Hysterie im Netz Was Horror-Clowns über den Zustand der Welt verraten

Die Aufregung um Horror-Clowns hat ihren Ursprung im Jahr 1976 - inhaltlich, technisch und medial. Sie zeigt: Es herrscht die Sehnsucht nach einer Welt, in der maskierte Möchtegern-Witzbolde die schlimmste Bedrohung sind.

Joker aus "Batman"
AP/ DC Entertainment

Joker aus "Batman"

Eine Kolumne von


Um das mediale Gesellschaftsphänomen Horror-Clowns zu begreifen, muss man sich mit einem harten Gegenstand selbst mehrmals heftig gegen den Kopf schlagen. Und es hilft, vorher gedanklich in das Jahr 1976 zurückzukehren, das Horror-Clown-Schlüsseljahr in dreifacher Hinsicht: inhaltlich, technisch und medial. Erst dann lässt sich überblicken, was Horrorclowns über den Zustand der Welt verraten.

Inhaltlich: "The Clown Horror" und John Wayne Gacy

Nach dem frühen, aber verfremdeten Auftauchen des clownhaften Jokers bei "Batman" hat der Clown in der amerikanischen Alltagskultur 1976 endgültig als gruseliger Zeitgenosse Eingang gefunden, in Form des ersten bekannteren Gruselthrillers auf Clownsbasis: "The Clown Murders".

Er ist der Auftakt einer Reihe Filme, die visuell den Clown in der öffentlichen Wahrnehmung mit einer dunklen, bedrohlichen Seite versehen. Der bekannteste dieser Filme ist wohl die Verfilmung von Stephen Kings "Es".

Später wird diese Wahrnehmung allerdings von der Realität bitter eingeholt. Denn im April 1976 beginnt John Wayne Gacy eine unfassbare Mordserie. Er vergewaltigt und tötet insgesamt 33 Jungen und junge Männer und wird später als "Killer-Clown" bekannt, weil er als "Pogo der Clown" im selbst genähten Clownskostüm grotesk geschminkt auf Veranstaltungen für Kinder auftritt.

Technisch: TCP/IP

Ebenfalls im Jahr 1976 findet der Durchbruch des universitär entwickelten Datenübertragungsprotokolls TCP/IP statt: In einem Lieferwagen an der kalifornischen Küste gelingt es, sich per Funk mit dem Arpanet, dem Vorgänger des Internets, und anderen Netzwerken zu verbinden. In der Folge wird vom amerikanischen Verteidigungsministerium TCP/IP eingesetzt. Und nicht etwa X.25, ein Gegenvorschlag der Internationalen Fernmeldeunion ITU. Der Unterschied liegt in der Dezentralität.

Etwas vereinfacht beruht X.25 darauf, dass die Infrastrukturanbieter die wesentliche Vernetzungsleistung erbringen. Womit die Kontrolle über Inhalte in den Händen der Telekommunikationsunternehmen liegt. TCP/IP dagegen ist der gedankliche Entwurf, der ein "dummes Netz" ermöglicht, das quasi nichts tut, außer Daten durchzuleiten.

Entscheidend werden damit die Endgeräte der einzelnen Nutzer. Wäre 1976 statt TCP/IP der Standard X.25 ins Netz eingebaut worden - das Internet wäre heute vielleicht eine Mischung aus Bildschirmtext, Fernsehen und Telefon. Und damit würde ein für das Phänomen Horror-Clowns wesentliches Fundament fehlen. Nämlich der Umstand, dass ein dezentral befüllbares Internet als Basis für die rasend schnelle Informationsverbreitung zwischen den Menschen existiert.

Medial: Meme

Das dezentral mit Inhalten bestückbare Internet aber würde seine gesellschaftliche Schlagkraft nicht entfalten können ohne ein Konzept aus einem Buch von 1976: "The Selfish Gene" über die Evolution von Richard Dawkins. Darin schreibt er, ausgehend vom biologischen Konzept der Genetik: "Ich meine, dass auf diesem unseren Planeten kürzlich eine neue Art von Replikator aufgetreten ist [...] Das neue Urmeer ist die 'Suppe' der menschlichen Kultur. Wir brauchen einen Namen für den neuen Replikator [...], eine Einheit der Imitation."

