"Huffington Post" Konsequent und dreist

Laut, bunt, schnell: Die "Huffington Post" macht vor, wie man ein großes Web-Publikum mit Nachrichten unterhält - und mit abgeschriebenen News sowie unbezahlten Gastbloggern Geld spart. Nun soll die Site auch nach Deutschland kommen. Ein Weckruf für ängstliche Verleger?

Huffington Post: Nachrichtenmix garniert mit unbezahlten Beiträgen von Bloggern

Huffington Post: Nachrichtenmix garniert mit unbezahlten Beiträgen von Bloggern

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Sie kommt nach Deutschland. Die "Huffington Post", bewunderte wie verachtete Online-Zeitung aus den USA. Sobald der richtige Partner gefunden ist, soll ein deutscher Ableger starten, kündigte der für den Ausbau zuständige AOL-Manager Jimmy Maymann an. Binnen sechs Monaten könnte es soweit sein. Die Expansion nach Kanada und Großbritannien ist bereits erfolgt, noch im November soll eine französische Ausgabe in Zusammenarbeit mit der Zeitung "Le Monde" starten.

Klatsch und Tratsch, Katzenvideos, unbezahlte Blogger und die Geschichten von anderen Websites, so fasst der Chefredakteur der "New York Times", Bill Keller, das Geschäftsmodell der ungeliebten Online-Konkurrenz zusammen. Der Vorwurf, den nicht nur Keller vorträgt: Die "Huffington Post" käue nur wieder, was andere produzierten. Sie bereichere sich auf Kosten anderer.

Der Vorwurf ist nicht aus der Luft gegriffen. Häufig schmückt sich die "Huffington Post" mit fremden Geschichten, die unter knallenden Überschriften zusammengefasst oder gleich verlinkt werden. Zwar sorgen rund 150 bezahlten Journalisten für eigene Texte. Doch garniert wird der Nachrichtenmix mit Geschichten und Kommentaren Tausender Blogger und Nutzer - die dafür meist kein Geld sehen.

Eigene Rubriken über Hochzeiten und Scheidungen

Gleichzeitig konnte Gründerin Arianna Huffington namhafte Journalisten für die "Huffington Post" verpflichten und verweist selber auf herausragende Berichterstattung, etwa über den Krieg in Afghanistan oder die Finanzkrise. Wer auf der Seite die selbst recherchierten, aufwendigen Geschichten nicht finden könne, solle eben nicht so oft auf Brüste klicken, empfahl sie in einem Interview.

Auch die gibt es bei der "Huffington Post", wie überhaupt so ziemlich alles, was Menschen interessieren könnte. Zur bunten Mischung gehören auch Rubriken über Hochzeiten und Scheidungen, für über 50-Jährige, frischgebackene Eltern und eine nachhaltige "grüne" Lebensweise. Die frühzeitige und offensive Einbindung von Facebook, Twitter und Kommentaren wurde von der Branche aufmerksam beobachtet und später zum Teil kopiert, genau wie das Schielen nach der optimalen Platzierung von Artikeln in Suchmaschinen.

AOL hat große Erfahrung darin, die Produktion von Inhalten von Suchanfragen abhängig zu machen. Maximal optimiert sind auch die Überschriften. Vor zwei Jahren verriet Paul Berry, Technikchef der "Huffington Post", dass sich die Seitenmacher nicht nur auf ihr Bauchgefühl verlassen, sondern auch sogenannte A/B-Tests durchführen: Die eine Hälfte der Nutzer bekommt Version A einer Überschrift zu sehen, die anderen Hälfte Version B. So lässt sich vergleichen, welche Zeile mehr Klicks abbekommt.

315 Millionen Dollar von AOL

Die vor sechs Jahren gegründete "Huffington Post" zählt mit ihrem Themenmix heute zu den größten Nachrichtenseiten der USA und macht zunehmend den Angeboten traditionsreicher Verlage Konkurrenz. Vor allem Zeitungen haben brutale Jahre hinter sich. Wegen des Anzeigenschäfts, das sich zunehmend ins Internet verlagert, und aufgrund sinkender Auflagen wurden Tausende Journalisten entlassen. Zwischenzeitlich schien selbst die "New York Times" nicht mehr sicher vor dem Bankrott.

Die "Huffington Post" plagen diese Sorgen nicht. Im Gegenteil, für Arianna Huffington wurde ihre Seite dieses Jahr zum vollen Erfolg: Im Februar verleibte sich der Internetkonzern AOL die Seite für 315 Millionen Dollar ein und machte sie zusätzlich zur Chefredakteurin diverser weiterer AOL-Websites, darunter auch das populäre Techblog TechCrunch. Nun geht es auf Expansionskurs - es soll Überlegungen geben, die "Huffington Post" auch nach Brasilien, Spanien, Italien, in die Türkei und nach Japan zu bringen.

In Deutschland könnte es die "Huffington Post" allerdings schwer haben, willige Blogger aufzutreiben, die das Nachrichtenangebot kostenlos unterfüttern. Im Vergleich zu den USA gibt es verhältnismäßig wenige Blogger - die sich in der Vergangenheit gegen die Vereinnahmung von professionellen, gewinnorientierten Projekten gewehrt haben. Projekte mit "user generated content" und Blogs von Verlagen verliefen oft ernüchternd.

Ein Weckruf an die Verlage

So begrub der Holtzbrinck-Verlag sein Nachrichtenportal zoomer.de 2009 nach nur einem Jahr wieder. Die WAZ-Gruppe verabschiedete sich von der Idee, dem Nachrichtenportal DerWesten.de bezahlte Blogger beizustellen. Zudem buhlen mehrere Projekte - zum Teil gegen geringere Bezahlung - um Hobbyschreiber, darunter das zum Burda-Verlag gehörende Textportal Suite101.de, die Readers Edition und WikiNews. Auch reine Internet-Zeitungen wie "netzeitung.de" und "dnews.de" scheiterten, die Zugriffszahlen von "news.de" sinken seit Monaten.

AOL-Manager Maymann sprach gegenüber dem Branchendienst Meedia.de trotzdem von Chancen auf dem deutschen Medienmarkt. Dass sich viele deutsche Verlage traditionell noch immer schwer tun mit dem Internet - vor allem Tageszeitungen fürchten, ihre Printgeschäft mit kostenlosen Online-Nachrichten zu kannibalisieren - ist kein Geheimnis. Zurückhaltung gibt es, weil sich große Online-Redaktionen mit wenigen Ausnahmen bisher nur in wenigen Fällen rechnen und Web-Projekte scheiterten.

Diese Zögerlichkeit will auch die News Corp. nutzen, um einen deutschen Ableger des "Wall Street Journals" zu starten - nur im Internet. Die deutsche "Huffington Post" ist ein Weckruf an die Verlage: Wenn ihr keine Lust auf das Netz habt, dann sind womöglich andere so dreist und machen das Geschäft.




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