher hat Chrome hier einfach die am häufigsten angesurften Seiten abgelegt. Jetzt kann man selbst bestimmen, was dort zu liegen kommt und vor allem, was dort liegen bleibt. Mit einer virtuellen Nadel lassen sich Bookmarks quasi an Ort und Stelle festnageln - oder via Schließfeld von der Seite entfernen.

Einschränkend wirkt nur die Begrenzung auf maximal acht Bookmarksymbole auf der Tab-Seite. Safari erlaubt hier mehr Flexibilität, lässt den Anwender durch Wahl der Symbolgröße bis zu 24 solcher Schnellstart-Symbole unterbringen.

Kleine Symbole und große Themen

Ein klein wenig Kosmetik haben die Entwickler auch der sogenannten Omnibox gegönnt. Das Eingabefeld, in das man sowohl Webadressen als auch Suchanfrage eintippen kann, zeigt ihre Vorschläge jetzt mit kleinen Symbolen markiert an. So soll man in der Auswahlliste schneller erkennen, was reine Suchanfragen, was konkrete Weblinks und was bereits angesurfte Seiten sind.

Die, wenn man sie benutzt, wohl sichtbarste Neuerung in Chrome 3 dürfte die Einführung so genannter Themes, also Themen, sein. Genau wie man es von Handys kennt, lässt sich das Erscheinungsbild des Browsers damit an den eigenen Geschmack anpassen - bei den meisten Web-Programmen, die so etwas möglich machen, heißt so etwas "Skins". Während Themes bei Mobiltelefonen aber meist als Kombination aus Hintergrundbildern, Klingeltönen und anderen Eigenschaften aufgebaut sind, beschränken sich Chrome-Themes darauf, das Hintergrundbild im Browserfenster zu ändern. Muss man nicht mögen, kann man aber. Google stellt bereits knapp 30 Themes bereit, will in Kürze weitere folgen lassen. Opera geht da weiter, bietet derzeit 37 Skins, die den Rahmen des Programms selbst verändern, bis hin zu den Funktionen tragenden Icons.

Als wichtiger mag man die weitere Integration von HTML 5 in den Browser sehen. So kennt Chrome 3 jetzt den Video-"Tag" (ein Tag ist eine Markierung) aus der neuen Webseitensprache. Damit ist es möglich, Videos ohne Umweg über Technologien wie Flash in Webseiten einzubinden, mit interaktiven Elementen zu verbinden. Auf diese Weise kann man etwa ein Video einbinden, das nur dann zu Spielen beginnt, wenn man die Maus darüber zieht. Eine hübsche Sache und zukunftssicher auch, derzeit aber werden solche Methoden im Web kaum genutzt.

Speeeeeeeed

Andere Web-Techniken wie Javascipt und Ajax werden dagegen umso intensiver genutzt, um beispielsweise Internetanwendungen wie Google Maps oder Google Mail zu realisieren. Genau solche Anwendungen sollen nun schneller werden. Begeisterte schon die erste Version des Google-Browsers durch ihre Geschwindigkeit, hat die aktuelle Variante in dieser Hinsicht noch einmal kräftig zugelegt. Um bis zu 150 Prozent sei die Verarbeitung von Javascript gegenüber der ersten Beta-Version verbessert worden, behauptet Google. Gemessen an der Version 2 sei immer noch ein Geschwindigkeitszuwachs von 25 Prozent zu vermelden.

Mag sein. Im Test sind 25 Prozent mehr Speed kaum spürbar. In Benchmarks, also Testprogrammen, zeigt sich Chrome dagegen von seiner besten Seite: Im Webbrowser-Geschwindigkeitsvergleich Peacekeeper lässt er die Konkurrenz, zumindest auf unserem Testsystem, locker hinter sich.

Dieses Testsystem allerdings wird bereits mit Windows 7 betrieben, mit dem kommenden Windows also, und damit scheint Chrome keine Probleme zu haben. Mit Linux und Mac tun sich die Entwickler dagegen weiterhin schwer. Dabei könnten gerade die Anwender dieser Betriebssysteme kräftig dazu beitragen, Chromes Marktposition zu stärken. Wohl auch deshalb hat man sich vorgenommen, zumindest die Mac-Version noch vor Jahresende zu veröffentlichen, wie Sundar Pichai, Google Product Management Vice President, erklärt.

Wohl auch, weil man diese Kundschaft bei Google als wechselwilliger einschätzt als Windows-User, habe man sich vorgenommen, Chromes Marktanteil im kommenden Jahr zu verdoppeln. "Wenn wir zum zweiten Jahrestag nicht wenigstens fünf Prozent haben, werde ich außerordentlich enttäuscht sein", sagte Chrome-Chefentwickler Linus Upson der Nachrichtenagentur Reuters und hängt die Messlatte noch höher. Bis zum dritten Jahrestag will er bereits zehn Prozent Marktanteil für Chrome reklamieren können.

Und die wird er auch brauchen. Schließlich entwickelt Google bereits ein PC-Betriebssystem auf Chrome-Basis - und das wird sich nur verbreiten können, wenn sich Chrome bereits als Browser eine breite Basis geschaffen hat.



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