Hackergeist Google will in Ihren Rasensprenger

Google hat mit seiner Ankündigung eines Musik- und Filmdienstes im Netz Amazon und Apple offen attackiert. Doch diese Schritte erscheinen halbherzig und ein bisschen öde. Viel interessanter: Google will jetzt auch Lichtschalter, Rasensprenger und Garagentore erobern.

REUTERS

Aus San Francisco berichtet


Was Google da gestern Abend deutscher Zeit in San Francisco vorgestellt hat, ist kein echter Schritt nach vorn. Einen Streaming-Dienst für Musik, der einem auf beliebigen Geräten Zugang zum gewünschten Sound bietet - so etwas gibt es schon. Der Service heißt Spotify und hat gegen über Googles "Music Beta" einen entscheidenden Vorteil: Man kann sich dort nahezu beliebige Musik anhören. Nicht nur solche, die man vorher als CD oder Download eingekauft hat.

Googles Musikdienst beschränkt sich im Moment auf das, was der einzelne Nutzer selbst bereits besitzt und in zeitraubenden Online-Sitzungen auf Googles Server hochgeladen hat - so einen Dienst bietet auch schon Amazon an. Sollte der Dienst wirklich Verbreitung finden - wie viele Versionen von Lady Gagas "Telephone", wie viel mal "Bohemian Rhapsody" wird Google wohl auf seinen Servern vorhalten müssen, nur um einen juristischen Konflikt mit der Musikbranche zu vermeiden?

Erfolgversprechender scheint da der Film-Streaming-Dienst, der immerhin auf Vereinbarungen mit diversen großen Studios basiert, also nicht den gleichen juristischen Einschränkungen unterliegt. Aber Videos aus dem Netz auf Handy, Tablet, TV - das gibt es andernorts längst (zumindest für US-Bürger - aber auch Google sperrt Europäer vorerst aus). Wirklich aufregend ist das nicht, wenn auch wirtschaftlich erfolgversprechend, angesichts von bereits jetzt 100 Millionen Android-Geräten weltweit.

Android soll Haus- und Gartentechnik steuern

Der interessanteste Aspekt der ersten Keynote-Veranstaltung von Googles Entwicklerkonferenz Google I/O aber war denn auch ein ganz anderer - und einer mit möglicherweise mittelfristig größerer Bedeutung. Android als Betriebssystem soll geöffnet werden für externe Peripheriegeräte, soll eines Tages sogar Haus- und Gartentechnik steuern können, von der Schlafzimmerbeleuchtung bis hin zum Rasensprenger. Offene Hardware-Schnittstellen sollen, im Verbund mit passenden Apps für das Android-Handy oder -Tablet, als Inspiration für eine Flut von nützlichen Zusatzgeräten dienen.

Im Moscone-Center, wo die Konferenz stattfindet, ist derzeit ein demonstrativ gewaltiges Beispiel zu bewundern: Ein 25 Quadratmeter messendes Holzlabyrinth, durch das mittels Kippbewegungen eine Kugel bugsiert werden muss. Das überdimensionale Kinderspielzeug wird mit einem zierlichen Android-Tablet gesteuert - kippt der Spieler den Flachrechner, übermitteln dessen Lagesensoren die Bewegung an die gewaltige Spielfläche. Die Entwickler stehen Schlange, um sich daran zu versuchen. Zwischen den Schaulustigen fahren kleine grüne Android-Roboter auf zwei Rädern herum, gesteuert über das ehemalige Handy-Betriebssystem. Die Google-Konferenz zelebriert das Spielerische, was bei den versammelten Entwicklern hervorragend ankommt.

Google umwirbt die Hardware-Hacker

Das Herumspielen mit Hardware, Basteln und Heimwerkertum auf dem Niveau des digitalen 21. Jahrhunderts, ist in den USA ein großes Trendthema. "Wired" widmete den "Makers", den Machern dieser neuen Do-it-yourself-Kultur eben eine große Titelgeschichte, im Fachverlag O'Reilly erscheint schon seit Jahren das "Make"-Magazin, das beispielsweise erklärt, wie man sich einen servobetriebenen Mini-Saurier baut oder ein Garagentor, das sich automatisch öffnet, wenn man mit seinem Smartphone in die Nähe kommt.

