Verwirrung um vermeintliches Selbstlob Warum Hubert Aiwanger plötzlich für Peter Müller gehalten wird

Bayerns Wirtschaftsminister hat sich auf Twitter selbst beweihräuchert. Oder? Nach einer ungewöhnlichen Nachricht wittern manche einen Skandal um ein digitales Doppelleben. Aiwanger und sein Team widersprechen.
Hubert Aiwanger: Mit einem Tweet stiftete er auf Twitter große Verwirrung

Hubert Aiwanger: Mit einem Tweet stiftete er auf Twitter große Verwirrung

Foto: Stefan Puchner / dpa

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Die meisten Social-Media-Profis würden sich wohl freuen, wenn sie mit nur einem abendlichen Kurzkommentar bis zum nächsten Morgen gleich drei Schlagworte in die deutschen Twitter-Trends bugsiert hätten. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat genau das geschafft.

Dennoch dürfte er nicht allzu glücklich darüber sein, dass ein Beitrag von ihm derzeit zur Vorlage für Parodien geworden ist, aber auch zum Nährboden wilder Spekulationen über ein mögliches digitales Doppelleben. »Aiwanger«, »Peter Müller« und »Zweitaccount«, diese Begriffe waren in Deutschland am Freitagvormittag allesamt in den Top Ten der Twitter-Trends.

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Mit »Peter Müller« ist dabei nicht etwa der ehemalige Ministerpräsident des Saarlandes gemeint, sondern der Twitter-Nutzer @PeterMl64582938 mit einer niedrigen zweistelligen Followerzahl. Und mit Bezug auf genau diesen Account schrieb am Freitagvormittag Thomas von Sarnowski, der Parteivorsitzende der bayerischen Grünen , die Menschen in Bayern hätten »ein Recht zu erfahren, in welchem Verhältnis Hubert Aiwanger zu Peter Müller steht«: »Er sollte sich dazu erklären.«

Was bitte war hier eskaliert?

Ein Selbstlob – oder eine Selbstoffenbarung?

Wer die Aufregung verstehen will, landet bei einem seltsam selbstreferenziell wirkenden Antwort-Tweet von Hubert Aiwanger auf eine kritische Anmerkung zu einem Auftritt von sich bei »BILD TV«. Am Donnerstagabend um 20.54 Uhr hieß es vom Account des Politikers der Freien Wähler mit seinen rund 24.000 Followern plötzlich : »Herr Aiwanger, wir bräuchten mehr Politiker wie sie, mit Verstand und Pragmatik. Mit dem Ohr am Bürger. und nicht wie viele andere weltfremd im Wolkenkuckucksheim! Sie sind ein Kämpfer und haben sich ihren Posten als bayr. Wirtschaftsminister hart erarbeitet gegen Widerstände!«

Ein peinliches Selbstlob, konnte man meinen. Einige Twitter-Nutzer machten sich auch sogleich darüber lustig.

Andere stellten eine Vermutung in den Raum: Aiwanger habe die ihm schmeichelnde Nachricht bestimmt über einen Zweitaccount verbreiten wollen – vermutlich habe er oder jemand aus seinem Social-Media-Team nur vergessen, zwischen Haupt- und Zweitaccount zu wechseln. Zusätzlichen Fahrtwind bekam diese These dadurch, dass sich der Text wortgleich in einem weiteren Account finden ließ, in dem von @PeterMl64582938, der sich auf Twitter Peter Müller nennt. @PeterMl64582938 hatte mit dem Lob am selben Abend öffentlich sichtbar auf eine Nachricht des Accounts von Hubert Aiwanger geantwortet.

Ein unbedeutendes Konto, das plötzlich relevant scheint

Könnte es also sein, fragten sich manche, dass Hubert Aiwanger nebenbei das Konto @PeterMl64582938 betreibt, um sich im Netz selbst in ein positives Licht zu rücken? Ein Konto, das nur sehr wenige Follower hat, über Twitters Antworten-Funktionen aber schon allerlei politische Kommentare abgegeben hat, die plötzlich viel relevanter wären, würden sie von Aiwanger stammen?

