Internet-Sicherheitslücke Heartbleed Ändern Sie Ihre Passwörter. Jetzt!

Die Heartbleed-Sicherheitslücke macht erneut deutlich, wie abhängig wir Internetnutzer von unseren Passwörtern sind. Warum sind wir zu faul, sie bei Gefahr zu ändern?
Heartbleed-Logo: Fehler in OpenSSL-Programm sorgt für viel Arbeit

Heartbleed-Logo: Fehler in OpenSSL-Programm sorgt für viel Arbeit

Foto: PAWEL KOPCZYNSKI/ REUTERS

Die Heartbleed-Sicherheitslücke gefährdet, grob geschätzt, so ziemlich jeden Internetnutzer. Theoretisch. Die Lücke könnten böswillige Angreifer genutzt haben, um bei Dutzenden der größten Web-Dienste Daten abzusaugen, in denen beispielsweise Passwörter enthalten sind. Wie genau das funktioniert, lesen Sie hier. Wie viele Passwörter in der Praxis tatsächlich herausgefischt wurden, ist völlig unklar.

Was jetzt, rein vorsichtshalber, zu tun wäre, ist dagegen klar: Für alle wichtigen Web-Dienste, die man nutzt, sollte man die Passwörter ändern.

Haben Sie das schon getan? Dann können Sie hier aufhören zu lesen.

Haben Sie das noch nicht getan? Dann könnten Sie jetzt, statt weiterzulesen, damit anfangen - am besten mit dem Passwort Ihres primären E-Mail-Accounts, denn an dem hängen im Zweifel zahlreiche andere Dienste.

Sind Sie noch da? Okay, dann können wir ja mal darüber nachdenken, warum das eigentlich so schwierig ist mit den Passwörtern. Genaugenommen ist Heartbleed ja nicht der erste Anlass, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn man sich aber umhört, wer aus dem eigenen Bekannten- oder Kollegenkreis tatsächlich zur Tat geschritten ist, stößt man meist auf betretenes Schweigen.

Mit Passwörtern ist es ein bisschen wie mit Fahrradhelmtragen oder häufigem Händewaschen in der Erkältungszeit: Man weiß, dass es eigentlich wichtig wäre, lässt es dann aber doch. Weil man die Wahrscheinlichkeit, dass es einen trifft, subjektiv als zu gering einschätzt, um die eigene Trägheit zu überwinden. Und weil man auch bei großem Aufwand nicht sicher ausschließen kann, dass es einen womöglich doch trifft.

Die Auswirkungen können katastrophal sein, doch die Möglichkeit, dass diese Katastrophe eintritt, ist so abstrakt, dass sie eher als fernes Unbehagen denn als furchteinflößende Bedrohung wahrgenommen wird. Die Passwort-Quälerei dagegen ist sehr real. Menschen, deren Accounts einmal geknackt worden sind, verfahren erfahrungsgemäß sehr viel gewissenhafter bei der Passwortverwaltung. So wie sich Menschen nach Fahrradunfällen häufig zu Helmträgern wandeln.

Passwörter sind eine Quälerei

Damit Passwörter möglichst sicher sind, müsste man sie eigentlich möglichst schwierig machen, schwierig also nicht zuletzt für einen selbst. T8b$l6G.4S5dxHw!d%sP ist ein gutes Passwort (genau diese Zahlenfolge sollten Sie jetzt allerdings nicht mehr verwenden), Mausilein eher ein schlechtes, Passwort das allerschlechteste. Aber Mausilein kann man sich doch so viel besser merken!

Viele Nutzer wählen deshalb eben doch die Mausilein-Variante, vermutlich mit schlechtem Gewissen. Wer die T8b$l6G.4S5dxHw!d%sP-Variante wählt, fühlt sich im Zweifel sicherer, muss aber vermutlich öfter die Passwort-Vergessen-Funktionen bemühen. Oder andere Hilfestellungen nutzen, wie die, sich selbst Listen mit den eigenen Passwörtern per E-Mail zu schicken. Was ähnlich riskant ist wie ein Mausilein-Passwort.