Weiter heißt es: "Von einer entsprechenden griechischen Wurzel ließe sich das Wort 'Mimem' ableiten, aber ich suche ein einsilbiges Wort, das ein wenig wie 'Gen' klingt [...] Mem [...] Wenn jemand ein fruchtbares Mem in meinen Geist einpflanzt, so setzt er mir im wahrsten Sinne des Wortes einen Parasiten ins Gehirn und macht es auf genau die gleiche Weise zu einem Vehikel für die Verbreitung des Mems, wie ein Virus dies mit dem genetischen Mechanismus einer Wirtszelle tut."

Dawkins hat damit erstmals die wichtigste mediale Funktion der digital vernetzten Sphäre beschrieben: das Mem als Gedanken-Gen, das sich per Kommunikation fortzupflanzen vermag. Ein Mem ist zugleich Inhalt, Anleitung und Anreiz zur Verbreitung, also zum Kopieren, zum Imitieren, zum Abwandeln. Nichts anderes sind die Horrorclowns: ein Mem.

Drei Komponenten der Spirale der Erhitzung

An dessen Verbreitung nun lassen sich Funktion und Wirkweise von Memen genau 40 Jahre nach ihrer Entdeckung geradezu mustergültig nachvollziehen. Die größte Wucht erreicht das Mem, wenn sich eine Spirale der Erhitzung in Gang setzt, die aus drei Komponenten besteht:

  • Die Aktion, also einzelne, visuell erfassbare Mem-Ereignisse, hier: Fotos und Videoclips von Horrorclowns in sozialen Medien
  • Die Reaktion in sozialen Medien auf die Mem-Ereignisse, die zugleich die erste Welle der Verbreitung bedeutet, weil zur Reaktion das Zitat des Mems gehört
  • Die Offizialisierung durch redaktionelle Medien, die signalisiert, dass das Mem im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen ist. Dadurch entsteht eine Relevanz, die zu neuen Aktionen führt, die wiederum in sozialen Medien verbreitet werden - der Kreislauf beginnt von Neuem.

Das Problematische an dieser Spirale ist, dass sie einerseits als selbsterfüllende Prophezeiung funktioniert: Eine "Bild"-Titelseite, die vor Horror-Clowns warnt, ist eine Garantie für Nachahmer.

Man kann Meme nicht verwenden, ohne sie zu verbreiten

Andererseits unterliegt die Spirale dem Gesetz der Memetik: Man kann Meme nicht verwenden, ohne sie zu verbreiten und damit zu stärken. Dabei ist egal, ob man davor warnt, sie verdammt, sie beschreibt, analysiert, kleinredet oder das Gegenteil tut oder beides.

Die Kraft des Mems liegt in der Möglichkeit der Entkontextualisierung - das Mem funktioniert als Kommunikation ohne eigenen, mittransportierten Kontext. Denn der Kontext wird in den Köpfen durch die Vermischung mit Informationen des aktuellen Zeitgeschehens erzeugt. Das Mem verbreitet sich, weil in unseren Köpfen der Wunsch nach gesellschaftlicher Teilhabe durch Imitation ab Werk angelegt ist. Samt "Mutation", also der Weiterentwickelung des Mems.

Meme sind damit ein naturgewaltig anmutender Gegenentwurf zur bürgerlichen Medienöffentlichkeit. Denn rohe Verbreitungskraft ist das einzige Kriterium für den Erfolg eines Mems und nicht etwa aufklärerische Werte Wahrheit, Sinn oder mögliche Konsequenzen. Internet-Meme sind die späte Rache Darwins an der sich für überlegen haltenden Kultur samt klassischer Medien.

"Horror" statt Horror

Die entscheidende Voraussetzung für die explosive Verbreitung eines Mems aber lässt sich auch aus der Analogie der Natur ziehen: die Umweltbedingungen. Und dann, mit dem hoffentlich letzten Schlag des harten Gegenstands an den Kopf, wird der Sinn des Phänomens Horror-Clowns deutlich.

