Sascha Lobo

Aufregung um Tweet von Greta Thunberg Advent, Advent, das Internet brennt

Die Aufregung um den Bahn-Tweet von Greta Thunberg ist verflogen - die Debatte war wieder mal unerträglich. Doch die nächste Eskalation kommt bestimmt. Vielleicht ja schon an Weihnachten.
Greta Thunberg: Wehe, sie zündet eine Kerze an!

Greta Thunberg: Wehe, sie zündet eine Kerze an!

Foto: Massimo Pinca/ REUTERS

Die Greta-Bahn-Aufregung erträgt bereits seit Tagen niemand mehr, nicht einmal als Meta-Greta-Thema. Weil sie ein sozialmediales wie redaktionelles Trauerspiel künstlicher Aufregung war. Es handelte sich um die Simulation einer eigentlich notwendigen Klimadebatte. Also eine Ersatzdebatte um ein Symbol, bei dem man Projektionen, Gefühlen und Schuldzuweisungen freien Lauf lassen konnte, ohne auf nervige Fakten zu Klima und Kapitalismus achten zu müssen. Oder gar zu differenzieren.

Doch es wird garantiert wieder geschehen, und zwar vermutlich so:

Zu Weihnachten postet Greta Thunberg auf Twitter einen schwedischen Weihnachtsgruß samt Foto einer Kerze am Weihnachtsbaum: "God Jul!". In den ersten Sekunden bleibt es geradezu auffällig ruhig. Nur wenige Tausend Beschimpfungen und Drohungen von mittelalten Autofahrern trudeln ein. Sigmar Gabriel mahnt die SPD-Spitze routiniert, das Deutsche Auto nicht auf dem Klimaaltar zu opfern, bloß weil eine durchreisende Zopfträgerin ärztlich unbehandelte Visionen twittert. Aber dann eskaliert es.

Das eigens eingestellte Greta-Team der Deutschen Bahn lädt sie in einer Erstreaktion auf Twitter ein, Weihnachten "ganz bodenständig im stehenden Zug zu feiern", wie es gute deutsche Pendlertradition sei. Die Kerze müsse sie aber weglassen. Der Tweet schließt mit dem vom Humorbeauftragten der Bahn genehmigten, ersten Zwinkersmiley eines deutschen Staatsunternehmens sowie einem Link auf das PDF der 400-seitigen Brandschutzverordnung der Bahn samt Bußgeldkatalog für die Entzündung einer offenen Flamme in geschlossenen Zügen. Per Twitter kündigen 3000 empörte Leute ihre Bahncard 25.

Der Wutwetterwart Jörg Kachelmann attackiert Greta frontal: Eine Kerze sei in Sachen Klima das Allerschlimmste, was man überhaupt tun könne, außer vielleicht mit einer Saturn-V-Rakete einen Holzofen kaufen zu fahren. Der Rußausstoß je Kilojoule Energieleistung sei bei Kerzen höher als bei einem SUV. Als eine Professorin für Kerzenwissenschaft andeutet, dass er sich eventuell verrechnet haben könnte, beschimpft Kachelmann sie, ihre Familie, ihre 150 Follower, ihre Universität und mehrere Personen mit ähnlichen Profilbildern als "dumm", "knalldumm" und "galaktodumm".

Franziska Giffey wirft Greta in der "Bild"-Zeitung vor, ihre Doktorarbeit schlampig verfasst zu haben. Sigmar Gabriel wirft Giffey vor, ständig unaufgefordert über die Medien Politik zu machen. Sie solle sich lieber darum kümmern, dass die SPD endlich wieder von einer starken Hand geführt werde.

Bei "Maischberger", im "Focus" und im eilig produzierten "Brennpunkt" beschwert sich Hans-Georg Maaßen zunächst, dass kluge, konservative Stimmen wie seine aus der Öffentlichkeit verbannt würden. Dann beschuldigt Maaßen Greta der Hetze gegen Andersdieselnde. Als Experte für links- und öko-extremistische Codes erkenne er in der Kerze die Aufforderung, Autofahrer anzuzünden. Weil eine sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Gretas Tweet gelikt hat, empfiehlt er dringend die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses gegen "linksradikale Kräfte in der SPD". Die Morddrohungen der "Atomwaffendivision" gegen Greta bezeichnet er als "verständliche, trotz des etwas schärferen Tones teilweise sogar gerechtfertigte, zutiefst bürgerliche Unmutsbekundungen". Der Name zeige ja schon, dass es sich um Witzbolde handele. Er wisse aus zuverlässiger Quelle, dass die Gruppierung gar nicht über Atomwaffen verfüge und auch die Division allenfalls rudimentär beherrsche.

Die Grünen danken Greta für ihr bisheriges, eindeutig von den Grünen inspiriertes Klimaengagement, aber tadeln sie für ihre "beschämende Baumfeindlichkeit". Die jährliche Rodung der Weihnachtsbäume gehöre als "institutionalisierter Baummassenmord" zu den schlimmsten menschengemachten Naturkatastrophen. Als Alternative zum klassischen Weihnachtsbaum empfiehlt die Partei das mit einer Energiesparbirne beleuchtete Foto einer Zwergfichte von 1987 oder den temporären Familienumzug per S-Bahn in einen emissionsarmen Nadelwald.

