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10. Dezember 2016, 07:18 Uhr

Fake-Bilder im Netz

Wenn Lady Di den Mittelfinger zeigt

Von Fabian Mauruschat

Zu spektakulär, um wahr zu sein: Im Netz verbreiten sich gefälschte Bilder rasant. Oft steckt ein lukratives Geschäft dahinter.

Marilyn Monroe und John F. Kennedy beim Kuscheln, John Lennon und Che Guevara spielen zusammen Gitarre, verurteilte Hexen stehen noch 1922 in China am Pranger - täglich posten Dutzende Social-Media-Accounts wie History In Pics oder Classic Pics spektakuläre geschichtsträchtige Bilder.

Schwarz-Weiß verspricht Authentizität, wenn das Bild dann noch körnig ist, dann kann es nur historisch sein, denken sich viele Nutzer, die die Werke weiterverbreiten. Doch je spektakulärer diese Bilder wirken, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich um Fälschungen handelt.

Manchmal soll es auch Kunst sein. Die Fotografin Alison Jackson hat ganze Reihen mit Promi-Doubles angefertigt: Prinzessin Diana streckt der Kamera den Mittelfinger entgegen, Marilyn Monroe zieht sich vor John F. Kennedy aus, oder der nackte Donald Trump lässt sich mit Selbstbräuner einsprühen.

Doch was als Kunst gedacht ist, wird munter als gefühlte Wahrheit geteilt. Meist ohne Einverständnis der Urheber und erst recht ohne Klarstellung - selbst wenn die Verbreiter auf ihren Fehler hingewiesen werden. "Die meisten Seiten sind nur automatische Plagiate-Bots, denen das egal ist. Sie teilen Fakebilder und reposten sie regelmäßig", sagt Paulo Ordoveza. Der selbsternannte Bilder-Pedant twittert als @PicPedant und macht so seinem Ärger über Online-Plagiatoren Luft, die Fehlinformationen recyceln und verbreiten.

Einstein mit E-Gitarre

Bei seiner Fake-Patrouille durch das Netz findet Ordoveza auch regelmäßig manipulierte Fotos. Jemand setzt dem Blues-Gitarristen "T-Model" Ford den Kopf von Albert Einstein auf und schon kursieren Bilder vom Physik-Genie mit E-Gitarre. Die Urheber dieser Fälschungen sind meist nicht bekannt, die Fakes sind mal mehr, mal weniger leicht zu erkennen.

Der Film- und Fotohistoriker Thomas Hammacher rät, auf Einzelheiten wie Schattenwurf, Bildproportionen oder die Bildschärfe von einzelnen Bildelementen zu achten. Eine Manipulation störe auch immer die "Bildarithmie", so Hammacher: "Diese lässt sich für einen etwas geschulten Blick fast immer erkennen, wenn man das Bild zum Beispiel so weit aufzoomt, dass die Pixelung erkennbar wird." Zum Aufdecken der Fakes können aber auch Programme wie FotoForensics genutzt werden.

Kunst-Bilder und Photoshop-Fakes machen aber nur einen kleinen Teil der viralen Bilderflut aus. Viel häufiger sind falsch eingeordnete Bilder. Zum Beispiel teilen die Sensations-Accounts oft ein Bild von einer jungen blinden Japanerin, die angeblich durch die Bombe von Hiroshima geblendet wurde.

Für den Fotografen Joakim Strömholm, der das Foto geschossen hat, ein schlechter Scherz: "Vielleicht hat die Mutter des blinden Mädchens die Bombe in Hiroshima gesehen. Das Bild habe ich 1961 in einer Blindenschule in Hiroshima gemacht."

"Wer Geschichte liebt, der teilt sie"

Relativ alltägliche Sachverhalte werden zu Sensationen aufgeblasen, ohne explizite Fälschungsabsicht. Der Fotohistoriker Hammacher dazu: "Meist liegt eher Unwissenheit vor beziehungsweise ein mangelndes Bewusstsein um den historischen Quellenwert von Bildern."

Ashley Lindsey aus Ohio teilt bei Twitter viele Bilder von Seiten wie History In Pics oder Lost In History. Sie hat sogar Geschichtsdidaktik studiert. Lindsey sagt, sie teile die Bilder, weil sie Geschichte liebt. "Manche Dinge kenne ich aus der Schule, ich habe Fotos davon gesehen, und ich habe eine allgemeine Vorstellung, ob etwas, was ich teile, zutreffend ist."

Sie forscht nicht nach, sagt sie, weil sie keine gute Methode dafür kenne. "Wenn ich das Gefühl habe, dass etwas nicht zutreffend ist, dann teile ich das Bild nicht."

Wer das Bild einschätzen und einordnen kann, kommt den Fälschern eher auf die Spur, sagt der Fotohistoriker Hammacher: "Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Bilder auf ihren Inhalt hin zu prüfen, also zu klären, wie plausibel oder wahrscheinlich ein gezeigter Sachverhalt ist."

Gesucht: ein leichtgläubiges Publikum

Für den Bilderpedanten Ordoveza hat die Motivation der "History Porn"-Accounts wenig mit Liebe zu tun. Es gehe um "hohe Traffic-Zahlen und Geld. Wenn ich ein großes und leichtgläubiges Publikum finden kann, das selbst offensichtliche Fakes für wahr hält, dann klickt dieses Publikum auch auf zweifelhafte Affiliate-Links und kauft unsichere Produkte über betrügerische Banner-Anzeigen."

Manche Accounts werben immer wieder für dieselben Schmuck- oder Medikamentenseiten, andere holen Klicks auf die eigene Website. So gehört History In Pictures mit mehr als 3 Millionen "Gefällt mir"-Angaben bei Facebook und 3,7 Millionen Twitter-Followern zu Allday.com, einer Medienwebsite, die 2014 von Investoren zwei Millionen Dollar eingeworben hat.

Die meisten der Historic-Pic-Seiten wie Allday haben nicht auf Interview-Anfragen für diesen Artikel reagiert. Die einzige Reaktion kam vom Admin der deutschsprachigen Facebook-Seite "Historische Bilder und Ereignisse" mit fast 90.000 Fans. Er führe die Seite, wie er sagt, als Hobby und habe keine kommerziellen Interessen. Um falsch eingeordnete oder gefälschte Bilder auszuschließen, setze er auf eine Kontrolle durch die Community.

Etwa, als auf einem Bild Soldaten aus dem ersten Weltkrieg zuerst der Türkei zugeordnet wurden, sich hinterher aber als Reservisten aus New Mexico herausstellten. "Das Bild war von einem User eingesendet worden, und ich hatte, ohne es zu überprüfen, seine Infos eins zu eins übernommen." Nach richtigstellenden Kommentaren habe er es dann unter dem korrekten Label veröffentlicht.

Gefühlte Geschichte

Den Bilderverbreitern gehe es kaum um Fakten oder Tatsachen, sagt der Bilder-Pedant Ordoveza: "Es geht ihnen darum, welche Gefühle ein Bild weckt. Wenn sie sich gut fühlen, dann halten sie das Bild für gut, egal ob es die Wahrheit oder die Unwahrheit ist."

Durch ihren emotionalen Gehalt ist die Macht der Bilder viel größer als die von Büchern, sagt auch Hammacher. "Bilder prägen, vermutlich für die meisten Menschen stärker noch als Texte, unsere Vorstellung von der Welt, unser historisches Bewusstsein."

In der Welt der "History Porn"-Accounts ist Geschichte dann nur noch eine Kette bizarrer Ereignisse, die über Entwicklungen nichts verrät.

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