Hartplatzhelden-Videos Showdown um die Sportschau der Kreisliga

Es geht auf den ersten Blick nur um verwackelte Bilder von Amateurkickern. Aber wer darf die Laien-Aufnahmen zeigen und damit Geschäfte machen: das Internet-Start-up Hartplatzhelden - oder die Fußball-Funktionäre selbst? Der vertrackte Konflikt wird gerade vor Gericht ausgetragen.

Der Platz ist das, was man in Fußballerkreisen einen Acker nennt: Ein pockennarbiges, schlammiges Areal, für das die Bezeichnung "Fläche" äußerst schmeichelhaft wäre. 22 Fußballspieler in weißen und blauen Trikots bewegen sich darauf mal mehr, meist aber weniger, die Kameraperspektive offenbart nur zwei-, dreimal sehr kurz, dass auch ein Ball im Spiel ist. Man ahnt mehr als man sieht, dass da einer der Spieler den Ball tatsächlich am verdeckt stehenden Keeper vorbei ins Netz bringt.

Keine Frage, es handelt sich um Laienfußball, und der Mitschnitt ist Laien-TV der handverwackelten Sorte. Dennoch sind die Aufnahmen so wichtig, dass sie seit Ende 2007 für einen Rechtsstreit sorgen, bei dem es allen Seiten um Grundsätzliches geht:

  • Der Württembergische Fußballverband (wfv)  will - stellvertretend für die Kicker-Verbände - per Gericht endgültig klären lassen, wer auf seinen Plätzen filmen und vor allem diese Videos dann vermarkten darf. Der Verband will das nur selbst tun - mit dem kommerziellen Partner DieLigen GmbH.
  • Die Website Hartplatzhelden.de , die solche Videos der unteren Spielklassen seit 2006 sammelt und veröffentlicht und damit auch Werbeumsätze generiert, will damit weitermachen: Sie verschweigt nicht, darin ein Geschäft zu sehen.
  • Viele Fans wollen wissen, wem der Fußball und die Bilder, die er generiert, eigentlich gehören: den Verbänden, Vereinen und Investoren oder den Spielern und Fans? Soll überhaupt jemand mit Amateurspielen Geschäfte machen dürfen? Und dann noch mit den Laienvideos anderer Leute? Wem gehören die eigentlich?

Der Streit geht am Donnerstag in die Verlängerung: Nachdem das Landgericht Stuttgart in erster Instanz im Mai 2008 dem Verband Recht gab, versuchten die Hartplatzhelden Ende 2008 den Ausgleich vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht (OLG). Im Dezember pfiff das OLG die Verhandlung mit der Aufforderung ab, die streitenden Parteien sollten sich doch auf der Grundlage eines Schlichtungsvorschlages des Gerichtes einigen.

Oliver Fritsch, Sportjournalist und Hartplatzhelden-Mitbegründer, sieht darin schon einen Punktsieg: Der Vorschlag des Gerichtes habe dem Start-up ein auf Werbung basierendes Geschäftsmodell zugestanden, gebunden an "inhaltliche und formale Vorgaben".

Uneigennützig ist niemand: Alle wollen das Geschäft machen

Mitte Februar unterbreiteten die Helden dem Fußballverband einen Vorschlag, in dem sie die Selbstbeschränkungen ihrer Berichterstattung konkretisierten, im Gegenzug ihr Recht auf Werbeschaltungen bekräftigten.

Denn dass Hartplatzhelden kommerzielle Interessen verfolgt, bestreiten die Betreiber gar nicht. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagt Oliver Fritsch, dass die Seite zwar bisher keine schwarzen Zahlen schreibe: "Wir haben mit dem Prozess jetzt ja auch einen Klotz am Bein. Und natürlich wollen wir irgendwann damit Gewinn machen." Die Hartplatzhelden wollen das mit den Videos schaffen, die den Privatleuten gehörten - und nicht dem Verband.

Der sieht das anders. Auf den Kompromissvorschlag antwortete der Verband nach nur drei Tagen. "Eine Einigung", heißt es da, werde "nicht weiter verfolgt" und dass die "in Ihrem Schreiben aufgeführten Vermarktungsmöglichkeiten" dem Verband "in diesem Ausmaß gar nicht bewusst" gewesen seien. Man ziehe eine endgültige Klärung vor Gericht vor, hieß es auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Der Verband: Wollen, was man nicht kann?

Die Grundhaltung des Verbands ist bereits einer Pressemitteilung aus dem Oktober 2007 zu entnehmen: "Mit der Klage möchte der wfv eine grundsätzliche Klärung der Frage erreichen, ob kommerziell ausgerichtete Unternehmen Leistungen des Amateurfußballs zum Zwecke der Gewinnerzielung nutzen dürfen, ohne eine Gegenleistung zu erbringen."

Die Berliner Kanzlei Härting, die die Hartplatzhelden vertritt, fragt dagegen: "Hat ein Fußballverband Exklusivrechte an den Amateur- und Jugendfußballspielen der Vereine aus seinem Verbandsbereich? Kann der Verband die Veröffentlichung privater Videoaufnahmen von einzelnen Spielszenen auf einer eigens dafür eingerichteten Internet-Plattform untersagen? Hat der Verband ein Zentralvermarktungsrecht für alle Bildmaterialien?"

In der Öffentlichkeit sind die Sympathien klar verteilt: Die Fans wittern gierige Funktionäre. Auch viele Medien kommentierten, jetzt wolle der DFB auch noch die Hobbykickerei zu Geld machen.

Aber ist das wirklich so einfach? Grätscht da ein gieriger Verband kreativen Web-Aktiven unfair in die Beine?

