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27. November 2008, 10:03 Uhr

Gratis-Filme im Netz

Wie die Zukunft des Fernsehens aussieht

Von Dennis Schirrmacher

In den USA ist Gratis-Gucken im Internet etabliert, sogar aktuellste Filme gibt es umsonst in höchster Qualität. Deutschland ist dagegen ein Entwicklungsland - jetzt langsam gibt es erste Angebote.

In Deutschland wäre das eine Schlagzeile, in den USA ist es eine Randnotiz: Am 25. November 2008 hat Sling.com den Betrieb aufgenommen - ein weiteres legales, kostenloses Fernsehangebot im Netz. Gezeigt werden Filme und Serien, die meisten US-TV-Netzwerke und viele Produktionsfirmen liefern ihre Inhalte zu, darunter Warner, Sony und MGM. Erstausstattung des Video-Angebots: Rund 620 Serien und Shows, Archivinhalte inklusive. Finanziert wird das alles über Werbung. Ach ja: Wie üblich sehen wir Europäer davon nichts, für uns ist die Seite blockiert.

Alles wie gehabt also: In den USA verlagert sich das Fernsehen zunehmend ins Web, in Deutschland passiert herzlich wenig.

Dank Seiten wie Hulu.com schauen Millionen Nordamerikaner ihre Lieblingsserien in HD-Qualität via Web, wann immer sie wollen. Warum gibt es so etwas nicht auch hierzulande? Das zeigt das Beispiel Hulu.

Das Konzept funktioniert, da anfänglich die Lizenzrechte für die Inhalte bei den Hulu-Betreibern NBC Universal und News Corp lagen. Inzwischen ist Hulu so populär, dass auch andere Networks Inhalte zur Verfügung stellen. Rund 50 TV-Stationen sind mittlerweile vertreten. Hulu verteilt die Video-Streams über die eigene Seite, aber auch über Partnerseiten wie AOL, MSN, MySpace oder Yahoo.

Wir müssen draußen bleiben

Selbst auf Video-Aggregatorenseiten, die zumeist illegal gestreamte Inhalte zusammenführen, ist Hulu inzwischen eine der primären Quellen. Legale Angebote verdrängen langsam die illegalen Angebote.

Außerhalb von Nordamerika bleibt der Bildschirm allerdings schwarz. IP-Adressen aus anderen Ländern werden geblockt, aufgrund von Rechteproblemen. Über eine globale Nutzung denkt man bei Hulu schon seit langem nach. Doch konkrete Pläne existieren laut Peter Smith, Präsident von NBC Universal International, noch nicht. Bisher scheut sich die Branche in Deutschland davor, ihre Inhalte kostenlos über das Internet zu verbreiten - obwohl das auch im frei empfangbaren Fernsehen nicht anders läuft.

Dabei spricht der Erfolg für das Modell Hulu. Mit 12 Millionen US-Dollar Profit bringt es jetzt schon mehr Geld als das Videoportal YouTube, obwohl das mehr Klicks verbuchen kann. Der Analyst Arash Amel vom britischen, auf Medien spezialisierten Marktforschungsunternehmen Screen Digest glaubt, das liege an der Zielgruppe: Hulu verteilt ein kleineres Portfolio an einen kleineren Kundenkreis. Werbung könne so besser plaziert werden. So vermutet er, dass 80 Prozent der Hulu-Stream-Kosten durch Werbepartner gedeckt sind - bei YouTube seien es lediglich drei bis vier Prozent.

Teurer als in der Videothek

In Deutschland sieht die Sache anders aus. Zwar bieten T-Online oder Maxdome Filme über das Internet als Stream in guter Qualität an, teilweise auch in HD. Aber sie lassen sich das Ganze gut bezahlen - die Videothek um die Ecke ist meist billiger.

Ausschließlich kostenlose Inhalte fand man bisher nur in der ARD- und ZDF-Mediathek. Angeboten werden vor allem Eigenproduktionen - nur dürfte der "Tatort" für die meisten Web-Nutzer weniger attraktiv sein als eine populäre US-Serie. Lizenzware wird nicht angeboten.

Auch Privatsender wie RTL oder Vox bieten über ihre Web-Seiten kostenlos Folgen von Eigen- und Fremdproduktionen - kurz nach der Ausstrahlung im Fernsehen. Sie dienen als Appetizer für den kommerziellen Teil des Angebots. In den Videotheken der Sender wird man teils kräftig zur Kasse gebeten. Kostenpflichtig sind sowohl Archiv- als auch Vorab-Videos, die Einzelfolge "CSI" kostet bei RTLnow 1,99 Euro.

Das MSN-Portal von Microsoft geht nun mit " MSN Movies" einen Schritt weiter und bietet abgehangene Blockbuster wie "Blade" und "Good Will Hunting" als kostenlose Streams an. Das soll sich irgendwann über Werbeeinblendungen finanzieren, vor dem Film und währenddessen.

Aktuelles gibt es nicht umsonst

Das Portfolio umfasst einige Perlen, wirklich aktuelle Hits sucht man vergeblich. Das liegt daran, das Filme on demand offenbar am Ende der Verwertungskette stehen. Die sah traditionellerweise so aus: Kino, DVD, Pay-Tv, Free-TV. Jetzt kommt der Stream hinzu - meist dann, wenn ein Film sein Geld bereits eingespielt hat. Viele der Filme in der MSN-Videothek kennen Leser von SPIEGEL ONLINE schon aus dem Angebot der DVD-Beipacker, die diversen Zeitschriften kostenlos beigelegt werden.

Ob es für die Web-Streams bei der Position am Ende der Verwertungskette bleibt, wird sich zeigen. Marc Adam, Executive Producer und Director von MSN Deutschland, reiht das werbebasierte Streaming-Angebot hinter Pay- und Free-TV ein.

