HIV-Infoseiten Online gegen Aids

Das Web zeigt seine Stärken da, wo es auf vertiefende Informationen ankommt - und dort, wo kommuniziert wird. Aus der Aids-Beratung ist es kaum mehr wegzudenken.

Von Michael Lenz


Endstation: Nach wie vor ist Aids ein grausamer Killer, sind zu viele Menschen nicht hinreichend informiert
AFP

Endstation: Nach wie vor ist Aids ein grausamer Killer, sind zu viele Menschen nicht hinreichend informiert

Der Journalist Lawrence K. Altman veröffentlichte am 3. Juli 1981 in der New York Times den weltweit ersten Zeitungsbericht über eine "Reihe ungewöhnlicher Krankheitsfälle" bei Homosexuellen. "Hätte es damals schon das Internet gegeben, wären wir in einigen ganz wesentlichen Punkten schneller, effizienter und möglicherweise auch politisch wirksamer gewesen", findet Gerd Paul, Mitte der achtziger Jahre Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH).

Heute bietet das Internet AIDS-Informationen in Hülle und Fülle. "Ich habe mal kurz 'Aidshilfe' in die Suchmaschine Google eingegeben. Bei einer Antwortzeit von 0,08 Sekunden ergaben sich 317 Treffer, ganz oben gleich der Haupttreffer: die Deutsche AIDS-Hilfe", so Paul.

Die Informationsfülle durch Mailinglisten und Chats, Datenbanken und Websites stellt sich jedoch für viele User oft auch als ein unüberschaubares Überangebot dar. Das riesige Reservoir von Informationen werde "nicht professionell gefiltert und es zeigt sich oft, dass dann die Nutzer, Menschen mit HIV und ihre Ärzte, von der Masse der Information überfordert sind", weiß Martin Boes, Geschäftsführer der Organisation "AIDS Info Docu" aus der Schweiz. Deshalb habe seine Organisation ihre Webpräsenz als Portal aufgebaut, um den Nutzern den Zugang zu dem gesammelten AIDS-Wissen zielgerichtet zu ermöglichen.

In Deutschland nutzen Aidshilfen wie die aus Oberhausen, Karlsruhe und Marburg sowie die das schwule Aufklärungsprojekt Herzenslust die interaktiven Möglichkeiten des Internets für die AIDS-Beratung per E-Mail und Chat. "Neben Informationen zum medizinischen Hintergrund bieten wir Ihnen bei der Auseinandersetzung mit Angstproblemen, Depressionen, sexuellen Schwierigkeiten oder in Trauersituationen unsere Unterstützung an", verspricht "das geschulte Personal" auf der Website des Beratungsverbundes Aidsberatung24.de.

Onlineberatung: Geringere Schwellenangst

Wie das Internet heutzutage selbst wird auch die Onlineberatung nicht mehr nur von jungen, technikbegeisterten Menschen genutzt. "Die starke Dominanz von jungen Nutzern hat sich mittlerweile stark relativiert", berichtet Lars Ester von der AIDS-Hilfe Oberhausen, die schon 1998 die traditionelle Telefonberatung durch ein Onlineangebot ergänzt hat. Nach Erkenntnissen des Psychologen Frank van Well werde die Internetberatung von Menschen genutzt, die sich "im Durchschnitt eher nicht in andere, direktere Formen der Beratung begeben" würden.

Grenzen der Onlineberatung sieht Psychologe Karl Lemmen, Beratungsexperte der Deutschen Aids-Hilfe, jedoch bei "stark konfliktbesetzten Fragestellungen". Zwar könne auch dann das Internet mitunter hilfreich sein. "Es besteht die Möglichkeit, schnell den Inhalt von Broschüren oder auch längere Fachtexte per E-Mail zu verschicken", meint Lemmen, betont jedoch: "Am allerbesten ist immer das persönliche Gespräch."

Neben den individuellen Beratungsmöglichkeiten nutzen Betroffene das Internet für den Erfahrungsaustausch untereinander. In Mailinglisten wie hivtherapie@yahoogroups.com wird über den Nutzen neuerster Therapiemöglichkeiten ebenso diskutiert wie Erfahrungen mit REHA-Kliniken oder Ärzten ausgetauscht werden. Das Angebot der Website Hivnachrichten.de reicht von aktuellen AIDS-Nachrichten über Veranstaltungstermine für Menschen mit HIV und AIDS bis zu medizinischen Informationen sowie Adressen von Selbsthilfegruppen und Ärzten.

Wie niedliche Spermien und fiese Krankheitserreger mit Kondomen eingefangen werden können zeigt das Computerspiel "Catch the Sperm". Spermien freuen sich mit einem "Jippie", wenn sie den Kondomen entkommen konnten. Wird ein Virus verfehlt, ist "Game Over" angesagt und ein Hinweis auf Kondome als Mittel zur Verhütung einer Schwangerschaft oder einer HIV-Infektion folgt. Das von Phenomedia für die Schweizer "Stop AIDS" - Kampagne entwickelte Spiel kann kostenlos heruntergeladen werden.

Jedoch hätte das Internet in den Anfangszeiten von AIDS nicht nur eine Erleichterung der Aufklärungsarbeit bedeutet, ist sich Paul sicher. "Konterinformation, Panikmache und Diskriminierung hätte ebenso mit geringen Mitteln sehr wirksam gestreut werden können." So wie heute die sogenannten AIDS-Dissidenten das weltweite Netz zur Verbreitung ihrer "wissenschaftlichen AIDS-Kritik" nutzen. "HIV ist nicht die Ursache von AIDS" knallt es in dicken Lettern den Besuchern auf der Website Aids-Kritik entgegen. Weiter heißt es: "AIDS (ist) nüchtern betrachtet eine medizinische Seltenheit - auch in Afrika!"



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