Lehren aus dem Internet-Wahlkampf Der Troll-in-chief

Hat sich Donald Trump ins Weiße Haus getwittert? Das auch, aber in den sozialen Medien ist noch viel mehr passiert. Die Lehren aus dem US-Wahlkampf im Internet sind ernüchternd.

Es war, natürlich, ein Social-Media-Wahlkampf. Sagen jetzt alle, stimmt auch, aber was heißt das schon? Es war die irrste, schmutzigste, unterhaltsamste Kampagne seit Langem - und sie zeigt Entwicklungen, die auch für die Deutschen interessant sind. Bald ist hierzulande wieder Wahlkampf.

1. Facebook wird zur Lügenschleuder

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Schon verrückt, dass sich im Juli selbst der Papst als Trump-Anhänger outete! Und dass ausgerechnet jener FBI-Agent, der Clintons E-Mails untersuchen sollte, kurz vor der Wahl ums Leben kommt! Zumindest auf Facebook verbreiteten sich diese Nachrichten rasant, mögen sie auch leicht als plumpe Falschmeldungen zu erkennen sein.

Seit Längerem ist die Rede vom Zeitalter des Postfaktischen. Auf Facebook ist gerade zu bestaunen, wie das konkret aussieht. Durch das größte Netzwerk der Welt flogen in diesem Wahlkampf Falschmeldungen so schnell und oft, dass Richtigstellungen, Fakten, auf der Strecke blieben. In der Zeit, in der ein emsiger fact checker Trump bei einer Lüge gestellt hatte, waren andere Falschbehauptungen schon viral gegangen (Eine Ahnung davon haben bei uns die ausgedachten Flüchtlingshorrormeldungen gegeben). Bei Facebook ist dieses Problem besonders groß: Hier sucht die Hälfte der Amerikaner ihre Nachrichten und hier potenzieren sich die Lügen. Weil Leute gerne Artikel teilen, ohne sie zu lesen, und Facebook das in die Timelines spült, was geteilt wird, ohne selbst den größten Quatsch auszusortieren.

In den USA soll eine hierzulande nicht verfügbare Extra-Funktion der "trending Topics" den Nutzern die wichtigsten Nachrichtenthemen nahebringen, also Orientierung vermitteln. Doch sogar dort beförderte der Algorithmus Woche für Woche Verschwörungsartikel nach oben. Facebook habe eine Staubwolke aus Nonsens geschaffen, sagte Barack Obama. Der Konzern müsste seine Lügenschleuder schnell in den Griff bekommen, sieht sich selbst aber als angeblich neutrale Plattform nicht zuständig.

2. Twitter lebt

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Es steht bekanntlich schlecht um den Kurznachrichtendienst und sein Geschäftsmodell. Doch in diesem kurzatmigen Wahlkampf war Twitter der Schrittmacher.

Das lag vor allem an Trump, der den troll-in-chief gab und mit seinen Pöbel- und Verschwörungstweets Tag für Tag die Agenda auf CNN & Co. bestimmte. Er weiß aus seiner Zeit als Reality-TV-Star, dass sich ein Bösewicht hervorragend als Held eignet. Trumps Bewusstseinsstrom dominierte Clintons Choreografie. Zwar setzte seine Konkurrentin den am meisten verbreiteten Einzeltweet ab (oben). Bezeichnenderweise reagierte sie damit aber auf Trump und thematisierte dessen Rolle als Twittertroll. Bis auf diesen Rekord zahlte sich die Strategie, Trumps Skandalen hinterherzutwittern, nicht aus.

Wer gemeinsam mit Amerikanern die Krönungsreden auf den conventions oder die TV-Duelle verfolgte, konnte nicht übersehen, dass alle Köpfe auf die Twitter-App auf dem Smartphone gerichtet waren. Wenn etwas gerade jetzt passiert, ist immer noch Twitter das Netzwerk der Wahl. Hier gibt es Instant-Geschichtsschreibung, die reflexartige, emotionalisierte, unvollständige Version. Auch wenn die Zielgruppe von Twitter in Deutschland enger ist als in den USA: Ohne Twitter geht's im Wahlkampf nicht.

3. Die Roboter sind unter uns

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Im ersten TV-Duell macht Trump keine gute Figur, doch auf Twitter wirkt es nach Abpfiff so, als habe er gewonnen. #TrumpWon regiert als Hashtag. Später zeichneten Forscher nach, dass ein Drittel der Trump-Tweets nicht von Menschen kam, sondern vom programmierten Roboter-Accounts (bei Clinton jeder fünfte). Schaut man auf die gesamten Trump-Aktivitäten inklusive Likes oder Retweets, stammen laut den Forschern sogar 80 Prozent von diesen Social Bots.

In dieser Masse können sie Meinungsbilder verfälschen und die Berichterstattung drehen. Sie pushen bestimmte Themen, kapern vieldiskutierte Hashtags, machen Stimmung. Hierzulande beschäftigt das Thema auch die Kanzlerin, die AfD sagte erst Ja und Nein zum Meinungsroboter-Einsatz im Bundestagswahlkampf.

Längst twittern auch in Deutschland Programme mit, die sich oft nicht auf den ersten Blick erkennen lassen. Wer sie programmiert, ist kaum nachzuweisen. Sie werden mehr, und sie tarnen sich immer besser als vermeintliche Massenbewegung.

4. Zum Lachen in die Kammer

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Während sich viele Beobachter im Offline-Wahlkampf noch fragten, wann Trump endlich die gemäßigte Mitte ansprechen würde, war im Netz längst klar, dass er es sich in seiner Blase gemütlich gemacht hatte. Trump retweetete, was ihm aus seiner Followerschaft auf Twitter, vom Instagram-Account seines Sohnes oder aus dem erzkonservativen Reddit-Forum "r/The_Donald" unter die Finger kam: mal eine Karikatur mit Davidstern, mal ein Bild mit dem von Rassisten gekaperten Meme Pepe the Frog .

In der Trump-Kammer spielte man sich Meldungen und Memes aus einem Netzwerk rechtspopulistischer Seiten wie Breitbart News zu - lang vorbei scheinen die Zeiten, als soziale Netzwerke als irgendwie links galten. Auch Clintons Netzkampagne war ganz eindeutig auf eine Gruppe zugeschnitten. Die giftigen Antworten auf Trump, die Gifs, die emotionalen Filme über die Rechte von Einwanderern, Frauen, LGBTs, zielten auf die Millennials. In den sozialen Netzwerken führten beide Kampagnen Selbstgespräche. Die Versuche, im anderen Lager zu wildern, verschob man ins Fernsehen und in den Häuserwahlkampf.

Manche feiern nun den Durchmarsch von Memes, den Einzug der Netzsprache in die Politik. Doch in Wahrheit dienen diese nur der Identitätsstiftung in der Filterblase. Es sind Witze, die von den eigenen Leuten zu lesen sind, aber von außen nicht verstanden werden. Die so oft zitierten Echokammern zeigten sich im Wahlkampf abgeriegelt wie nie.

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