Grabenkampf Kasparow in Lauerstellung

Mit wenigen Zügen zwingt Garry Kasparow Junior aus seiner Eröffnungsbibliothek. Dann igelt sich der Großmeister ein, versucht, Junior in die Initiative zu zwingen. Doch der weiß noch nicht, was er will. Weiß es Kasparow?


Kasparow prüft bedächtig: Die vierte Partie begann der Großmeister mit einer gänzlich anderen Strategie
AP

Kasparow prüft bedächtig: Die vierte Partie begann der Großmeister mit einer gänzlich anderen Strategie

Zwanzig Züge, und nur zwei Bauern fallen: Eine Bilanz, die in sich schon einiges sagt. Mit einer schnell vorgebrachten Zugsequenz zwingt Kasparow den Rechner aus seiner Eröffnungsbibliothek. Dann beginnt Kasparow damit, eine starke Verteidigungslinie aufzubauen: Da ist kaum ein Durchkommen. Nach siebzehn Zügen steht die Verteidigung des Großmeisters wie eine Mauer, nun lauert er auf die Initiative des Rechners.

Der, hofft Kasparow anscheinend, möge sich doch mal am Felsen reiben. Im Zweifelsfall könnte Kasparow heute Nacht sogar ein Remis reichen: Das Spiel mit Schwarz macht es ihm schwer, zu einem Angriff zu finden. Das Problem ist hier nicht zuletzt das Zeitkonto: Zwei Stunden stehen den Kontrahenten für die ersten 40 Züge zur Verfügung. Von der Eröffnung ins Mittelspiel und in einen Angriff zu finden, braucht seine Bedenkzeit: Groß wäre hier das Risiko, dass ihm gegen Ende dieser ersten Spielphase die Zeit wegliefe und ihn zu hektischen Zügen zwänge.

Doch auch ein rein lauerndes, passives Spiel ist nicht ohne Risiken: Auch Junior verbessert seine Position, ohne bisher einen Angriff vorgetragen zu haben. "Bisher", meint Kommentator Mig Greengard, "hat er nichts wirklich Dummes getan, aber einige nutzlose Züge getätigt".

Kasparows Lauern aber könnte Junior Gelegenheit geben, ein in ungewöhnlicher Tiefe berechnetes Szenario aufzubauen - wenn er kann. Wie wahrscheinlich das aber trotz der dem Menschen klar überlegenen Rechentiefe tatsächlich ist, ist fraglich: Computer gelten nicht als Meister der Strategie.

Kasparow hingegen schon - und zudem gilt er als aggressiver Spieler. Sein Mauern in dieser auslaufenden Eröffnungsphase ist somit untypisch für ihn. Somit steht Kasparow unter Generalverdacht: Er testet aus, wie der Rechner auf verschiedene Spielansätze reagiert. Worauf er konkret wartet, fragen sich auch die Kommentatoren vor Ort. Dass er aber schließlich versuchen wird, den Rechner in Patt oder besser noch Niederlage zu zwingen, bezweifelt niemand.

Doch kann es ihm gelingen? Mit dem 21. Zug sorgt Junior für eine Überraschung: Es scheint sich nicht nur ein Angriff anzubahnen, sondern zudem einer, den Kasparow ihm nicht zugetraut hatte…



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