Kurz: Passwörter sind eigentlich immer unangenehm. Sie machen ein schlechtes Gewissen, sie strapazieren das Gedächtnis, sie demütigen uns damit, dass wir ohne sie nicht leben können, sie aber trotzdem ständig vergessen. Ein neues Passwort einzurichten, ist sogar noch unangenehmer, weil man dann beim nächsten Mal noch weniger weiß, welches man jetzt eigentlich aktuell im Gebrauch hatte - und ob das Ausrufezeichen vor oder nach dem kleinen w kam.

Der Umgang mit Passwörtern ist ein Vorgeschmack darauf, wie es sein könnte, eines Tages dement zu werden.

Was passieren kann, wenn es doch passiert

Gleichzeitig sind Passwörter, besonders das für den zentralen E-Mail-Account, so wertvoll wie der eigene Wohnungsschlüssel. Was passieren kann, wenn jemandem sein wichtigstes Passwort geklaut wird, hat der "Wired"-Autor Mat Honan einmal in epischer Breite aus leidvoller eigener Erfahrung aufgeschrieben - wer immer noch bezweifelt, wie schlimm ein Passwortverlust sein kann, dem sei die Lektüre seines Artikels "Kill the Password"  wärmstens ans Herz gelegt.

Für Eilige hier die Kurzfassung: Honan verlor die Kontrolle über seinen E-Mail- und seinen Twitter-Account. Die Passwort-Diebe löschten alle Informationen von seinem iPad, seinem iPhone und seinem Macbook, inklusive aller Fotos seines kleinen Kindes. Hätten die Angreifer auch noch seinen Paypal-, Amazon- oder Ebay-Account geknackt, hätten sie auch noch in seinem Namen einkaufen können. Hätten sie sein Leben zerstören wollen, hätten sie Kinderporno-Bilder über seine Accounts kaufen und in die Welt schicken können. Und so weiter.

Honans Fazit war damals: Passwörter sind als System grundsätzlich kaputt, sie müssen weg. Wir alle müssen uns, so folgerte er, online als reale Personen identifizierbar machen: "Wir müssen erlauben, alle unsere Bewegungen, alles, was über uns messbar ist, auf verschiedenste Weise zu erfassen und diese Bewegungen und Messungen mit unserer tatsächlichen Identität zu verknüpfen."

Mit anderen Worten: Honans düstere Antwort auf sein eigenes Passwort-Desaster war selbstgewählte orwellsche Totalüberwachung. Wir hier bei SPIEGEL ONLINE halten das nicht für eine sinnvolle Lösung.

Uns bleibt deshalb derzeit nichts anderes übrig, als uns mit dem Status quo zu arrangieren. Sie haben drei Möglichkeiten:

  • Sie machen es wie der Chefredakteur des Fachmagazins "Heise Security"  und bekennen sich dazu, "eher faul als ängstlich" zu sein: Jürgen Schmidt schrieb, er werde "bei den meisten meiner Passwörter folglich erst mal abwarten und nur dann aktiv werden, wenn es konkrete Hinweise auf eine reale Gefahr für sie gibt".
  • Sie denken sich möglichst viele verschiedene starke Passwörter aus (wie das geht, lesen Sie hier), merken sich diese entweder oder schreiben sie auf einen Zettel, den Sie bei sich tragen.
  • Sie vertrauen ihre weniger wichtigen Passwörter einem zentralen Passwort-Manager an. Das macht einmal ziemlich viel Arbeit, erleichtert danach aber das digitale Leben ungemein. Eins setzt allerdings auch diese Lösung voraus: Sie müssen Teile Ihres digitalen Allerheiligsten einer Software oder einer Plattform anvertrauen, der Sie dann eben vertrauen müssen. Besser als die Mausilein-Lösung ist das aber allemal.

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