Sascha Lobo

Terroranschlag von Halle Wie das Netz den Faschismus befeuert

Das Internet ist gefährlich. Dann, wenn es als Radikalisierungmaschine wirkt. Das Fundament dafür liefert die Gesellschaft - im Fall Halle durch die Allgegenwart des Antisemitismus, rechts wie links.
Attentäter von Halle (Mitte): Faschistische Ideologie und das Internet

Attentäter von Halle (Mitte): Faschistische Ideologie und das Internet

Foto: RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX

Der antisemitische, rassistische Terroranschlag in Halle ist der jüngste Spross eines so furchtbaren wie fruchtbaren Paares. Zusammengekommen sind eine faschistische Ideologie und das Internet.

Zu den absurden deutschen Ritualen gehört es, in nicht mehr ignorier- oder leugbaren Fällen von Antisemitismus laut "Nie wieder!" zu rufen, eine der folgenlosesten Äußerungen des Universums. Und zu den gefährlichsten deutschen Ritualen gehört es, die Gründe für alles Schlimme dort zu suchen, wo es einem am besten in den Kram passt. Manchmal geschieht aber noch nicht einmal das.

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Der Grund, warum Deutschland über Gaming diskutiert: Das ist für alle Beteiligten die angenehmste Debatte. Gamer können mit großer Geste jede Verbindung zwischen Gaming und menschenfeindlichen Ideologien als absurd abtun. Die restliche Gesellschaft kann empört sein über irgendwas, was sie nicht versteht und das sie deshalb selbst von jeder Reflexion freispricht. Und Horst Seehofer kann sich stellvertretend für die Regierung zerknirscht bis überrascht geben. Oh, radikalisierte Gamer, hatte man wohl nicht auf dem Schirm, ärgerlich!

Der Autor Max Czollek hat es präzise formuliert: "Das hier ist der Sturm, vor dem wir euch gewarnt haben".

  • Wer diese Warnungen nicht hören wollte, bestand - wie die halbe Union - noch stets darauf, in der Sekunde der Erwähnung von Rechtsextremismus auch Linksextremismus zu sagen. Als sei nicht der Unterschied im 21. Jahrhundert in Deutschland, dass Linksextreme Autos anzünden und Rechtsextreme Menschen.
  • Wer diese Warnungen nicht hören wollte, erklärte - wie Peter Sloterdijk  - im Juni 2019, dass "das derzeit in Deutschland beklagte Ansteigen des Antisemitismus" purer Alarmismus sei und damit "Emotionen, die mit dem eigentlichen Risikopotenzial nichts zu tun" hätten. Sloterdijk glaube "an diese ganzen Bedrohungen" nicht. Wörtliche Zitate, das denke ich mir nicht aus.
  • Wer diese Warnungen nicht hören wollte, der ließ - wie Frank Plasberg - einfach einen zutiefst antisemitischen Zuschauerkommentar stehen, als handele es sich um eine ganz normale Meinung: Das "Judenthema" solle man doch allmählich "zurücknehmen", es schüre Hass.

Verharmlosung und Beschwichtigung gehört zum Judenhass

Der Attentäter selbst sagte, er habe eine "judenkritische Einstellung", und wirft damit das Echo einer Gesellschaft zurück, in der Rechtsextreme von Qualitätsmedien als "Flüchtlingskritiker" bezeichnet worden sind. Verharmlosung und Beschwichtigung gehört schon immer zum Judenhass. In spöttischem Sinne hat der Philosoph Isaiah Berlin das Leitmotiv vorgetragen : "Ein Antisemit ist jemand, der die Juden noch mehr hasst, als es unbedingt notwendig ist."

Ein junger Piraten-Funktionär hat 2012 ebenso wie viele vor und nach ihm eine ernstgemeinte Variation eines bitteren Klassikers von sich gegeben: "Ich bin also Antisemit, weil ich die israelische Kackpolitik und den Juden an sich unsympatisch finde". Nun: Ja.

Die Mutter des Attentäters  hat erklärt, warum ihr Sohn Juden ermorden wollte. "Er hat nichts gegen Juden in dem Sinne. Er hat was gegen die Leute, die hinter der finanziellen Macht stehen - wer hat das nicht?"

Auf eine verquere Art muss man dieser Frau dankbar sein: Sie entlarvt unwillentlich die Allgegenwart des Antisemitismus in Deutschland. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums führt das dazu, dass die AfD grotesk und irreal behaupten kann , sie sei eine "durch und durch pro-israelische und pro-jüdische Partei", während maßgebliche Mitglieder vor sich hin antisemitieren. Links ist die Konsequenz, dass man - in Deutschland! - gleichzeitig gegen Antisemitismus schwafeln kann und Israel als "Apartheid-Staat" bezeichnen. Was in jedem Fall absurd ist, aus deutschen Mündern aber eine Ungeheuerlichkeit mit extra judenfeindlichem Käse plus sehr scharfer Soße.

