Gratis-Filme im Netz Wie die Zukunft des Fernsehens aussieht

Von Dennis Schirrmacher

2. Teil: Die Streams kommen - Deutschlands TV-Szene bereitet sich auf die On-demand-Zeit vor


Um Filme austrahlen zu dürfen, benötigt man für jedes Medium eine eigene Lizenz. Die Lizenzgeber bestimmen, was wann und wo gezeigt werden kann.

Auch hier steht ein Umbruch an: In den vergangenen zwei Jahren begannen Filmfirmen zum Teil mit einer fast parallelen Auswertung ihrer Ware im Kino und auf DVD. Der Grund: Mit den Silberscheiben verdienen die Produzenten mehr als an der Kinokasse. Fließt einmal mehr Geld für Streams im Netz als für Lizenzen im freien Fernsehen, könnte auch hier die Verwertungsreihenfolge kippen. Für Netz-Nutzer eine verlockende Aussicht - für manchen TV-Sender ein Alptraum.

Beim MSN-Movie-Portal kümmerte sich der Streaming-Anbieter Nowtilus um die Rechte. Aber auch MSN selbst steht in engem Kontakt mit den Studios und Vertrieben. Kaum eine Branche weist wirrere Strukturen auf - "Good Will Hunting" beispielsweise hat in Deutschland laut Filmdatenbank IMDB drei Vertriebe:

  • Scotia International Filmverleih für die Kinoversion 1998
  • BMG Video für die DVD-Veröffentlichung 2000
  • Universum Film für die DVD-Veröffentlichung 2003.

Die Rechte für TV-Ausstrahlungen müssen eigens beantragt werden. Sie werden entweder direkt von den Produzenten oder von Zwischenhändlern gekauft, meistens in Bündeln ("Filmpakete"), die zahlreiche Titel umfassen und in denen attraktive Filme mit B-Ware und Ladenhütern gemischt werden - die Erklärung für so manchen Stumpfsinn im Nachtprogramm.

Fernsehen gegen Internet: ein Gegensatz?

Eine Ausstrahlung als Stream im Internet ist aber wieder etwas anderes. Die Fernsehrechte liegen im Good-Will-Hunting-Beispiel beim TV-Sender VOX der RTL Mediengruppe. Dort sei man über die Web-Konkurrenz natürlich nicht erfreut, sehe das Ganze aber eher sportlich, sagte VOX-Pressesprecherin Gabriela Leibl SPIEGEL ONLINE.

Beispielfilm "Good Will Hunting": Für jede einzelne Verwertung ein eigener Vertrag

Beispielfilm "Good Will Hunting": Für jede einzelne Verwertung ein eigener Vertrag

VOX sei längst auch selbst daran interessiert, möglichst viele Online-Lizenzen aufzukaufen, um Filme und Serien auch im Internet ausstrahlen zu können.

Das Internet-Fernsehen trete aber nicht in unmittelbare Konkurrenz zum klassischen Fernsehen, sagt Christian Körner, Leiter der Unternehmenskommunikation beim Kölner Fernsehsender RTL, "sondern ergänzt es". RTL sei es "fast egal, wo man unsere Inhalte sieht". Ob nun online, mobil oder im Fernsehen: "Es geht um den Inhalt, nicht um das Endgerät." So nutze der Sender das Internet als Plattform, um seine "starken Programm-Marken" weiter zu festigen - ein TV-Ersatz werde es nicht werden, so Körner.

Auch ein Blick auf die bisherigen Werbeeinnahmen bestätigt Körners These. So werden nach seinen Angaben in der Mediengruppe RTL Deutschland heute immer noch mehr als 85 Prozent durch die Ausstrahlung von Werbung im TV erwirtschaftet. Beim Internet-Fernsehen befinde man sich wie beim mobilen TV noch in einer Testphase - man wisse noch nicht genau, was der Zuschauer wolle. Körner: "Wichtig ist für uns, dass die Nutzung von TV-Inhalten im Internet auch endlich als solche erfasst und ausgewiesen wird. Wenn wir heute monatlich bis zu 12 Millionen Abrufe bei unserem VoD-Angebot RTLnow haben, zählt dies bisher als Internet-Nutzung - tatsächlich aber ist es TV."

Dass das Internet hierzulande als Senderersatz noch keine große Rolle spielt, könne größtenteils an dem großen Angebot im Free-TV liegen, vermutet Körner. In den USA sei das anders. Dort ist Pay-TV seit Jahrzehnten tief verwurzelt, während Free-TV wenig bietet - beste Startvoraussetzungen für das TV via Web.

Komplementär, nicht Konkurrenz

Marc Adam von MSN glaubt zudem, dass man online effizienter kalkulieren könne: So zahle man nur Distributionskosten, wenn ein Nutzer einen Film anfordere - und dieser finanziere sich, im Idealfall, quasi von selbst, da die Werbung on demand mitgeliefert werde. Wie gesagt, im Idealfall: Bisher ist auch bei MSN nur Eigenwerbung zu sehen.

Auf die Frage, ob auch eine Ausstrahlung in HD geplant sei, sagt Adam: "Die Infrastruktur ist jedenfalls da." Man warte nur auf die entsprechende Nachfrage und die Bereitschaft der Werbetreibenden, das Ganze zu finanzieren.

HD wäre ein wirklicher Vorteil gegenüber dem Fernsehen: Frei empfangbare Programme wie etwa ARD und ZDF stellen frühestens 2010 auf HDTV um. Schon jetzt sind zahlreiche im Web empfangbare Streams qualitativ überlegen, erreichen mitunter HD-Standard. Doch gerade diese sind meist nicht legal. An diesem Umfeld werden sich die legalen Dienste messen müssen.

Man sollte TV-Streaming vorerst wohl als Erweiterung sehen: Die Produzenten nutzen es als weitere Einnahmequelle, der Konsument als Medienergänzung und zur freien Programmgestaltung. Mittelfristig natürlich nicht mehr auf dem PC, sondern im Wohnzimmer.

Mitarbeit: Frank Patalong



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.