"Goosehead" Morgens in die Schule, mittags CEO

Die 15-jährige Ashley Power sorgt derzeit in den USA mit ihrem Online-Entertainment-Network Goosehead.com für Furore. Die Internet-Story der Cyber-Göre ist dabei fast zu schön, um wahr zu sein.

Von Jochen A. Siegle


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Eigentlich ist Ashley Power ein ganz normaler kalifornischer Teenager. Die Haarmähne ist sonnengebleicht, jeder zweite Satz mit coolen Floskeln wie "Like, you know" oder "Whatever" gepfeffert. Die Eltern gehen ihr tierisch auf den Geist, den ersten Freund hat sie gerade verlassen, weil sie ihn beim Essen von Nasenpopeln erwischt hat. Doch im Gegensatz zu ihren High-School-Buddies ist die 15-Jährige nicht nur Hauptdarstellerin in zahlreichen Web-Shows, sondern auch noch Gründerin und Präsidentin einer Internetfirma.

Goosehead.com nennt sich Powers Online-Entertainment-Unternehmen, das exklusive Programme von und für die Generation Playstation produziert. In sechs- bis zehnminütigen Videostreams erzählt die Schülerin Geschichten von der ersten Liebe, vom Stress mit Eltern und Geschwistern, High-School-Freundschaften oder ungerechtfertigtem Hausarrest. "Die meisten Storys basieren auf Ashleys Erlebnissen und Erfahrungen", erklärt Goosehead-Sprecher Andrew Wintner.

Mehr oder weniger aus umzugsbedingter Langeweile startete die Jungunternehmerin vor zwei Jahren die Website. Kaum dem Barbie-Alter entwachsen, stellte sie Fotos, Linksammlungen, Musikfiles und digitale Eigenkunstwerke ins Netz. Mit Unterstützung verschiedener Web-Designer, die sie online kennen gelernt hatte, professionalisierte das Mädchen das Angebot immer mehr und erweiterte die Site um Chats, Hausaufgabenhilfen, Horoskope oder praktische Tipps und Lebenshilfen für Teenager.

Geschickte Eigenpromotion in Chats und Suchmaschinen sorgte rasch für 40.000 Zugriffe pro Tag. Im Februar 2000 gründete das Cybergirlie dann mit finanzieller Unterstützung ihrer Eltern sowie verschiedener privater Investoren die Goosehead.com Inc. - zumindest lautet so die offizielle Firmengeschichte, die nur Hollywood hätte noch schöner erzählen können.

Und tatsächlich hat die Traumfabrik bei Goosehead.com inzwischen ihre Finger im Spiel: Als Partner konnte Power Hollywood-Altstar Richard Dreyfuss gewinnen. Dreyfuss ist nicht nur ein Verwandter, sondern zudem noch Geschäftsfreund von Ashleys Mama. Und Onkel Rich hat sich nicht nur finanziell am Onlineprojekt beteiligt, sondern leistet auch tatkräftig Produktionshilfe. Derzeit dreht der Schauspieler auch eigene "Webisodes", die auf der Goosehead-Site zu sehen sein werden.

Mittlerweile ist Ashley Power jedoch selbst auf dem Sprung nach Hollywood: Ende vergangener Woche hat MGM Television Entertainment einen Deal mit der Web-Company vereinbart. Das Studio wird Powers erfolgreichste Show "Whatever" als einstündige Wochenserie für den TV-Kanal Showtime produzieren. Im März hatte die Web-Prinzessin noch ein Angebot des Musiksenders MTV abgelehnt. Auch ein Buch zur Web-Community ist inzwischen in Arbeit: "The Goosehead Guide to Life" soll 2001 von Hyperion verlegt werden.

Praktisch über Nacht avancierte das Power-Girl in den USA zum Medienstar. Und nicht nur das publicityträchtige Alter des Teen-CEO hat die Aufmerksamkeit der US-Presse auf sich gezogen. Vielmehr sorgten auch einige kritische Stimmen zur Online-Göre für Schlagzeilen: Vor allem die Unverblümtheit, mit der Liebe und Sex thematisiert werden, sowie der unzensierte Jugend-Slang sind Moralaposteln im pseudoprüden Amerika ein Dorn im Auge. "So denken und sprechen wir aber nun mal im täglichen Leben", rechtfertigt Power.

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Skepsis allerdings ist angebracht, inwieweit der Online-Teen tatsächlich in die Geschäfte des Unternehmens involviert ist oder ob die Schülerin nur PR-wirksam inszeniert wurde. "Nichts passiert hier, ohne dass Ashley beteiligt ist", versichert Wintner. "Morgens geht sie zur Schule, mittags arbeitet sie hier im Büro." Mutter Michelle und Stiefvater Mark Schilder, gemeinsam Eigentümer einer Werbeagentur, fungieren als Co-CEOs der Internetfirma, die mittlerweile 30 Angestellte zählt. Schilder führt zudem Regie bei den "Whatever"-Episoden. Auch die glamourösen, auf den Goosehead-Sites omnipräsenten Fotos des Cyberstars lassen Zweifel an der Authentizität des Web-Märchens aufkommen: Power erinnert kaum an einen pubertierenden Internetfreak, sondern vielmehr an eine "American Beauty"-Lolita im Britney-Spears-Look.

Zurückhaltend engagieren sich bislang auch große Investoren. Derzeit wird das Web-Unternehmen vor allem von Bekannten und vereinzelten Sponsoren finanziert. Obwohl nach Eigenangaben inzwischen mehr als 300.000 tägliche Zugriffe verzeichnet werden, ist das Unterhaltungsprojekt Insidern zufolge alles andere als profitabel.

Verschiedene finanziell wesentlich besser ausgestattete Teen-Websites mussten unlängst ihre virtuellen Pforten schließen: Das Beauty- und Fashion-Portal Kibu.com setzte etwa 23 Millionen US-Dollar in den Sand und ging Anfang des Monats offline, die Konkurrenten MXGOnline und Pseudo.com mussten im September aufgeben. Die Bankrotterklärung des mega-gehypten Jugendportals DEN liegt ebenfalls erst wenige Monate zurück. "Wir planen zahlreiche neue Shows fürs Netz und TV", erklärt Wintner den jüngsten Pleiten zum Trotz sehr selbstbewusst. "Man wird in nächster Zeit noch sehr viel von uns hören."



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