US-Bastler fräsen sich mit gebraucht gekauften alten Industriemaschinen, mit digitaler Eigenbau-Technik angereichert, zu Hause eigene Fahrradbauteile, andere stellen selbst Kinderspielzeuge oder Flaschenöffner her, mit 3D-Druckern, die man als Bastler wiederum selbst zusammensetzen und programmieren kann. Simple, quelloffene Microcontroller-Boards wie das des Arduino-Projektes werden schon jetzt für eine Vielzahl von Anwendungen eingesetzt, von autonomen Mini-Robotern bis hin zu Zimmerpflanzen, die um Hilfe twittern, wenn es ihnen an Wasser mangelt.

Diesen Hardware-Hacker-Geist will Google nun anzapfen. Warum nicht, so das offenkundige Kalkül, die Kreativität dieser blühenden Szene nutzen, um weiteren Mehrwert rund um das eigene Betriebssystem zu schaffen? Warum nur Softwarebastler umarmen, damit sie Apps entwickeln, und nicht auch Hardwarebastler, damit sie mit ihren cleveren Ideen Android zum Zentrum einer neuen Open-Source-Revolution jenseits der Bildschirme machen?

Für den Google ist dieser Schritt von zentraler Bedeutung - und die einzige große Innovation, die die I/O-Konferenz bislang zu bieten hatte. Wenn es dem Konzern, der im Internet geboren und groß geworden ist, auf diese Weise gelingen sollte, sich im realweltlichen Alltag, in den Rasensprengern, Garagentoren und Blumentöpfen der Menschen breitzumachen, wäre das ein großer Schritt - und einer, dem die großen Rivalen Microsoft und Apple derzeit wenig bis nichts entgegenzusetzen haben.

Hinter Google Music Beta steckt Anwalts- statt Hackerlogik

All das passt gut zu dem kreativ-chaotischen, leicht anarchischen Selbstbild, das Google noch immer pflegt. Der Angriff aus der Wolke auf Apple, Amazon und Co. dagegen, der in der Dienstags-Keynote breiten Raum einnahm, wirkt dagegen halbherzig und bemüht. Vielleicht, weil es darin letztlich und ziemlich offenkundig ums Geldverdienen geht, mit Ideen, die andere schon umgesetzt haben, aber juristischen Selbstbeschränkungen, die den Erfolg vor allem des neuen Musikdienstes schon jetzt zweifelhaft erscheinen lassen.

Hinter dem Modell von "Google Music Beta" steckt nicht Hacker- sondern Anwaltslogik: Weil den Nutzern ja schon gehört, was sie da an Sound aus der Wolke holen, wird hier auch kein Copyright verletzt. Was aber gleichzeitig bedeutet, dass jedes einzelne Musikstück immer und immer wieder hochgeladen werden muss, für jeden einzelnen Besitzer eines Songs. Das ist weder elegant noch effizient. Und für die Nutzer höchst lästig, denn wer die 20.000 Songs vollmachen will, für die die vorerst kostenlose Betaversion Platz hat, der wird seinem Rechner viel Zeit einräumen müssen, um all die Bytes auf Googles Server zu schieben. Spotify-Nutzer dagegen müssen nur einschalten und drauflos hören. Es ist davon auszugehen, dass Google weiterhin fieberhaft mit den großen Labels verhandelt, um den eigenen Dienst von diesen juristischen Krücken zu befreien.

