YouTuber und die Bundestagswahl "Ich möchte mich ungern instrumentalisieren lassen"

Diesen Mittwoch dürfen vier YouTuber die Kanzlerin interviewen - und die Politik umwirbt auch andere Videomacher. Wie gehen Stars wie LeFloid und Gronkh mit der Wahl um?
Fans beim YouTuber-Event VideoDays in Köln

Fans beim YouTuber-Event VideoDays in Köln

Foto: Thilo Schmülgen/ picture alliance / dpa

Zehn Minuten darf sich AlexiBexi am Mittwoch mit Angela Merkel unterhalten. Geht es nach einigen seiner Fans, dürfte es dabei ruhig ausschließlich um Videospiele gehen. "Frag sie, wie viele Stunden sie bei 'Counter-Strike: Global Offensive' hat", fordert einer seiner Twitter-Follower scherzhaft von dem YouTuber. Und einen anderen interessiert vor allem, ob Merkel einen Account bei der Spieleplattform Steam hat, "wie jeder Mensch".

Wenn YouTuber mit Politikern reden, treffen Welten aufeinander: Auf der einen Seite stehen dann Influencer, also Meinungsmacher, die öffentlich meistens über Dinge wie Games, Schminke oder ihren Alltag sprechen und für die Klicks eine zentrale Währung sind. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die Themen wie Flüchtlinge oder Steuergesetze umtreiben, Zukunftsmacher also, die letztlich aber auch auf Zählbares angewiesen sind: auf Wählerstimmen.

Wenn Politiker sich mit Internetstars austauschen, dann vor allem, weil die Netzgrößen haben, was fast allen Politikern fehlt: junge Fans. 95 Prozent der deutschen Internetnutzer zwischen 18 und 24 seien zumindest einmal im Monat auf YouTube, hieß es kürzlich von Google. Vermutlich kann man Deutschlands Erstwähler auf keinem anderen Kanal besser erreichen.

Fotostrecke

Die Merkel-Interviewer und weitere Webstars: Das machen YouTuber im Wahlkampf

Foto: YouTube/ AlexiBexi

Die Bundesregierung interessiert auf YouTube kaum

Insofern ist es eher klug als überraschend, dass sich Angela Merkel nun mit gleich vier Webstars zum Interview trifft. Beim Interview ist neben AlexiBexi zum Beispiel die Beauty-YouTuberin Ischtar Isik dabei. Zusammen kommen die vier Webstars auf rund drei Millionen YouTube-Abonnenten, wogegen die 18.000 Fans des Kanals "Bundesregierung" lächerlich wirken.

Leicht fällt es den Politikern aber selten, Webstars für ihre Sache zu begeistern. Denn YouTube-Deutschland ist, was die erste Liga der Stars geht, vor allem eins: unpolitisch. Manche Stars baden in Nutella , Chicken Wings  oder Glitzerschleim , andere lassen für mitgefilmte Straßenstreiche, sogenannte Pranks, einen Kunsthoden aus ihrer Sporthose hängen . Steuerrecht interessiert hier weniger.

Fotostrecke

Bekannte deutsche YouTuber: 26 Stars aus dem Internet

Foto: YouTube/ Simon Desue

LeFloid hat sich einen Namen gemacht

Am Ende bleiben für die Parteizentralen einige Dutzend Köpfe, die einerseits berühmt und einflussreich, anderseits irgendwie vorzeigbar und mit den Werten der eigenen Partei vereinbar sind. Könnten sich die Wahlkämpfer ein Testimonial frei aussuchen, würden sie wohl bei Leuten wie LeFloid oder Gronkh landen.

Die zwei, mit 29 beziehungsweise 40 für YouTube-Verhältnisse nicht mehr die Jüngsten, zählen mit 3,1 beziehungsweise 4,6 Millionen Fans zu den bekanntesten Videomachern, für viele junge Zuschauer sind sie Vorbilder.