Der Horror-Clown ist kurz vor Halloween das Symptom des Sehnens nach einer Welt, in der einzelne verkleidete Scherzbolde in all ihrer Harmlosigkeit ernsthaft als "Horror" bezeichnet werden. Das Horror-Clown-Mem verbreitet sich in Zeiten echten Horrors, von "IS" über Naziterror bis Donald Trump, weil hier eine alternative Welt angeboten wird, in der - für einen kurzen Moment - die schlimmste Bedrohung von bunten Masken ausgeht. Ein mem-basierter Spontan-Eskapismus, bei dem sich die Öffentlichkeit endlich mal nicht vor realen Monstrositäten wie Enthauptungen und Attentaten fürchten muss, sondern vor einer als "Horror" bezeichenbaren Nichtigkeit.

Und weil es so schön wäre, in einer Welt zu leben, in der Horror-Clowns die schlimmste Bedrohung sind, spielen alle gern mit. Die Polizei warnt vor Clowns, als trügen sie Sprengstoffgürtel und nicht Latexmasken. In Radionachrichten wird der vermeintlichen Clownbedrohung das Kostüm der nationalen Relevanz übergezogen. Und ein halbes Dutzend deutscher Innenminister kündigt nur Tage nach den ersten Medienberichten - absurd! - hartes Durchgreifen und Gefängnis gegen Horror-Clowns an. Um sich preisgünstig und medienwirksam als Hüter der öffentlichen Ordnung inszenieren zu können, ohne die geringste Aktivität über die Warnung hinaus.

Wie lange haben ebendiese Innenminister nach den ersten Ereignissen eigentlich gebraucht, um vor rechtsextremen Terroristen zu warnen? Das Publikum staunt. Oder staunt schon nicht mehr. Und erkennt dann die Lösung: Sich nämlich einfach weiter mit einem harten Gegenstand selbst gegen den Kopf zu schlagen. Und noch mal. Und noch mal.

tl;dr
Der Erfolg des Mems "Horror-Clown" zeigt die Sehnsucht nach einer Welt an, in der Witzbolde mit bunten Masken die schlimmste Bedrohung sind.

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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
jjcamera 26.10.2016
1. dumm
Ich fürchte, dass erst durch die massive Berichterstattung über dieses Phänomen ein Trend daraus entsteht. Man sollte es eher in die Schublade tun, auf der steht: es gibt leider sehr viele, extrem dumme Menschen. Das ist allerdings nichts Neues. Ansonsten ist nichts mehr an der Verrohung der Gesellschaft beteiligt, wie soziale Netzwerke. Da kommt noch einiges auf uns zu.
i.dietz 26.10.2016
2. Nach Hunderten Vorfällen
mit den sogen. Clowns - oft mit Messer, Baseballschläger oder Messer kann schon lange kein Mensch mehr über Clowns lachen. Hier kommt nur noch Panik auf !
FischerKielSchwerin 26.10.2016
3.
Danke, Herr Lobo, gut geschrieben und recherchiert, finde ich. Allerdings nehmen Sie jetzt aktiv daran Teil, dass sich dieser Clowns Quatsch weiterhin in unseren Köpfen tummelt... Die Warnung vor Rechtsradikalen und ihrem Terror. Ja, das wäre schön. Aber ach, das bisschen rechts. Atmet der Innenminister anscheinend weg - mit links. Die Flüchtlinge in Clausnitz in dem Bus auf dem auch noch "Reiselust" prangte, bekommen die Schuld für den Aufruhr der der "besorgten, marodierenden Bürger". Und so weiter und so fort... Rechts und Radikal wird nicht wahrgenommen von dem Innenminister, der Polizei, die den drei Syrern bis heute nicht dankten, ob ihrer Mithilfe beim Fangen des Syrers, der anscheinend ein Sprengstoffattentat plante. Die Betonköpfe orientieren sich lieber an dem Ort der Geburt und NICHT an der Gesinnung der Individuen.
hwdtrier 26.10.2016
4. Der Artikel wäre teilweise
richtig wenn die Clowns unbewaffnet wären. So sind es vermummte die Gewalt androhen.
carolacarola 26.10.2016
5. Nicht ständig darüber sxhreiben
Die ständige "Berichterstattung" über dieses Thema weckt nun wirklich den müdesten Trittbrettfahrer und generiert somit Nachahmer.....es gibt wirklich genug Idioten auf der Welt...... und man hat dann wieder was zu schreiben, gell.
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