Gegen Ende der Keynote wurde ein Beispiel für die Möglichkeiten der neuen "Tungsten"-Hardwareerweiterungen für Android vorgestellt, das zeigen könnte, wohin die Reise aus Googles Sicht wirklich geht. Da wurde eine CD-Hülle kurz gegen eine Kugel getippt, ein Ping ertönte. Die Erklärung: Die neu gekaufte CD sei jetzt, dank eines sogenannten Near Field Communication (NFC) Chips erkannt und automatisch der eigenen Bibliothek hinzugefügt worden. Ein weiteres Antippen der Kugel mit der CD-Hülle - und Run DMC bollerte aus den Lautsprechern. Hochgeladen wurde dazwischen nichts.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
klemic 11.05.2011
1. Google nutzt richtig, was Sony falsch macht
Zitat von sysopGoogle hat mit seiner Ankündigung eines Musik- und Filmdienstes im Netz Amazon und Apple offen attackiert. Doch diese Schritte erscheinen halbherzig und ein bisschen öde. Viel interessanter: Google will jetzt auch Lichtschalter, Rasensprenger und Garagentore erobern. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,761856,00.html
Google setzt genau auf das richtige Pferd, und profitiert von der Kreativität einer riesigen Entwicklergemeinde und schafft schnelle Erfolge, wo andere Firmen mühsam der Entwicklung hinterher stolpern. Sony zum Beispiel hat sich diese Gemeinde mit seiner Aktion gegen Geohot erfolgreich verprellt...
GM64 11.05.2011
2. Darauf warte ich schon lange
Zitat von sysopGoogle hat mit seiner Ankündigung eines Musik- und Filmdienstes im Netz Amazon und Apple offen attackiert. Doch diese Schritte erscheinen halbherzig und ein bisschen öde. Viel interessanter: Google will jetzt auch Lichtschalter, Rasensprenger und Garagentore erobern. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,761856,00.html
Warum gibt es keine neue Android Live CD? Da könnte man sich schon mal reinriechen. Da ich schon älter bin, würde ich gerne eine Bewässerungsanlage für meinen Garten bauen, aber womit den? Wenn ich mit einem PC steuern soll, braucht das zu viel Strom. Aber das größer Problem ist doch wohl, für welche Technik soll man sich denn entscheiden? MS wirkt nicht gesund und die rücken auch keine Compiler heraus. Knoppix ist auch nicht mehr was es war. Den Bastlern wird eher das Handwerk gelegt. Die Arduino-Plattform klingt interessant, aber ich habe mein Vertrauen in die Branche verloren. Vor Jahren gab es von VIA PC Boards für Bastler im Angebot, aber es gab keine guten Dokumentationen. Das war echt enttäuschend. So ein PC hat doch viele Probleme, z.B. ACPI ist ein Problem. Woher soll ich wissen ob das Linux System mit dem Board auch funktioniert? Die Antwort war dann immer steck die CD rein und finde es raus. Das ist aber keine Art und Weise wie ich arbeite. Daher habe ich mich lieber bei Arduino zurück gehalten. Wenn man mir aber sagen würde, dass es da besser sei, würde ich mich da gerne einarbeiten und was damit anfangen. Aber wie gesagt, ich möchte nicht wieder verscheißert werden. Die Hersteller haben nur wenig Interesse, dass das Produkt beim Kunden auch funktioniert. Man möchte ja nur verkaufen und nicht erfolgreiche Bastler Projekte haben, die einem dann den Profimarkt versauen.
shr00m 11.05.2011
3. hmm
Zitat von GM64Warum gibt es keine neue Android Live CD? Da könnte man sich schon mal reinriechen. Da ich schon älter bin, würde ich gerne eine Bewässerungsanlage für meinen Garten bauen, aber womit den? Wenn ich mit einem PC steuern soll, braucht das zu viel Strom. Aber das größer Problem ist doch wohl, für welche Technik soll man sich denn entscheiden? MS wirkt nicht gesund und die rücken auch keine Compiler heraus. Knoppix ist auch nicht mehr was es war. Den Bastlern wird eher das Handwerk gelegt. Die Arduino-Plattform klingt interessant, aber ich habe mein Vertrauen in die Branche verloren. Vor Jahren gab es von VIA PC Boards für Bastler im Angebot, aber es gab keine guten Dokumentationen. Das war echt enttäuschend. So ein PC hat doch viele Probleme, z.B. ACPI ist ein Problem. Woher soll ich wissen ob das Linux System mit dem Board auch funktioniert? Die Antwort war dann immer steck die CD rein und finde es raus. Das ist aber keine Art und Weise wie ich arbeite. Daher habe ich mich lieber bei Arduino zurück gehalten. Wenn man mir aber sagen würde, dass es da besser sei, würde ich mich da gerne einarbeiten und was damit anfangen. Aber wie gesagt, ich möchte nicht wieder verscheißert werden. Die Hersteller haben nur wenig Interesse, dass das Produkt beim Kunden auch funktioniert. Man möchte ja nur verkaufen und nicht erfolgreiche Bastler Projekte haben, die einem dann den Profimarkt versauen.