Das Geschäft wird längst gemacht - es geht auch um Konkurrenz

Man kann das so sehen. Von der anderen Seite her grätschen allerdings auch die Hartplatzhelden. In der Mitte, vor Gericht, trifft man sich dann mit einem gemeinsamen Interesse: Der Kommerzialisierung des Hobbyfußballs.

Denn auch die Hartplatzhelden sind nicht die Verteidiger der Fan-Kultur, die manche in ihnen sehen. Sie fordern dazu auf, "Videosequenzen von Amateurspielen" auf ihrer "über Werbebanner vermarkteten Internetplattform zu veröffentlichen" (Zitat wfv). Es sind die Nutzer, in diesem Fall also die Vereine selbst, die Eltern, Freunde und Fans der Hobbykicker, die hier die Videokamera schwenken und nachher kurze Film-Häppchen bei den Hartplatzhelden veröffentlichen. Dabei sind es oft die skurrilsten Szenen, die kleinen Wochenend-Lacher, die die größte Popularität erreichen.

Der Verband würde sich das alles sachlicher wünschen, professioneller - wie eine Sportschau aus der Kreisliga. Für alle Beteiligten aber geht es um die Klärung der Frage, wer das Recht hat, daran zu verdienen.

"Wir", sagt Heiner Baumeister, Sprecher des Württembergischen Verbandes, "haben noch nie einen Vater verklagt, der seinen Sohn auf dem Platz filmt." Aber mit den Hartplatzhelden habe man auch inhaltlich ein Problem: "Am Anfang hatten die so eine Rubrik 'Blutgrätsche der Woche'. Sowas kann man als Verband, der für Fairplay steht, nicht mittragen."

Vielleicht kamen sie schon deshalb nicht zueinander, Verband und Start-up? Schon im Vorfeld, sagt Fritsch von den Hartplatzhelden, habe man das Gespräch über Kooperationen gesucht, der Verband habe kein Interesse gehabt. Schon im Vorfeld, sagt Baumeister vom Verband, habe man versucht, über Tantiemen aus Werbegeldern zu reden. Das Start-up hätte das abgelehnt. Das, sagt Fritsch, stimme gar nicht. Es ist kein Zufall, dass sich die Parteien am Donnerstag erneut vor Gericht treffen.

Der Verband wird dort argumentieren, dass die Hartplatzhelden unautorisiert tun, was der Verband selbst leisten wolle. Es gehe nicht darum, irgendjemandem das private Filmen und Fotografieren zu verbieten, das Einstellen solcher Dinge auf Vereinsseiten oder Ähnliches, sagt Sprecher Baumeister. Es ginge darum, dass jemand unautorisiert solches Material vermarkten wolle. Bereits seit zwei Jahren, erklärt er, biete schließlich auch der Verband Videos über seine Seite an.

Das offizielle Videoangebot  sieht so aus:

  • Ein Klick auf "Video" öffnet eine Seite mit einem Bild und einem Link: "Sehen Sie Bewegtbilder von Spielen aus dem Bereich des wfv in unserem Video-Portal"
  • Ein Klick auf "Video-Portal" öffnet ein kleines Popup-Fenster, in dem eine Übersicht über Spielergebnisse der letzten Spieltage zu sehen ist.
  • Ein Klick auf die kleinen Video-Screenshots führt jeweils zu einem Link einer Lokalzeitung, bei der dann das Video zu finden sein soll.
  • Ein Klick auf diesen Link öffnet die Seite der jeweiligen Zeitung. Bei Stichproben war das versprochene Video stets schnell gefunden.

Die Aufnahmen sind also nicht auf den Seiten des Verbandes zu finden, sondern eben auf denen eines kommerziellen Anbieters, der nicht nur im Umfeld Werbung serviert, sondern auch in den Videos selber. Damit hat der Verband offenbar kein Problem: Warum nicht?

Teilen, teilen, das macht Spaß

Die Erklärung ist einfach. Der Verband kooperiert mit dem Berliner Web-Dienstleister DieLigen GmbH - einem Konkurrenten der Hartplatzhelden. Auch bei DieLigen lassen sich Laien-Mitschnitte hochladen und dann in Vereinsseiten einbinden. Der Anbieter leistet aber noch mehr: Er vermarktet die Videos der Spiele auch an die jeweilige Lokalpresse. Ein Anteil der so generierten Umsätze fließt zurück an die Verbände.

Genau so wünschen sich die Verbände das: Sie sind Nutznießer der an DieLigen angeschlossenen Web-Angebote. Das Recht dazu leiten sie daraus ab, dass sie nicht nur Besitzer der Spielstätten und Ausrichter der Ereignisse seien, sondern all das mit Vereins-Mitgliedsbeiträgen und viel ehrenamtlicher Arbeit erst ermöglichten. Sie meinen, damit die Lufthoheit über den vermeintlich öffentlichen Raum Fußballplatz zu haben.

Dort stehen bei Sonnenschein und Nieselregen ganze Heerscharen von Kameraleuten. Sie filmen mit digitalen Film- und Fotoapparaten, mit Handys und anderen Gadgets. Ist das interessant, landen ihre Bilder bei YouTube, bei Hartplatzhelden oder anderen Seiten, wo sich so etwas witzig und locker und übersichtlich präsentieren lässt - also nicht unbedingt bei DieLigen.de.

Die Entscheidung des Gerichts ist nicht nur für den Württembergischen Fußballverband interessant. Sie könnte auch etliche tausend andere Eventveranstalter, Gebäude- oder Infrastrukturbesitzer interessieren. Es ist eine der Grundfragen des digitalen Zeitalters: Wem gehört das, was digital jedermann von jedermann zugänglich gemacht wird?

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