Innerhalb der Twitter-Blase entstanden so gleich zwei kleinere Blasen: einmal die, in der Aiwangers Tweet als Witzvorlage diente. Darin meldete sich zum Beispiel der Account von Late Night Berlin zu Wort, der TV-Show von Klaas Heufer-Umlauf: »Herr Heufer-Umlauf, wir bräuchten mehr Moderatoren wie sie, mit Witz und gutem Aussehen Mit dem Ohr am Zuschauer. und nicht wie viele andere weltfremd in der Sparte! Sie sind ein Kämpfer und haben sich ihren Posten als Star-Moderator hart erarbeitet gegen Joko!« Und Johannes Vogel, der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, fragte , in Anspielung auf einen Versprecher von Markus Söder: »Crystal Mett schon legal in Bayern?«

In der zweiten Blase wurde derweil seziert, was @PeterMl64582938 seit dem Anlegen des Accounts im November 2021 schon Aufregendes oder Fragwürdiges von sich gegeben hat.

Das sagt Aiwanger selbst

Hubert Aiwanger selbst schien zunächst zu unterschätzen, wie das Thema hochkochen würde. Angesichts von Vorwürfen, er könnte einen Zweitaccount betreiben, verwies er mehrfach darauf, dass es doch den Tweet von Peter Müller gebe. Dazu schrieb er einem Nutzer: »Ich habe nur weitergeleitet wie andere kommentieren.«

Am Freitagvormittag sah sich Aiwanger erneut zu einer Reaktion veranlasst. In einem Beitrag samt einem Screenshot der ursprünglichen Antwort von @PeterMl64582938 schrieb er: »#Aiwanger siehe unten, damit es jetzt alle kapieren können die es kapieren wollen, wo der Text herkommt. Viele von denen, die mir einen Zweitaccount andichten wollen haben wahrscheinlich selbst einen. Ich hab keinen.«

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Ergänzend dazu hieß es auf eine Anfrage des SPIEGEL vom Pressesprecher der Freien Wähler Bayern, Hubert Aiwanger habe »in einer lebhaften Diskussion auf Twitter lediglich die Nachricht eines anderen Users zitiert und in seinem Account veröffentlicht«. Daran sei »nichts verwerflich«. Der Tweet des Politikers habe sich auf einen »bestehenden, öffentlichen, nachweisbaren Tweet eines Twitter-Users unter einem Tweet von Hubert Aiwanger« bezogen. »Hubert Aiwanger besitzt keinen Fake-Account«, betonte auch der Pressesprecher noch einmal, »derartige Unterstellungen sind an den Haaren herbeigezogen.«

Die Aufregung hätte sich vermeiden lassen

Aiwanger, so klingen diese Statements, wollte also im Grunde nur das Aiwanger-Lob des Twitter-Nutzers @PeterMl64582938 der Kritik an seinem Fernsehauftritt entgegensetzen. Sinn ergibt diese Erklärung auch, weil sie zu den zeitlichen Abläufen passt: @PeterMl64582938 hat seine Lobeshymne laut Twitters Uhrzeit-Angaben um 20.35 Uhr gepostet, Aiwangers Account hatte ihm danach – und noch vor der wortgleichen Übernahme seiner Nachricht – auch schon einmal darauf geantwortet . Um 20.54 folgte dann Aiwangers anderer Antwort-Tweet, über den nun so viel diskutiert wird.

Bleibt noch die Frage, wie es passieren konnte, dass die simple Wiedergabe eines Lobes für so viel Aufregung sorgt, ausgerechnet auf Twitter, einer Plattform, die wie gemacht ist für den digitalen Eitelkeitswettbewerb? Hier ist der springende Punkt, dass Hubert Aiwanger offenbar die ungeschriebenen Gesetze der Plattform missachtet hat. Weder hat er seinen Tweet zum Beispiel durch Anführungszeichen und ein Erwähnen von @PeterMl64582938 als Zitat gekennzeichnet, noch hat er die Möglichkeit genutzt, den Link zum Tweet von @PeterMl64582938 zu posten. Vermutlich also hat Hubert Aiwanger einfach nur etwas unprofessionell, missverständlich und für manche sogar auf höchst verdächtige Art einen Tweet verfasst.

Hundertprozentige Klarheit, dass Aiwanger überhaupt nichts mit @PeterMl64582938 zu tun hat, gibt es indes aber auch nicht. Theoretisch wäre es zumindest möglich, dass @PeterMl64582938 zum Beispiel ein Account aus Aiwangers privatem oder beruflichen Umfeld ist. Das jedoch hätte eine andere Fallhöhe als ein Zweitaccount, auf dem der Minister selbst das politische Geschehen kommentiert. Derjenige, der auch diese Unklarheit aus der Welt schaffen könnte, hat sich bisher nicht zum Thema geäußert: @PeterMl64582938, der Nutzer, von dem manche glauben, er heiße eigentlich Hubert Aiwanger.

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