Die Streams kommen - Deutschlands TV-Szene bereitet sich auf die On-demand-Zeit vor

Um Filme austrahlen zu dürfen, benötigt man für jedes Medium eine eigene Lizenz. Die Lizenzgeber bestimmen, was wann und wo gezeigt werden kann.

Auch hier steht ein Umbruch an: In den vergangenen zwei Jahren begannen Filmfirmen zum Teil mit einer fast parallelen Auswertung ihrer Ware im Kino und auf DVD. Der Grund: Mit den Silberscheiben verdienen die Produzenten mehr als an der Kinokasse. Fließt einmal mehr Geld für Streams im Netz als für Lizenzen im freien Fernsehen, könnte auch hier die Verwertungsreihenfolge kippen. Für Netz-Nutzer eine verlockende Aussicht - für manchen TV-Sender ein Alptraum.

Beim MSN-Movie-Portal kümmerte sich der Streaming-Anbieter Nowtilus um die Rechte. Aber auch MSN selbst steht in engem Kontakt mit den Studios und Vertrieben. Kaum eine Branche weist wirrere Strukturen auf - "Good Will Hunting" beispielsweise hat in Deutschland laut Filmdatenbank IMDB drei Vertriebe:

Die Rechte für TV-Ausstrahlungen müssen eigens beantragt werden. Sie werden entweder direkt von den Produzenten oder von Zwischenhändlern gekauft, meistens in Bündeln ("Filmpakete"), die zahlreiche Titel umfassen und in denen attraktive Filme mit B-Ware und Ladenhütern gemischt werden - die Erklärung für so manchen Stumpfsinn im Nachtprogramm.

Fernsehen gegen Internet: ein Gegensatz?

Eine Ausstrahlung als Stream im Internet ist aber wieder etwas anderes. Die Fernsehrechte liegen im Good-Will-Hunting-Beispiel beim TV-Sender VOX der RTL Mediengruppe. Dort sei man über die Web-Konkurrenz natürlich nicht erfreut, sehe das Ganze aber eher sportlich, sagte VOX-Pressesprecherin Gabriela Leibl SPIEGEL ONLINE.

Beispielfilm "Good Will Hunting": Für jede einzelne Verwertung ein eigener Vertrag

Beispielfilm "Good Will Hunting": Für jede einzelne Verwertung ein eigener Vertrag

VOX sei längst auch selbst daran interessiert, möglichst viele Online-Lizenzen aufzukaufen, um Filme und Serien auch im Internet ausstrahlen zu können.

Das Internet-Fernsehen trete aber nicht in unmittelbare Konkurrenz zum klassischen Fernsehen, sagt Christian Körner, Leiter der Unternehmenskommunikation beim Kölner Fernsehsender RTL, "sondern ergänzt es". RTL sei es "fast egal, wo man unsere Inhalte sieht". Ob nun online, mobil oder im Fernsehen: "Es geht um den Inhalt, nicht um das Endgerät." So nutze der Sender das Internet als Plattform, um seine "starken Programm-Marken" weiter zu festigen - ein TV-Ersatz werde es nicht werden, so Körner.

Auch ein Blick auf die bisherigen Werbeeinnahmen bestätigt Körners These. So werden nach seinen Angaben in der Mediengruppe RTL Deutschland heute immer noch mehr als 85 Prozent durch die Ausstrahlung von Werbung im TV erwirtschaftet. Beim Internet-Fernsehen befinde man sich wie beim mobilen TV noch in einer Testphase - man wisse noch nicht genau, was der Zuschauer wolle. Körner: "Wichtig ist für uns, dass die Nutzung von TV-Inhalten im Internet auch endlich als solche erfasst und ausgewiesen wird. Wenn wir heute monatlich bis zu 12 Millionen Abrufe bei unserem VoD-Angebot RTLnow haben, zählt dies bisher als Internet-Nutzung - tatsächlich aber ist es TV."

Dass das Internet hierzulande als Senderersatz noch keine große Rolle spielt, könne größtenteils an dem großen Angebot im Free-TV liegen, vermutet Körner. In den USA sei das anders. Dort ist Pay-TV seit Jahrzehnten tief verwurzelt, während Free-TV wenig bietet - beste Startvoraussetzungen für das TV via Web.

Komplementär, nicht Konkurrenz

Marc Adam von MSN glaubt zudem, dass man online effizienter kalkulieren könne: So zahle man nur Distributionskosten, wenn ein Nutzer einen Film anfordere - und dieser finanziere sich, im Idealfall, quasi von selbst, da die Werbung on demand mitgeliefert werde. Wie gesagt, im Idealfall: Bisher ist auch bei MSN nur Eigenwerbung zu sehen.

Auf die Frage, ob auch eine Ausstrahlung in HD geplant sei, sagt Adam: "Die Infrastruktur ist jedenfalls da." Man warte nur auf die entsprechende Nachfrage und die Bereitschaft der Werbetreibenden, das Ganze zu finanzieren.

HD wäre ein wirklicher Vorteil gegenüber dem Fernsehen: Frei empfangbare Programme wie etwa ARD und ZDF stellen frühestens 2010 auf HDTV um. Schon jetzt sind zahlreiche im Web empfangbare Streams qualitativ überlegen, erreichen mitunter HD-Standard. Doch gerade diese sind meist nicht legal. An diesem Umfeld werden sich die legalen Dienste messen müssen.

Man sollte TV-Streaming vorerst wohl als Erweiterung sehen: Die Produzenten nutzen es als weitere Einnahmequelle, der Konsument als Medienergänzung und zur freien Programmgestaltung. Mittelfristig natürlich nicht mehr auf dem PC, sondern im Wohnzimmer.

Mitarbeit: Frank Patalong

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