GTA - San Andreas Der pervertierte amerikanische Traum

Die Titel der Grand-Theft-Auto-Serie gehören zu den meistverkauften Spielen überhaupt. Sie sind gewalttätig, amoralisch und höchst umstritten. Die neueste Folge, "San Andreas", ist dennoch ein Meilenstein - nicht nur weil sie das wohl erste wirklich schwarze Videospiel ist.

Von


GTA San Andreas: Rocken mit den Homies

GTA San Andreas: Rocken mit den Homies

Carl Johnson ist ein skrupelloser Mörder. Er ist der Alptraum des bürgerlichen Amerika, ein Ghettokind von eher schlichtem Gemüt, das zwar seine Mama liebt, aber über Leichen geht, um von seinen Homeboys respektiert zu werden. Und Carl Johnson ist, für einen Videospielhelden immer noch eine kleine Sensation, schwarz.

"San Andreas" heißt Carls Heimatstaat, ebenso wie die jüngste Folge der "Grand Theft Auto"-Reihe (GTA), mit der Rockstar Games vor ein paar Jahren ein neues Genre definierte. Ziel dieser Spiele ist es, mit Autodiebstahl, Auftragsmorden und gelegentlichen Botengängen vom Nobody an die Spitze der Unterwelt einer Großstadt aufzusteigen: Der pervertierte amerikanische Traum.

GTA III bediente sich für Story und Hintergrund bei Filmen wie "Der Pate" und "Goodfellas". Im nächsten Teil, "Vice City" wurde Brian De Palmas "Scarface" ausgeschlachtet - bis hin zur detailgenauen Nachbildung der Villa von Drogenzar Tony Montana in Miami. Beide Spiele wurden von Rezensenten als Meilensteine gefeiert - und von Elterninitiativen, Politikern und Medien als amoralische, rassistische, gewaltverherrlichende Machwerke verteufelt.

Zutaten: protzige Autos, HipHop-Honeys

Zutaten: protzige Autos, HipHop-Honeys

Trotzdem wurden von der Reihe über 30 Millionen Exemplare verkauft. Für "GTA - San Andreas" (bislang nur für die PS2) gilt das gleiche wie für seine Vorläufer - es wird Proteste hageln: Das Spiel ist amoralisch, brutal und zynisch, und deshalb definitiv nichts für Kinder - ebenso wenig, wie Filme von Martin Scorsese oder Francis Ford Coppola Kinderfilme sind.

Fies, amoralisch - und gut

Und auch "San Andreas" ist wieder ein Meilenstein. Noch nie wurde in einem Spiel eine so ausgefeilte Geschichte mit so viel Aufwand erzählt, kombiniert mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten für Aktivitäten abseits der Story. Das Spiel ist eine seltsame Mischung: Shooter, Autorennen, Rollenspiel, ein bisschen "Sims". Es geht um schnelle Autos und um Fahrräder, um den gekonnten Einsatz der Handbremse, um schwere Waffen und blutige Gemetzel, aber auch um Dates mit der neuen Freundin, um Friseurbesuche, um Sport - und ums Shoppen.

Als Carl Johnson zu Beginn nach fünf Jahren Abwesenheit zurück ins heimische Ghetto "Los Santos" kommt, ist gerade seine Mutter dem Bandenkrieg zum Opfer gefallen. Sein Bruder verachtet ihn, weil er sich aus dem Staub gemacht hat, die Homies wollen ihn nicht ernst nehmen, weil er an einem schmächtigen Leib die falschen Klamotten trägt. Carl muss sich Respekt verdienen, denn nur wer den genießt, kann später die Jungs aus der Nachbarschaft mitnehmen, wenn es gegen eine andere Gang geht.