tach, alter. ;) ach.. nimm für den "schaltrechner" doch ruhig linux. via soll schon recht gut sein eigtl bei den schlanken embedded und da läuft in aller regel immer linux drauf. vielleicht kommst du aber auch mit weniger aus. nem router auf dem linux läuft oder so. du musst dich natürlich auskennen, sonst wird das gefrustet enden. ich denke da zb an einen schaltkasten mit bash ohne monitor, ein desktop wird den dienst aber auch tun und wär wohl einfacher. ist halt klobig bisschen. paar aktuelle distris: verschiedene ubuntu varianten, mint. irgendwas mit nem schlanken windowmanager. is ziemlich komfortabel. dann sollte die kiste aber auch nicht zu klein und lasch sein. für bash distris ohne desktop käm dann wohl debian in frage. der rechner würde irgendwie übers inet steuersignale vom smartphone empfangen und weiterleiten. an/aus, termine, zb montag morgen um 5 an. sollte alles kein zu grosser akt sein. der eigentliche strom muss natürlich woanders herkommen. eventuell durch eine normale wasserpumpe, die bissel umgerüstet wird. gibts wahrscheinlich heute schon die apps und hw für. vor x jahren hat ein bekannter schon seine komplette wohnung verkabelt ^^ lichtschalter, heizung, war absolut ALLES über pc (fern)steuerbar. die zugehörigen schalter und so gabs damals auch schon. konnte dann auch andere im chat per befehl die bude leuchten lassen *g* ich würd als erstes mal gucken, ob bei android apps in frage kommen für den anwendungszweck. dann schaun welche linux apps so sensorsteuerung machen.. bisschen über die hw einlesen und das könnts im grunde schon fast sein. achja. die live cd war ein unoffizieller build soweit ich weiss. einfach proof of concept und nix wirklich ernstes. du kannst dir aber eine eigene basteln, die dann im android emulator des sdks läuft. wie weit du damit kommst ist die frage. wie das geht erfährst du hier http://android.modaco.com/content/general-discussion/289928/testing-getting-an-emulator-up-and-running-a-full-rom-with-the-market-etc/ du wirst aber deine schwierigkeiten haben direkt mit android auf dem rechner deinen rasenspränger zu betreiben :p
woerlitz 11.05.2011
4. smart Haus mit Google ???
Ist doch kalter Kaffee, Ich wohne seit 10 Jahren in einem steuerbaren Haus. Jetzt gibt es auch Apps dafür, in naher Zukunft brauche ich nicht mal mehr Apps dafür. Dann macht es der Browser direkt. http://knx-user-forum.de ist das größte Forum zu diesem Thema Ein bißchen Recherche vor so einer Meldung zum Thema smart Haus kann man eigentlich erwarten. Und wer seinen Rasensprenger oder irgendwas anderes mit dem Smartphone steuern will, kann sich bei mir melden. Ist alles Lagerware. Google braucht man nun wirklich nicht dafür
pescador 14.11.2011
5. Wer will schon kalten Kaffee?
Zitat von woerlitzIst doch kalter Kaffee, Ich wohne seit 10 Jahren in einem steuerbaren Haus. Jetzt gibt es auch Apps dafür, in naher Zukunft brauche ich nicht mal mehr Apps dafür. Dann macht es der Browser direkt. http://knx-user-forum.de ist das größte Forum zu diesem Thema Ein bißchen Recherche vor so einer Meldung zum Thema smart Haus kann man eigentlich erwarten. Und wer seinen Rasensprenger oder irgendwas anderes mit dem Smartphone steuern will, kann sich bei mir melden. Ist alles Lagerware. Google braucht man nun wirklich nicht dafür
Tja, und warum hat sich das dann noch nicht weiter durchgesetzt? Selbst bei Neubauten werden in der Regel keine Installationsbusse verlegt. Kein Mensch möchte sein Haus über den Browser fernsteuern. Das Smartphone bietet da ganz andere Möglichkeiten. Und damit meine ich nicht die Apps ;-). Natürlich braucht man da Google nicht für.Aber mit Google besteht mal wenigstens die Möglichkeit, dass ein echter Markt auch beim Privatanwender ohne Luxusbudget entsteht. Und wirklich intelligente, offene Lösungen. Apropos Rasensprenger: meine Steuerung lädt sich von einem Onlinedienst die Verdunstungsdaten und übernimmt aus meinem Regenmesser die Niederschlagsdaten. Daraus werden dann Bewässerungszeitpunkt und -Menge berechnet.
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