Auf einem solchen gesellschaftlichen Fundament des Judenhasses und der Menschenfeindlichkeit wirkt das Netz. Denn eine seiner vielen, komplexen Funktionen ist die, dass es als Radikalisierungmaschine wirken kann. Hier ist nach meiner Einschätzung im Jahr 2019 eine neue Dimension eröffnet worden. Im März ermordete ein Rechtsterrorist in Christchurch über 50 Menschen, seitdem haben sich die Attentäter in El Paso, in Poway, im norwegischen Bærum und jetzt in Halle auf ihn bezogen. Mit 25 weiteren Ermordeten.

Verlängerter Arm einer Netzgemeinschaft

Das Livestreaming der Gewalt wie im Fall Christchurch und Halle wird als Gaming- oder Gamification-Element betrachtet, aber meine noch recht rohe These ist, dass es eine andere Funktion hat: Motivation und Distanz. Durch die Helmkamera und die Kommentierung der Taten baut der Täter eine Beziehung zu einem (teilweise imaginierten) Netzpublikum auf. So setzt er sich selbst unter Druck, die Tat fortzuführen, denn die Scham eines möglichen Misserfolges vor der Community wirkt motivierend.

Zugleich sieht sich der Täter als verlängerter Arm einer Netzgemeinschaft mit ähnlichen Zielen und baut so Distanz zu der monströsen Tat auf, die er soeben begeht. Die sarkastischen Kommentare in solchen terroristischen Livestreams wirken wie eine Form der Bewältigung des Moments, als digitale Terror-Events .

Linda Schlegel  ist Wissenschaftlerin mit dem Fokus Extremismus und Onlineradikalisierung. Sie spricht von der Vielschichtigkeit dieses Prozesses und dass es "leider keine Blaupause für Radikalisierungsverläufe" gäbe. Trotzdem kann sie unter Verweis auf die Forschung zu sozialen Bewegungen eingrenzen, welche "Grundelemente vorhanden sein müssen, um ein Narrativ erfolgreich zu kommunizieren: Diagnose, Prognose, Motivation. Oder anders gesagt, was momentan falsch läuft, wie die Zukunft aussehen soll und was zu tun ist, um diese Zukunft herbeizuführen."

Die unheilige Dreifaltigkeit der Radikalisierung

Der Attentäter von Halle hat neben einem livegestreamten Videoclip eine Art Manifest veröffentlicht, in Kombination sind die wirksamen Elemente von Diagnose, Prognose und Motivation erkennbar. Wenn man die Videos und Manifeste der anderen Täter abgleicht, ergibt sich ein mögliches Muster, nämlich eine unheilige Dreifaltigkeit der Radikalisierung im Netz:

Vor allem mithilfe von rassistischen Verschwörungstheorien wie dem "großen Austausch" wird die Selbstviktimisierung betrieben, die Konstruktion einer Welt, in der man sich als Opfer fühlt. Dieses Opfer-Gefühl erlaubt, noch die blutrünstigsten Taten als diejenige Form von Gewalt zu betrachten, die von den meisten Menschen als legitim betrachtet wird: Notwehr. Die Opferpose ist die Vorbereitung von Gewalt.

Alle drei Elemente der unheiligen Dreifaltigkeit der Manifesterzählungen lassen sich in drei Sätzen kondensieren: Der "weiße Mann" in Europa solle durch Schwarze und Muslime ersetzt werden, weil diese leichter beherrschbar seien. Feminismus bringe Frauen dazu, sich nicht mehr als Gebärmaschinen für weiße Kinder zu begreifen. Gesteuert werde das alles von den Juden. Quer durch das Netz lassen sich verschiedene Kombinationen dieser Verschwörungserzählung beobachten.

Dann kommt der "Mitgliedinnen"-Witz

Toxische Männlichkeit ist derweil der Elefant im Raum der Radikalisierung junger Männer, und auch hier warnten und warnen Expertinnen wie Franziska Schutzbach  seit Jahren. Und auch hier möchte sich Deutschland nicht beschäftigen mit den Gründen und Hintergründen, weil das am Ende bedeuten könnte, liebgewordene, aber toxisch-patriarchale Überzeugungen in Frage zu stellen. Dann macht jemand einen Witz über "Mitgliedinnen" und alle lachen erleichtert auf.

Linda Schlegel sagt: "Ein Element der Zukunftsutopie ist das Patriarchat, in dem völlig klar geregelt ist, dass der Mann über die Frau bestimmt, was von einigen Extremisten als die 'wahre Ordnung' angesehen wird." Kein Zufall übrigens, dass sich hierin Rechtsextremisten und Islamisten ausgesprochen einig sind.

Obwohl auch der linke Extremismus blüht, lautete die Frage, die sich nach der ersten Kunde eines Überfalls auf eine Synagoge alle heimlich stellten: Nazi oder Islamist?

Gebärmaschinen zum Zweck des Machterhalts brauchen beide Gruppen, faschistisch sind beide. Ihre gewalttätigen Ideologien habe fast alle terroristischen Morde in Europa in diesem Jahrtausend zu verantworten. Und beide sind sich überaus einig in ihrem Antisemitismus.

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