...und sehr viel Gewalt: Drive-by-Shooting

...und sehr viel Gewalt: Drive-by-Shooting

"San Andreas" spielt Anfang der Neunziger, als HipHop dabei war, sich den Mainstream ein für alle mal untertan zu machen, als Rapper wie Snoop Doggy Dogg das Gangsta-Image zum unschlagbaren Marketingargument weiterentwickelten. Filme wie "Boyz in the Hood", "Menace 2 Society" oder "Colors" trugen Coolness, Gesetz- und Hoffnungslosigkeit der Ghettokultur in die Welt hinaus. "San Andreas" greift hinein in diesen Topf aus Klischees und Wahrheit, aus HipHop, Gang-Ehre, Polizeiwillkür, Drogen und Gewalt und garniert das Ganze mit viel abseitigem Humor und exzellentem Gameplay. Die filmreifen Dialoge sprechen Schauspieler wie Samuel L. Jackson, Peter Fonda und James Woods.

Untiefen: Homie im Redneck-Land

Wie zuvor gibt es wieder eine Menge Radiosender, die den entsprechenden Soundtrack liefern, Old-School-HipHop, Funk - präsentiert von George Clinton persönlich -, Rock - Axl Rose gibt einen erstaunlich entspannten Radiomann -, House, R'n'B und so weiter. Wieder gibt es Talk-Sender mit bitter satirischen Debatten, boshafte Werbespots - und diesmal auch Radionachrichten, die darüber berichten, was Carl als Letztes so verbrochen hat: Gang-Fights oder abgebrannte Marihuanafelder.

Streetwar: "Räuber und Gendarm" im Land der Homies

Streetwar: "Räuber und Gendarm" im Land der Homies

Von der Geschichte soll nicht zu viel verraten werden, nur so viel: Als Carl es endlich geschafft hat, den Jungs aus seiner Straße wieder Respekt zu verschaffen, muss er schnell aus der Stadt verschwinden - und landet auf dem flachen Land. Die Spielfläche von "San Andreas" ist riesig, statt wie bislang einer Stadt gibt es drei zu erkunden, und dazwischen Wüste, Felder, Weiden, Berge, Dörfer.

Im Hillibilly-Terrain ist der eben noch mit Training im Fitnessstudio, Goldschmuck und einem scharfen Haarschnitt fürs Ghettoleben fit gemachte Carl sehr fehl am Platz. Der Stimmungswechsel funktioniert: Von der Aufgehobenheit zwischen lauter Menschen, die alle die richtige Farbe tragen, freundlich grüßen und die richtigen Platten hören, hinaus ins verregnete Hinterland, in dem es nur durchgeknallte Survival-Freaks und rassistische Rednecks gibt.

Gewalthaltig, aber nicht blöd

Mal als einsamer Wolf, mal mit Familienanschluss kämpft sich Carl durch drei Städte, die Los Angeles, San Francisco und Las Vegas nachgebildet sind. Unterwegs begegnet er unter anderem einem sympathischen blinden Triaden-Boss, der Autorennen fährt, einer wahnsinnigen Latina, die Sado-Maso-Sex mag, und einem Geheimdienstmann, der mit dem Bösen paktiert, um sein Land zu schützen. Themen wie die Iran-Contra-Affäre oder der Rodney-King-Prozess und die anschließenden Rassenunruhen in LA schwingen im Hintergrund mit. Mit tumben Shootern wie "Doom III" hat all das nichts zu tun.

Amoralische Helden: Sympathie- und Waffenträger

Amoralische Helden: Sympathie- und Waffenträger

Einfach ist "San Andreas" nicht, und man wird viel Zeit investieren müssen, um wirklich alles zu lernen, was zu lernen ist, alles aufzuspüren, was das Spiel zu bieten hat - von den "Asteroids"-Automaten im Drugstore bis hin zum irgendwo versteckten James-Bond-Jetpack.

Weil die Wege so weit sind, nervt es gelegentlich, eine verpatzte Mission wiederholen zu müssen, und manche sind unverhältnismäßig schwer. Die Karte im Spiel ist ungenau und unübersichtlich, die Grafik ruckelt hin und wieder - perfekt ist "San Andreas" also nicht. Wer aber die beiden Vorläufer mochte, wird diese Folge lieben - und wer wissen will, wo es hingeht mit den Videospielen, sollte zumindest einen langen Blick darauf werfen.

Grand Theft Auto San Andreas ist exklusiv für PlayStation 2 ab sofort zum Preis von 59,95 Euro (unverbindliche Preisempfehlung) erhältlich. Eine PC-Version ist in Vorbereitung.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.