LeFloid vor seinem Merkel-Interview 2015

LeFloid vor seinem Merkel-Interview 2015

Foto: Paul Zinken/ dpa

Politisch engagierter als LeFloid alias Florian Mundt ist kaum ein Webstar, seit Jahren kommentiert er auf seinem Kanal das Weltgeschehen. Gerade zählt Mundt, 29, zur Jury eines Wettbewerbs namens "Germanys Next Bundeskanzler/in " und will mit der "FAZ" die Wahlbeteiligung steigern . Auf der Spielemesse Gamescom diskutiert er mit den Generalsekretären von CDU und SPD über Digitales.

Und am 24. August veröffentlicht LeFloid auch noch ein Politik-Erklärbuch, während andere YouTuber im Zweifel eher über sich selbst schreiben. In "Wie geht eigentlich Demokratie?" gibt Mundt seinen Lesern Tipps wie: "Denkt deshalb immer daran, dass ihr keine Menschen wählt, sondern Ideen und Visionen, die im Wahlprogramm stehen."

Das erste Merkel-Interview eines YouTubers

Wie groß das Interesse der Politik an Mundt und vor allem seinem Publikum ist, zeigte sich schon 2015, als Mundt als erster YouTuber überhaupt die Kanzlerin interviewen durfte - ein Gespräch, das ihm auch einige Kritik einbrachte.

Er würde sich freuen, ein zweites Interview führen zu können, sagt Mundt heute, eine Neuauflage würde "definitiv grundsätzlich anders ablaufen". Was er Merkel diesmal fragen würde? "Warum sich seit unserem letzten Gespräch so viele ihrer Ansichten geändert haben", sagt Mundt: "Ob das tatsächlich einfach ein Lernprozess ist oder purer Opportunismus."

Anzeige
LeFloid

LeFloid: Wie geht eigentlich Demokratie? #FragFloid

Verlag: FISCHER New Media
Seitenzahl: 272
Für 12,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Im laufenden Wahlkampf will sich Mundt auf keine Seite schlagen, er lehnt Anfragen ab, für einzelne Parteien einzutreten. "Ich möchte mich ungern instrumentalisieren lassen", sagt er, der sich politisch "relativ links von der Mitte" verortet. "Jetzt in den Wahlkampf-Tagen wird man natürlich öfter gefragt, ob man sich mal mit der jungen Parteispitze treffen will oder ob man sich auf irgendwelchen Wahlkampfveranstaltungen blicken lässt."

Was bringt die Empfehlung eines Webstars überhaupt?

Auch wen er wählt, sagt Mundt nicht. Die Informationen würde im Zweifel auch keine großen Wellen schlagen, meint er, "es sei denn, ich sage 'Ich wähle AfD, haha'."

Ob oder wie sehr deutsche Parteien von einem Endorsement eines Webstars profitieren würden, ist schwer abzuschätzen, so selten kommt so etwas vor - anders übrigens als in den USA, wo zum Beispiel der Videomacher Tyler Oakley offensiv für Hillary Clinton eintrat und einen Tag vor der Wahl sogar ein gemeinsames Video mit Clinton , veröffentlichte, optimistisch betitelt mit "Meeting Future Madam President".

Dem Videoblogger Felix von der Laden alias Dner brachte ein politisches Statement pro AfD aus dem Jahr 2013 in erster Linie einen Shitstorm, nachdem der Moderator Jan Böhmermann seine Äußerung "Die etablierten Parteien haben sich von den Bürgern entfernt" über ein Jahr später hervorkramte. Heute - von seiner in der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Äußerung und der AfD hat er sich mehrfach distanziert - macht von der Laden für das ZDF politische Dokus , jedoch ohne viel eigene Meinung einzubringen.

"Es würde immer Hass geben"

Die meisten YouTuber, die man zum Thema Bundestagswahl fragt, sagen - sofern sie sich zu Politischem überhaupt äußern -, dass sie selbst keine Position beziehen, aber zum Wählen aufrufen werden. So ist es auch bei Gronkh alias Erik Range, Deutschlands beliebtestem Macher von Gamingvideos. Einem Erstwähler, der zur Wahl gehen soll, würde Range sagen: "Das, was da genau JETZT gerade passiert, wird Auswirkungen auf DEINE Zukunft haben. Es ist dein Land, so blöd das klingt. Du wirst sehr viel länger darin leben müssen als ich."

