Hollywood Krampf im Cyberkino

Vivendi Universal startet mit MP4.com ein Videoportal für Independentfilme. Inhaltlich wie konzeptionell ist das Online-Projekt zum Flop prädestiniert +++ Aufatmen für die Web-Ökonomie: Die Zahl der Dot.com-Pleiten sinkt

Von Jochen A. Siegle


Hübsch - und weitgehend zweckfrei: Wen soll das für Kunden und Anbieter kostenpflichtige MP4-Angebot locken?

Hübsch - und weitgehend zweckfrei: Wen soll das für Kunden und Anbieter kostenpflichtige MP4-Angebot locken?

Hollywood macht Ernst und investiert ins Cyberkino. Geht es nach Vivendi Universal, soll der PC nun endlich zum Heimkino werden - für Fans von Independent-Streifen zumindest.

Der französisch-amerikanische Unterhaltungskonzern kündigte an, künftig sollten über das Portal MP4.com gegen Gebühr Videos von Nachwuchskünstlern abzurufen sein. Derzeit befindet sich die Site im Betabetrieb. In den nächsten vier Wochen soll die kommerzielle Version an den Start gehen.

Zum Portfolio von MP4.com gehören derzeit neben Independent-Filmen, Musikvideoclips und TV-Shows auch Online-Spiele sowie Webtoons auf Flash-Basis. Die Inhalte sollen in erster Linie gestreamt werden.

Mit diesem Konzept und Content-Mix orientiert sich Vivendi Universal deutlich am Sony-Webprojekt Screenblast. Diese "Do-it-yourself"-Unterhaltungssite richtet sich an Nachwuchscineasten und -Web-Animationskünstler und stellt - im Gegensatz zu MP4.com - auch Softwaretools zur Contentproduktion zur Verfügung.

Da steht MP4.com im direkten Vergleich nicht unbedingt gut da - allenfalls wie eine Art Videoversion des Musikportals MP3.com, das ebenfalls auf Indie- und Nachwuchskünstler ohne hochdotierte Verträge setzt. Der Webmusik-Pionier MP3.com gehört seit Mai vergangenen Jahres ebenfalls zum Vivendi-Universal-Konzern.

Was soll das Ganze?

Es darf bezweifelt werden, dass ein Portal wie MP4.com Massen von Fans anlocken und profitabel betrieben werden kann.

Dafür krankt das Konzept an zu vielen Punkten: Nicht zuletzt orientiert sich MP4.com zu deutlich an Profiten und natürlich nicht an der Förderung der Filmjugend. Zur Kasse gebeten werden nämlich nicht nur die User, sondern auch die Filmemacher, die ihre Digi-Werke zum Abruf bereitstellen wollen. Was soll das?

Mit diesem doch sehr verkrampften Low-Budget-Low-Content-Konzept kann MP4.com nicht mehr als ein Testlauf für die schon seit Jahren angekündigten und immer wieder verschobenen Video-on-Demand-Internetdienste aus Hollywood sein. Bekanntermaßen schworen vergangenen Sommer ja gleich sieben Studios Stein und Bein, noch vor Jahresende Online-Filmdienste starten zu wollen - 2001, versteht sich.

Doch bislang ist noch kein Movie-Service gelauncht worden. Führt man sich die desaströsen Fehlstarts der Portale der Entertainmentkollegen aus dem Musikbusiness (Pressplay, MusicNet & Co.) vor Augen, ist das wohl auch gut so.+++

Hoffnungsschimmer: Die Zahl der @-Pleiten sinkt

Last but not least eine gute Nachricht für die so gebeutelte Web-Wirtschaft: Es geht nicht noch weiter bergab mit der New Economy. Wie Webmergers berichtet, sind vergangenen Monat so wenig Internetfirmen Pleite gegangen wie seit dem großen "Shakeout" im Sommer 2000 nicht mehr. Gerade mal 19 Online-Unternehmen mussten im Januar 2002 aufgeben. Weniger Pleiten hatte es mit zehn Konkursen zuletzt im August 2000 gegeben.

Die jüngste Pleitenstatistik ist durchaus als Lichtblick zu werten: Im Januar vergangenen Jahres mussten noch 56 Online-Firmen ihre virtuellen Pforten schließen. Im Mai 2001 war schließlich der bisherige Negativrekord von 64 Unternehmensschließungen erreicht worden.

Bei so wenig Elend beschleichen leidgeprüfte New-Economy-Journalisten und Dot.com-Kolumnisten nach Monaten der Pleitewellen-Berichterstattung doch glatt so etwas wie zarte Freudengefühle: Old-Economy-Titanen wie K-Mart oder Enron gehen Pleite, Kirch strauchelt mächtig - und auf der anderen Seite berichten Dot.coms wie Google, Amazon oder Priceline von schwarze Zahlen, während die Summe der Online-Leichen seit Anfang 2000 bei unter 800 stagniert. Helau, die Talsohle ist durchschritten!



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