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16. Juni 2016, 12:31 Uhr

Neues Bekennerschreiben

Wer hat die US-Demokraten gehackt?

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Das Netzwerk der US-Demokraten ist attackiert worden. Dort sieht man sich als Opfer der russischen Regierung. Nun hat ein anonymer Hacker ein Schreiben und Dokumente veröffentlicht, die dieser Theorie widersprechen.

Die amerikanischen Demokraten sind Opfer von Hackern geworden, so viel scheint sicher. Doch um die Frage, wer hinter dem Angriff steckt - Russlands Regierung oder ein anonymer Einzeltäter - entspannt sich in den USA gerade eine Posse.

Im Netz kursiert außerdem offenbar ein beim Hack abgegriffenes 200-Seiten-Pamphlet, in dem die Demokraten alle Verfehlungen und Schwachstellen des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump festgehalten haben. Auch private Details, etwa zu Trumps Ehen und Scheidungen, werden seziert. Die Echtheit des Dokuments ist aber, wie vieles in dem Fall, alles andere als eindeutig zu belegen.

Laut einem Bericht der "Washington Post" vom Dienstag macht das Democratic National Committee (DNC) Hacker der russischen Regierung dafür verantwortlich, in das Computernetzwerk des DNC eingedrungen zu sein. Das DNC ist das zentrale Verwaltungsorgan der Demokratischen Partei. Eine vom DNC alarmierte Sicherheitsfirma namens CrowdStrike habe zwei Hackergruppen mit Verbindung nach Moskau identifiziert. Ein russischer Regierungssprecher wies die Vorwürfe aber prompt zurück.

Anonymes Bekennerschreiben widerspricht der Russland-These

Nun hat sich ein anonymer Hacker unter dem Pseudonym "Guccifer 2.0" mit einem Bekennerschreiben zu Wort gemeldet und behauptet, er als Einzelperson sei für den Hack verantwortlich - nicht die russische Regierung. Er habe Tausende Dokumente extrahiert, während er sich über den Zeitraum eines Jahres im Netzwerk des DNC umgesehen habe.

Um seine den Demokraten widersprechenden Behauptungen zu untermauern, fügte "Guccifer 2.0" in seinem Blogpost Aufnahmen von Dokumenten bei, bei denen es sich unter anderem um den gestohlenen internen Bericht zu Trump handeln soll. Die Echtheit der Angaben konnte zunächst aber nicht überprüft werden, die Seite wirkt schnell - und schlampig - aufgesetzt. Die Demokraten haben sich nach dem Bekennerschreiben noch nicht erneut geäußert.

Den abgegriffenen Trump-Report der Demokraten hat "Guccifer 2.0" offenbar außerdem dem Klatsch-Blog "Gawker" zugespielt, vor Kurzem wegen seines Prozesses mit Wrestler Hulk Hogan in den Schlagzeilen. Zweiter Empfänger war die US-Webseite "The Smoking Gun", die das Dokument vollständig online gestellt hat. Auf der Plattform werden regelmäßig Unterlagen veröffentlicht - aber auch gerne mal Halbwahrheiten und bloße Gerüchte in Umlauf gebracht, weshalb das Portal einen überaus zweifelhaften Ruf hat.

Trump hat seine eigene Theorie zum Hacker

"Guccifer 2.0" sagte "The Smoking Gun" außerdem, er besitze auch geheime Dokumente von Hillary Clintons Computer aus der Zeit, in der Clinton noch US-Außenministerin war. Veröffentlicht hat er sie aber nicht.

Seine Namenswahl orientiert sich an einer Hackerfigur , die vor einigen Jahren in den USA für Aufregung sorgte: "Guccifer" hatte 2012 zum Beispiel Daten des früheren amerikanischen Präsidenten George W. Bush ausgespäht, auch Außenminister Colin Powell war betroffen. Beim "Guccifer" der ersten Generation weiß man aber mittlerweile, wer hinter dem Pseudonym steckt: ein rumänischer Hacker. Er ist inzwischen in die USA ausgeliefert worden.

Auch Donald Trump hat sich inzwischen zu Wort gemeldetund seine eigene Theorie, wer hinter dem DNC-Hack steckt: das DNC selbst. "Wir glauben, es war das DNC, das sich da 'gehackt' hat, um von den vielen Problemen abzulenken, die es mit seiner völlig verfehlte Kandidatin und Parteichefin gibt", sagte Trump.

mit Material von dpa

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