Gaming-Streamer Erik Range

Gaming-Streamer Erik Range

Foto: Gronkh.tv

Wo er sein Kreuzchen macht, will Range auf seinem Kanal nicht zum Thema machen. "Nicht, weil es etwas Schlimmes wäre - einfach nur, um mir eine ewige Diskussion zu ersparen", sagt er. "Ich will mich für meine Wahlentscheidung auch nicht rechtfertigen müssen, denn es gibt bekanntlich immer doppelt so viele Meinungen wie Menschen." Und egal, welche Partei er nennen würde, "ein Teil der Reaktionen wäre immer Ablehnung".

Zudem will Range "niemanden beeinflussen": "Die Leute sollen sich selbst Gedanken machen, wem sie ihre Stimme geben", sagt er.

Politik sei auf Unterhaltungskanälen auf YouTube auch nicht zwangsläufig gut aufgehoben, findet der Videomacher, der sich jenseits des Gaming vor allem für Charity-Aktionen einsetzt. "Bei mir schalten die Leute am Freitag den Stream ein, um von der Woche abzuschalten", sagt er, "um das, was jeden Tag sowieso schon in den Nachrichten kommt, eben nicht mehr zu sehen."

Die üblichen Verdächtigen

So sind es auch dieses Jahr vor allem die üblichen Verdächtigen unter den Webstars, die zur Bundestagswahl in ihren Kanälen politisches Programm bringen: Leute wie Tilo Jung , der weiter Spitzenpolitiker interviewt. MrTrashpack , der mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung über Fake News aufklärt. MrWissen2Go  - auch er ist einer der vier Merkel-Befrager -, der gemeinsam mit dem Kanal Simplicissimus  die Parteien vorstellt.

Rayk Anders  fragt derweil für das öffentlich-rechtliche Jugendangebot Funk, wie sehr Merkel eigentlich Deutschland liebt. Und dass PietSmiet  Orte wie die Landesmedienanstalt NRW besuchen, lässt sich wohl am ehesten mit persönlicher Betroffenheit erklären.

"Ich würde mir ein ums andere Mal mehr Engagement und Offenheit von YouTube-Kollegen wünschen", sagt Politikkommentator Mundt mit Blick auf die deutsche Szene. "Gerade bei wirklich wichtigen Themen wie dem Umgang mit der Flüchtlingskrise in den vergangenen Jahren."

Es kommen noch zwei Livestreams

Abzusehen ist zumindest, dass die deutsche Webvideoszene noch einige Projekte zur Wahl im Köcher hat: So wollen etwa am 17. September 15 YouTuber wie RobBubble  in einem mehrstündigen "Community Live Stream" mit ihren Fans über die Wahlen sprechen. Und am Wahltag, dem 24. September, soll es sogar eine Art Wahlnacht-Livesendung auf YouTube geben. Hinter dem Projekt steht das Künstlernetzwerk Studio71, das die Abendshow für Funk produziert, und das auch das Merkel-Interview mit den vier YouTubern auf den Weg gebracht hat.

Von Seiten der Netzwerke hört man, dass es für Politikthemen durchaus hilfreich ist, einen Auftrag von Funk oder der Bundeszentrale für politische Bildung zu bekommen, andernfalls würden sich solche Videos kaum rechnen. Denn welcher Werbekunde möchte sein Produkt schon zwischen Wahlprogramm-Besprechungen platziert wissen?

Erik Range übrigens sagt, er könne sich einen Auftritt Angelas Merkel in seinen Livestreams durchaus vorstellen, wenn sie das denn machen wollen würde. "Das wäre bestimmt erst einmal ein bisschen awkward", sagt Range, "aber ich hoffe, wir tauen im Verlauf ein wenig auf. Das Ganze müsse auch nicht zwingend ein politischer Abend sein, findet er, "an dem zum hundertsten Male die Wahl-Agenda oder das Rhetorik-Diplom heruntergespult werden": "Man erfährt ja sonst auch gar nichts über die Menschen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.