Die konservative Tageszeitung "Die Welt" recherchiert, dass Gretas Kerze entweder aus Bienenwachs und damit nicht vegan, wahrscheinlich aber eher aus Stearin ist. In einem furios ausgeruhten, hoch emotionalen Erklärstück legt die "Welt" dar, dass Stearin aus Palmöl hergestellt wird und beschuldigt Greta, quasi eigenhändig Orang-Utans ermordet zu haben. Mit einer so aufwendigen wie bunten Statistik beweist die "Welt" der Welt und vor allem sich selbst, dass das Menschenaffentötungsäquivalent einer einzigen schwedischen Palmölkerze rund 200 Runden auf dem Hockenheimring mit einem Porsche 911 ohne Katalysator entspricht.

Präsident Trump versucht, Gretas Tweet zu lesen, wird nach der Hälfte aber abgelenkt und nennt Greta deshalb "lügende Gotteslästerin". Dann lässt er den Mond in den schwedischen Nationalfarben anstrahlen und zur Warnung sprengen. Sigmar Gabriel sieht in der nicht von der SPD verhinderten Mondsprengung ein Zeichen, dass die Partei endlich wieder eine starke Hand brauche.

Ein hahnfrisuriger Kolumnist liest sich minutenlang auf Wikipedia in die Klimathematik ein und tourt anschließend durch zwölf Talkshows, um Rentnern mit beinahe korrekt verwendeten Fremdwörtern und halbverstandenen Studien zu erklären, wie man mithilfe von Tinder das Klima retten kann.

2000 pensionierte Physiklehrer rechnen in der "Bild"-Zeitung vor, dass allein Gretas Foto der Kerze mehr Energie gekostet hat als der Autostandort Deutschland in den vergangenen zwölf Jahren zusammen. Als auf Twitter jemand einen Rechenfehler zugunsten der Automobilindustrie um den Faktor 100 Milliarden nachweist, ätzt "Bild"-Chefredakteur Reichelt im Duett mit Sigmar Gabriel gegen die auto-, industrie- und wohlstandsfeindlichen Neidsozialisten auf Twitter und schreibt eine Brandrede gegen die bevorstehende Nordkoreanisierung Deutschlands.

Die sachsen-anhaltische CDU bietet Greta aus "Dankbarkeit für ihren christlichen Tweet" einen Kreisvorsitz sowie die Reichsbürgerschaft an. Bedingung: Sie solle sich von ihren Klimaflausen verabschieden und sich dem wichtigeren Thema der "Reinhaltung der rassischen Volksgesundheit" widmen. Der Klimawandel sei ohnehin nur die Folge der immer schwärzer werdenden Sonne. Nach einem riesigen Aufschrei entschuldigt sich der Landesparteivorstand für die Wortwahl: Der Begriff "Klimawandel" könne ohne Anführungszeichen als linksradikale Verschwörungstheorie missverstanden werden.

DER SPIEGEL widmet Gretas Weihnachtstweet eine 70-seitige Titelgeschichte und fragt launig-besorgt, ob in Gretas Familie eigentlich klimaneutrale, vegane, regionale, saisonale, biologisch angebaute, grundwasserschonende, von Hand gepflückte, cholesterinarme Speisen auf den Festtagstisch kommen. Im dazugehörigen Interview sagt Sigmar Gabriel, die SPD dürfe die träumerisch überzogenen Forderungen einer Klimaminderheit nicht höher bewerten als seine glänzenden Leistungen als ehemaliger SPD-Vorsitzender. Verschmitzt spricht er davon, in seinem Landesverband lange "Klimavizekanzler der Herzen" genannt worden zu sein.

Dieter Nuhr macht in seiner Weihnachtsshow in Kiel einen Witz, den man als Leugnung der Existenz von Greta verstehen könnte. Die Lokalzeitung "Kieler Nachrichten" berichtet, dass Dieter Nuhr "in gewisser Weise zur sofortigen Ermordung Gretas, ihrer Familie und ihrer zwei Hunde samt der ethnischen Säuberung Schwedens" aufgerufen habe. Die Bewegung Extinction Rebellion kündigt daraufhin mit ihrer einzigartigen historischen Sensibilität eine Verbrennung von Nuhrs Büchern auf dem Berliner Schlossplatz an. Um auf der Zielgeraden nicht den Titel der geschichtsvergessensten Aktion des Jahres zu gefährden, pachtet das Zentrum für Politische Schönheit den Schlossplatz für fünf Jahre und errichtet dort ein Mahnmal für die eigene Bescheidenheit, nämlich einen 100 Meter hohen Metallmonolithen aus Gusseisen.

Bereits am ersten Weihnachtsfeiertag twittert Greta erneut und tut auf verstörende Weise so, als hätte sie gar nicht mitbekommen, dass die deutsche Öffentlichkeit zwischenzeitlich explodierte. Merkel schweigt.