Hedy Lamarr Verführerin mit Erfindergeist

Eine sexy Schauspielerin erfindet eine geheime Waffentechnik mit: Nie gehört, die Geschichte? Hedy Lamarr ging es wie vielen Frauen - ihr Beitrag zur Technikgeschichte wurde schnell vergessen.

Von


"Es ist für Frauen immer noch schwer, in der Technik anerkannt zu werden - gerade für eine Frau wie Hedy. Ihre Schönheit hat den Blick verstellt auf das, was hinter der Fassade steckt": So beschreibt Forscherin Anja Drephal von der Humboldt-Universität in Berlin das Schicksal der 1914 geborenen österreichischen Schauspielerin Hedy Lamarr.

Lamarr war in den Dreißigerjahren als Sexbombe berühmt, ein Regisseur nannte sie einst "schönste Frau der Welt". Ihr Patent für das sogenannte Bandspreizverfahren fand aber jahrzehntelang wenig Beachtung. Dabei setzte es das US-Militär ein, und mit der Digitalisierung wurde Lamarrs Idee wichtig für Verfahren wie WLAN oder die Bluetooth-Technik.

Zusammen mit ihrem Komponistenfreund George Antheil diskutierte Lamarr , wie man die USA im Kampf gegen das ihnen verhasste Hitler-Regime unterstützen könnte. Sie hatten, eher durch Zufall, eine Idee: Man könnte das Prinzip von Lochkarten, die zum Beispiel automatische Klaviere beim Spielen steuerten, auf die damals gebräuchliche Waffentechnik, Torpedos, übertragen.

War ein Torpedo über Funk gesteuert, konnte die Verbindung leicht gestört werden. Die Idee der beiden: Wenn Torpedo und Steuerelement ständig und immer genau gleichzeitig die Frequenz wechseln, ist die Verbindung schwerer von außen zu verfolgen - und damit schwerer angreifbar. Eine weitere neue Bedeutung hat das Frequenz-Hopping, das Springen zwischen den Frequenzen, auch in der heutigen Digitaltechnik erhalten. Verschiedene WLAN-Standards setzen auf solche Sprünge nach einem Zufallsmuster. Zum Beispiel, um - stark vereinfacht gesagt - Sendeenergie von einem schmalen auf einen breiten Frequenzbereich zu streuen. So ist die Übertragung auch bei vielen Datenpaketen in einem Funkfrequenzbereich weniger störanfällig.

Skandal um eine Nacktszene

Auf dem 33C3, dem Jahreskongress des Chaos Computer Clubs (CCC), erinnerte Drephal an diese Leistungen Lamarrs - und beschrieb, wie schwer es für Frauen ist, trotz einer entsprechenden Leistung ihren Platz in der Technikgeschichte zu sichern.

Die Debatte um die Frage, ob die Beiträge von Frauen ausreichend gewürdigt werden, hat in den letzten Wochen neues Futter bekommen. Etwa als Margaret Hamilton im November von US-Präsident Barack Obama eine Medal of Freedom überreicht bekam. Die Informatikerin war verantwortlich für die Software, die die Apollo 11 auf den Mond brachte. In sozialen Netzwerken wurde sie gefeiert - als die Frau, die "half", den Code zu programmieren. Das sorgte für Unmut. Der Vorwurf: Hamiltons Rolle werde kleingeredet. Denn tatsächlich war sie nicht irgendeine Mitarbeiterin, sondern die Direktorin der Softwareentwicklungsabteilung.

Auch der Tod von Physikerin Vera Rubin am 25. Dezember führte dazu, dass viele öffentlich bedauerten, dass nun eine weitere Gelegenheit verstrichen sei, einer Frau einen Nobelpreis zu verleihen. Auf dem 33C3 war der Zulauf zu einem biografisch gehaltenen Vortrag über eine weitere Frau der Technikgeschichte, Lamarr, trotzdem nicht so groß wie bei vielen anderen Hackerbeiträgen.

Berühmt wurde Lamarr durch ihren Auftritt im tschechischen Film "Ekstase", der 1933 in die Kinos kam. Ihre Szene gilt als erste Nacktszene der Kinogeschichte. Die damals 19-Jährige deutet darin sogar einen Orgasmus an - zur damaligen Zeit im Film unerhört. Es hagelte Beschwerden, unter anderem von Papst Pius XI.

Scheidung vom "Patronenkönig"

Lamarr heiratete wenig später den Rüstungsmagnaten Fritz Mandl. Es war eine Ehe, die sie nicht glücklich machen sollte. Der als "Patronenkönig" bekannte Mandl versuchte vergeblich, alle Kopien von "Extase" aufzukaufen. Lamarr ließ sich scheiden und ging 1938 in die USA, um dort ihre Filmkarriere voranzutreiben.

Fotostrecke

7  Bilder
Filmorgasmen und Ladendiebstahl: Hedy Lamarrs Leben voller Skandale

Die Schauspielerin kam bei MGM unter Vertrag, musste aber ihren Namen ändern. MGM wollte nicht mit dem Nacktskandal in Verbindung gebracht werden. Deshalb wurde in den USA aus der gebürtigen Österreicherin Hedwig Eva Maria Kiesler Hedy Lamarr. Das Namensvorbild war die Filmdiva Barbara La Marr.

1942 bekamen Lamarr und Antheil auf ihr "geheimes Kommunikationssystem" ein Patent. Während der Kuba-Krise 1962 kam die Technik erstmals zum Einsatz, es folgte die zivile Nutzung. Viel Geld hat die Erfindung weder Lamarr noch ihrem Kompagnon Antheil gebracht, so Wissenschaftlerin Drephal. Zwar wurde die Erfindung schon kurz nach Gewährung des Patents von der "New York Times" erwähnt. Worin sie aber genau bestand, blieb offen. Die Nutzungsrechte hatten beide dem US-Militär gegeben, deshalb konnten keine Details veröffentlicht werden.

"Ohne Hedy Lamarr hätten wir heute kein WLAN"

Kritiker bemängeln, dass der Rummel um Lamarrs Erfindung übertrieben sei, es gehe eher um eine Legendenbildung. Tatsächlich hatte Lamarr laut Drephal keine formale Ausbildung als Informatikerin. Es gibt zudem frühere Patente, die zumindest in eine ähnliche Richtung weisen wie das von Lamarr und Antheil. "Ohne Hedy Lamarr hätten wir heute kein WLAN", titelte dagegen der britische "Guardian"anlässlich der Buchveröffentlichung eines Historikers über Lamarrs Patent 2011.

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit zwischen beiden Positionen. "Lamarr hat das WLAN nicht erfunden", sagt Drephal bei ihrem Vortrag auf dem 33C3. "Aber sie war trotzdem eine Vordenkerin ihrer Zeit."

Lamarrs Leben nahm trotz ihrer Leistung keinen guten Verlauf. Mit dem Alter schwanden die Rollenangebote, Hollywood war nur an der schönen Hülle interessiert. Drei Jahre vor Lamarrs Tod verlieh ihr die amerikanische Electronic Frontier Foundation (EFF) 1997 immerhin noch einen Pionier-Award für ihre Erfindung. Die 82-Jährige ließ per Sprachaufnahme wissen: "Danke. Ich hoffe, Sie fühlen sich so gut wie ich und es ist nicht vergebens gewesen."



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.