Hackerkongress Informationsfreiheit "wichtiger als das Wahlrecht"

Zum 22. Mal rief der Chaos Computer Club zum Hackerkongress, und über 3000 Interessierte kamen. Vier Tage lang geht es jetzt mit Tech-Talk, tiefen Einsichten und viel Politik zur Sache: Hacker, machten die Eingangsredner klar, sind keine Kriminellen, sondern Verteidiger der Informationsfreiheit.


Computerfreaks sind - wie tröstlich - auch irgendwie normale Menschen, jedenfalls wenn es um Probleme mit der Technik geht. Am ersten Tag des diesjährigen Chaos Computer Congress (22C3) jedenfalls zeigten sich am Dienstag nicht nur die Mikrofone im Berliner Congress Centrum bockig. Auch das WLAN und die Congress-Website waren zeitweilig ausgefallen.

Der "22C3": Treffpunkt für Hacker und Hack-Interessierte
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Der "22C3": Treffpunkt für Hacker und Hack-Interessierte

Die rund 3000 jungen Männer und schätzungsweise drei Dutzend Frauen, die zum 22. Congress des Chaos Computer Club pilgerten wie zum jährlichen Klassentreffen, nahmen es gelassen. Zu groß war die Vorfreude auf vier tolle Tage hinter Keyboard und Bildschirm, auf Austausch über die neuesten Gimmicks und Hackertricks, auf 150 Vorträge von Szenegrößen über Themen wie die "Technik im neuen ePass" oder die "Elektronische Gesundheitskarte und Gesundheitstelematik - 1984, reloaded?"

Angesichts offensichtlicher Unkenntnis im Rest der Welt sah sich Zeremonienmeister Tim Pritlove bei der Eröffnungsveranstaltung genötigt zu erklären, was Hacker nicht sind: "Wir sind keine Kriminellen", sagte er. Und fügte schelmisch an: "Denkt dran."

Hacker seien auch keine "übermächtigen Übergeeks" und auch nicht die, "die dir dein Windows reparieren". Ein Hacker sei vielmehr einfach einer, der "Dinge durchdringen" wolle, der sich "besorgt, unnachgiebig und wütend" für die Informationsfreiheit einsetze.

Der Hinweis auf die Grenzen der Legalität, der auf der völlig überfüllten Eröffnungsveranstaltung für Heiterkeit sorgte, war aber nicht ganz unbegründet. Im vergangenen Jahr habe es, erinnerte Pritlove, vom Congress aus ein paar unangenehme Hackerattacken gegeben - mit entsprechenden Gegenmaßnahmen der Computerermittler des Berliner Landeskriminalamts. Deshalb gelte auch für Hacker: "Schalte dein Gehirn ein, bevor du den Computer anknipst." Für Zweifelsfälle ist eine "Hacker Ethics Hotline" geschaltet, die über die strafrechtlichen Konsequenzen aufklärt.

Waschen ist Dienst am Nächsten

Auch sonst achtet der CCC streng auf Etikette. So wurden alle Teilnehmer, die schon am Morgen in kleinen Grüppchen tief versunken und stumm vor ihren Laptops saßen, im Programmheft aufgerufen, Drogen - einschließlich Alkohol, Coke und Club Mate - nur insoweit zu gebrauchen, als sich niemand gestört fühle. Das Schlafen auf den Gängen des Berliner Congress Centrums wurde in diesem Jahr erstmals untersagt, unter anderem wegen der Erkenntnis, dass "regelmäßiges Duschen nicht nur erfrischt, sondern auch für die Menschen um dich herum angenehm sein kann".

Ernster nehmen die Chaos-Teilnehmer die eigenen Regeln zum Fotografieren und Filmen. Gilt doch der Kampf um das Recht am eigenen Bild als Ehrensache für die Szene, die Informationsfreiheit zum Menschenrecht erklärt hat. Die eine oder andere Kamera von Pressefotografen sei bereits zu Bruch gegangen, erinnerte sich CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn. Mit den Vermietern des Congress Centrums haben die Veranstalter ausgehandelt, dass die Videoüberwachung für die Zeit des Treffens zumindest teilweise ausgeschaltet wird.

Auch der Eröffnungsvortrag des Szenegurus Joi Ito zeigte, dass es sich nicht nur um eine Spaßveranstaltung handeln soll. Ito warnte vor dem Ende der Freiheit im Internet und vor den damit verbundenen Gefahren für die Demokratie. "Das größte Risiko heute ist, dass das Netz wieder geschlossen wird."

Informationsfreiheit aber sei "wichtiger als das Recht, Waffen zu besitzen und auch wichtiger als das Wahlrecht". Sie ermögliche den Wettbewerb der Ideen und damit Demokratie.

Auch Pritlove meinte, es habe bis zum Jahr 2005 gedauert, bis sich Regierungen die Winkelzüge ausgedacht hätten, die man bereits für das sagenumworbene 1984 befürchtet habe. Im Dezember jenes Jahres hatte sich die Szene übrigens in Hamburg zum ersten Chaos Computer Congress getroffen.

Verena Schmitt-Roschmann, AP



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