Guantanamo Wiki soll US-Folterungen aufklären

Linke Aktivisten aus den USA wollen 4000 Seiten Vernehmungsprotokolle aus dem Lager Guantanamo komplett durcharbeiten, um eventuell vorhandene Beweise für Misshandlungen zu finden. Das Mammutprojekt ist als Wiki organisisiert - jeder Surfer kann recherchieren helfen.

Spätestens seit bekannt wurde, dass die US-Regierung den Irak-Krieg mit manipulierten Beweisen begründet hat und praktische alle US-Medien der Argumentation gefolgt waren, misstrauen linke Amerikaner den Medien in ihrem Land. Tatsächlich wirkten Zeitungen, Fernsehstationen und Newssites im Web wie gleichgeschaltet, seit George W. Bush gegen den Terror in den Krieg gezogen ist.

Gegen den Meinungs-Mainstream in den USA haben sich schon vor Jahren Weblogs als Gegenpol etabliert. Im Dezember 2002 musste der republikanischen Senator Trent Lott den Fraktionsvorsitz seiner Partei abgegeben, nachdem Blogger rassistische Äußerungen von ihm ins Netz gestellt hatten.

Einer der größten Erfolge der Freizeitjournalisten war außerdem das sogenannte Rather-Gate. Sie hatten die angebliche Bush-Memos, die den Präsidenten in Verlegenheit bringen sollten, als Fälschung entlarvt. Präsentiert hatte sie der Moderator Dan Rather im September im Fernsehsender CBS. Rather musste schließlich einräumen, dass er die Authentizität der Dokumente nicht garantieren könne.

Nun wagt sich die linke amerikanische Webcommunity auch an extrem zeitaufwendige Recherchen. Eine Gruppe Freiwilliger will sämtliche veröffentlichten Guantanamo-Protokolle lesen . Ein ehrgeiziges Vorhaben, schließlich geht es um mehr als 4000 Seiten, die die US-Regierung im Rahmen des Freedom of Information Act herausgeben musste. Die American Civil Liberties Union, die die Herausgabe der Dokumente beantragt hatte, sieht sich personell nicht in der Lage, die Papierberge durchzuarbeiten.

So beschlossen Aktivisten des liberalen Blogs Daily Kos , das Ganze in die Hand zu nehmen. Susan Ho startete das Projekt, an dem sich mittlerweile 80 Freiwillige beteiligen. Ihr Ziel: Beweise für körperliche Misshandlung und Folter der in Guantanamo festgehaltenen "feindlichen Kombattanten" (US-Regierungsbezeichnung) finden. Man wolle verhindern, dass eventuell vorhandene Beweise übersehen würden, erklärten die Aktivisten.

Die Dokumente seien teilweise extrem detailliert und deshalb schwer lesbar, sagte George Phillies, einer der Hobby-Rechercheure dem Magazin "Wired". Es brauche viel Zeit, sie genau zu lesen. "Ich denke, das ist wichtig für das amerikanische Volk, weil nicht klar ist, was alles in seinem Namen getan wurde."

Organisiert wird die Arbeit in einem Wiki, das heißt jeder registrierte Benutzer kann bestehende Texte frei ändern, wobei alle Änderungen dokumentiert werden. Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia hatte vorgemacht, wie gut es funktionieren kann, wenn Tausende Freiwillige gemeinsam Texte schreiben. Die Zahl der Artikel explodierte regelrecht: Die deutsche Wikipedia liegt bei knapp 250.000 Einträgen.

Die herausgegebenen Akten betreffen 59 Gefangene, manche von ihnen sind nicht mehr in Guantanamo. Jedem Häftling wurde ein Hauptbearbeiter zugeordnet, der per Mail direkt kontaktiert werden kann. Einzelne Akten sind bereits komplett gelesen - in einer Kurzfassung können der Weg des Häftlings nach Guantanamo und seine Aussagen nachgelesen werden. Bei einem libyschen Gefangenen heißt es: "Sieht aus, als wäre alles in Ordnung. Es gibt glaubhaft klingende Beweise gegen den Inhaftierten und kein Anzeichen von Misshandlung."

Ganz ohne etablierte Medien wollen die Hobby-Rechercheure jedoch nicht arbeiten: Sie planen, wichtige Ergebnisse des Wikis in "Mainstream-Medien" zu platzieren, wie Phillies dem Magazin "Wired" sagte. Dabei solle es um die Berichte von Häftlingen über Misshandlungen gehen.

Die Chancen, dass die Papiere mit Wiki-Power komplett durchgearbeitet werden, stehen sicher nicht schlecht. Ob aber alle Akten tatsächlich mit der gleichen Sorgfalt gelesen werden, ist fraglich. Das wäre erst dann sichergestellt, wenn sich tatsächlich für jede der 59 Akten mehrere Freiwillige finden. "Ich denke, wir müssen Ergebnisse vorstellen, bevor wir noch mehr Freiwillige finden", sagte Philies.

Dass Wikis kein Garant für erfolgreiche Projekte sind, zeigt die Nachrichtenseite Wikinews . Im Prinzip kann jeder Surfer dort aktuelle Nachrichten schreiben, doch die Ergebnisse sind bislang eher dürftig, wie auch Vertreter von Wikimedia Deutschland einräumten. Vielleicht liegt es daran, dass nur wenige Hobby-Autoren Texte schreiben wollen, für die sich ein, zwei Tage später niemand mehr interessiert.

Holger Dambeck