Humorlos CDU lehnt Spende ab!

Die CDU ist im Aufwind - zumindest im Internet. Vor wenigen Wochen noch nur unter einer einzigen, bescheidenen Adresse erreichbar, findet man sie mittlerweile unter vielen: "www.don-kohleone.de" zum Beispiel. Ein engagierter Internet-Unternehmer spendete der CDU einen ganzen Satz Alternativ-URLs - und holte sich eine Abfuhr: "Die wollten meine Spende nicht haben!"

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Das ist Service: Der User gibt ganz intuitiv eine Adresse ein und landet genau da, wo er hinwollte!

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Für Matthias Rojahn, Inhaber der Hamburger ISP-Firma Netgate, ist das Web keine humorfreie Zone. Die liegt seiner Erfahrung nach rund fünfhundert Kilometer weiter südlich, im Konrad-Adenauer-Haus zu Bonn. Von dort erhielt er, wenige Tage, nachdem er die Internetadresse "www.spendensumpf.de" angemeldet hatte und den Surferverkehr von dieser Adresse direkt zur Homepage der CDU leitete, einen wenig erfreulichen Anruf.

Rohjan: "Die hatten was dagegen, auch gegen 'www.geldwaschanlage.de'. Ich habe mit meinen Anwalt gesprochen, und der konnte das verstehen. Die hätten da durchaus einen Anspruch auf Unterlassung, und auf irgendwelche Gerichtsverhandlungen hatte ich keine Lust." Also unterließ Rojahn die komfortable Umleitung.

Die Reaktion der, wie er sagt, "CDU-Häuptlinge" versteht er nicht, hatte er doch nur Gutes im Sinn. "Mein Ansatz war einfach das Spiel mit der Assoziation. Die Website dieser Partei sollte doch dort gefunden werden, wo man sie ganz intuitiv vermutet!"

Das ist ein sehr serviceorientiertes Denken, was die Frage aufwirft, wie man das nun zu verstehen hat: Schließlich hat der Kleinunternehmer Rojahn ja gar nichts von solch einer Dienstleistung. Also, Herr Rojahn, warum richtet man kostenpflichtige Domains wie "spendensumpf", "kohleone" oder "don-kohleone" ein?

Mathias Rojahn: "Das war eine Spende an die CDU. Ohne irgendeine Verpflichtung auf Gegenleistung. Ich wollte gar nichts von denen, aber die wollten auch meine Spende nicht. Das dürfte das erste Mal sein, dass die CDU eine Spende abgelehnt hat!"

Kein Wunder, dass die Parteiverdrossenheit gerade unter engagierten Bürgern wächst. Immerhin kann man sich die CDU-Seiten noch unter "www.don-kohleone.de" und "www.kohleone.de" anschauen, falls die offizielle Adresse gerade einmal "besetzt" sein sollte.

Spenden erhält die gebeutelte Union augenblicklich aus allen möglichen Richtungen. Die vielleicht schönste kommt von der Frankfurter Band "U-Bahn Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern", die ihre neueste Seltsamkeit, einen merkwürdig vertraut klingenden Song namens "Bimbes", als Realaudio im Web veröffentlichten. Die Kontrollöre lassen den Alt-Kanzler selbst zu Wort kommen, was zweierlei beweist: Erstens, dass zumindest im freien Internet jeder eine Chance bekommt, seinen Standpunkt zu Gehör zu bringen; zweitens, dass es angesichts der Sangeskünste dieses Herrn trotz allem ein Glück war, dass er lieber Kanzler werden wollte.

Doch Scherz beiseite. "Bimbes" ist ein Wort, das Geld wert ist. Die kleine Internetagentur Studio Siebel aus Bensheim an der Bergstrasse ließ sich darum flugs die Adresse "www.bimbeskanzler.de" sichern. Die Gründe dafür erklärt Christian Kirchner von Studio Siebel so: "Wir haben uns da von der 'Maschendrahtzaun'-Geschichte anregen lassen. Da gab es auch ruck-zuck eine entsprechende Internet-Adresse. Also dachten wir uns, warum nicht 'bimbeskanzler' - und dann bauen wir ein entsprechendes Spaß-Angebot auf?"

Dazu kam es bisher leider nicht. Immerhin haben die Bergsträßer damit einen möglichen Zukunftsmarkt entdeckt: Die Registrierung von Internetadressen, die politische, katastrophale, wichtige Ereignisse aus der Welt der Nachrichten spiegeln, könnte durchaus Potenzial haben. Ein erstes Indiz für einen möglichen E-Commerce-Trend in diese Richtung könnte die Adresse "www.pruegelprinz.de" sein - auch wenn der Anbieter der Seite bisher kein Kapital aus der URL schlägt. Denkbar wären neben Werbebannern ja durchaus auch Merchandising-Angebote, die sich am Kern der Marke orientieren: Accessoires wie Regenschirme zum Beispiel.

Den möglicherweise kraftvollen Effekt assoziationsreicher Namen haben auch die Verantwortlichen der Berliner Multimedia-Agentur Aperto zu spüren bekommen. Die kamen zu ihrer Adresse "www.bimbes.de" zwar wie die Jungfrau zum Kinde, ernten nun aber Aufmerksamkeit. Die URL hat sich die Agentur bereits Anfang Oktober gesichert, denn "das Wort gab es ja schon vorher". Auch hier steht ein Spiel mit der Assoziation dahinter, wie die PR-Verantwortliche Anke Sinningen erzählt: "Wir haben uns gedacht, unter so einer Adresse könnte man doch schön etwas zum Thema Geldtransaktionen anbieten."

Ein Beispiel, das zeigt, dass sich hinter dem witzigen Spiel mit der frechen Assoziation auch durchaus ernst gemeinte Angebote verbergen könnten: Der kleine satirische Stachel würde zum Marketing-Instrument, der einem Angebot Surfer zuleiten würde, die sich sonst niemals dorthin verirrten. So steckt hinter der doch sehr eindeutigen Adresse "www.bestechung.de" eine Website, "die sich den Aufgaben von Gemeinde-, Stadt- und Kreisverwaltungen widmet. Die 'kommunalverwaltung24.de' ist ein Treffpunkt für Bürger, Politiker und Bedienstete der Kommunalverwaltung für einen Informations- und Meinungsaustausch." Ob man das nun für skurril oder für nahe liegend hält, dürfte eine Frage der persönlichen Perspektive sein.

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