Hinrichtung im Web Die zweite Exekution des Daniel Pearl

Was dürfen Medien? Im Falle des Mordes an dem Journalisten Daniel Pearl schien das nie eine Frage zu sein: Jetzt aber quälen sich die Amerikaner mit einer hitzigen Diskussion. Eine US-Zeitung hat Bilder von Pearls Exekution gedruckt, ihre Internet-Seite linkt auf ein Tötungs-Video arabischer Extremisten.

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Erpresser-Videoshot vom 28. Januar, wahrscheinlich Teil des Exekutions-Films: Propaganda mit einem Toten
REUTERS

Erpresser-Videoshot vom 28. Januar, wahrscheinlich Teil des Exekutions-Films: Propaganda mit einem Toten

Was Paula Zahn, Anchorwoman der CNN-Show "American Morning", ihren Zuschauern am Morgen des 6. Juni erzählte, dürfte in die Annalen des Senders eingehen. Ausführlich begründete sie, warum CNN seinen Zuschauern diesen Film nicht zumuten wollte: Das von arabischen Extremisten zum perversen Propaganda-Streifen editierte Video der Exekution des Journalisten Daniel Pearl, inklusive seiner Köpfung.

Zahn: "Wir werden keinen Teil dieses Filmes zeigen." Heiß und ausgiebig habe die Redaktion diskutiert, "bevor wir uns entschlossen, auch nur die folgende Debatte auszustrahlen".

Seltene Töne in einem Land, das im Namen der Meinungsfreiheit die seltsamsten Auswüchse menschlicher Äußerungswut toleriert.

Die "Debatte" bestand in einem Streitgespräch des Verlegers Mortimer Zuckerman ("New York Daily News") mit Stephen Mindich vom Bostoner Blatt "Boston Phoenix". Die "Daily News" sind ein respektiertes, aber raubeiniges Boulevardblatt. Der "Phoenix" ist ein angesehenes Stadt-Blatt, das die Amerikaner wegen seiner linksliberalen Ausrichtung als "alternativ" bezeichnen. Vor acht Jahren gewannen die Redakteure mit einer Enthüllungsgeschichte den Pulitzer-Preis, die höchste Auszeichnung für ein amerikanisches Blatt. Doch diesen Morgen holte sich der Herausgeber der Stadtzeitung bei CNN das ab, was er seit knapp einer Woche täglich in der amerikanischen Presse erleben darf: Er wurde und wird öffentlich "gegrillt".

Sein Sakrileg: Als erste Print-Publikation zeigte der "Phoenix" zwei Bilder von der Exekution des Journalisten Daniel Pearl durch seine Entführer. Doch damit nicht genug: Auf seiner Website veröffentlichte der "Phoenix" einen Link hin zur Website eines Service-Providers, der das Video in voller Länge zum Download bereit hält. Der Link entfesselte eine ungewöhnlich hitzig geführte Debatte in den amerikanischen Medien.

Das Video: Verschlusssache, geheime Tausch-, perverse Anturn-Ware

"Wenn der Horror zur Nachricht wird", titelte die angesehene US-Zeitung "Boston Globe". Ein unnötiger Akt, der lediglich die Familie verletze, aber der Öffentlichkeit nichts bringe, kommentierten Medienkritiker. "Die Schattenseite der modernen Technik", schrieb die kanadische Montreal Gazette und empörte sich über die Tabulosigkeit des Internets.

Daniel Pearl verschwand am 23. Januar aus dem pakistanischen Karatschi, aller Wahrscheinlichkeit nach hatte ihn ein Informant in die Falle gelockt. Rund vier Wochen lang appellierten seine Frau, Redakteure des "Wall Street Journals" und die US-Regierung an die Entführer. Weltweit bemühten sich zahlreiche Organisationen um die Freilassung eines Mannes, der wahrscheinlich schon nach wenigen Tagen getötet worden war. Am 21. Februar erhielten die amerikanischen Behörden ein Video, das Pearls Tod bis ins letzte grausame Detail dokumentierte.

Drei Minuten aus diesem Video gaben die Behörden damals frei: Sie zeigten Pearl gefesselt hockend, "interviewt" von seinen Kidnappern. Pearls Ende wurde nicht gezeigt: Die Entführer schnitten ihm auf grausame Art den Kopf ab und hielten ihn triumphierend vor die Kamera.

Festnahme: Erste Verdächtige wurden dem Haftrichter bereits in der dritten Februarwoche vorgeführt. Die Urteilsverkündigung steht in dieser Woche an
AP

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Jedenfalls nicht im Fernsehen, obwohl das vollständige Video einigen Sendern vorlag: Wie einst im Fall des Todes von Prinzessin Diana kam es auch in diesem zu einem Konsens unter den westlichen Medien, den Gipfel der Grausamkeit nicht zu zeigen. Dies, so die vorherrschende Meinung, wäre nicht nur pietätlos gewesen, sondern hätte obendrein die Medien zu Erfüllungsgehilfen der Terroristen gemacht.

Ein nahe liegender Gedanke: Es liegt im Wesen des Terrorismus, dass seine Opfer oft nicht das primäre Ziel der terroristischen Gewalt sind. Ziel des Terrorismus ist selten der eigentliche Mord, sondern vielmehr, mit dem Mord Angst zu verbreiten.



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