Icann-Kandidatin Jeanette Hofmann "Gleiche Mitspracherechte für alle Nutzergruppen"

In den ersten Tagen konnte die Wissenschaftlerin Jeanette Hofmann den zweiten Platz bei den Icann-Unterstützungswahlen erringen. Sie steht für die Bewahrung der traditionellen Internetkultur und gegen eine einseitige Bevorzugung organisierter Interessen.


SPIEGEL ONLINE:

Was bedeutet für Sie die Kandidatur für den Icann-Direktoriumsposten?

Jeanette Hofmann: Viel. Schwere Entscheidung. Vor allem, weil ich damit meinen Posten als Beobachterin ein für alle Mal aufgebe. Als Internetforscherin bin ich darauf spezialisiert, die "Religionskriege" in der Technikentwicklung von allen Seiten zu besehen. Mit meiner Kandidatur lasse ich mich darauf ein, öffentlich Farbe zu bekennen und Verantwortung für meine Auffassungen zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wählergruppen sprechen Sie an? Sie sind ja auch etwas mit dem CCC verbandelt - oder schielen Sie eher auf die Akademiker?

Hofmann: Ich glaube nicht, dass die Akademikerfraktion unter den Mitgliedern besonders groß ist. Repräsentieren würde ich gerne die Nutzer, die wissen, dass die dezentrale Architektur des Netzes eine verteidigungswerte Philosophie verkörpert, die sich in der Organisationsweise und den Handlungsmaximen von Icann ebenso widerspiegeln sollte.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden also gerne an den Strukturen von Icann rütteln. Was wollen Sie verändern?

Hofmann: Vor allem geht es mir darum, bewährte Formen der Konsensbildung im Internet zu bewahren. Die innovative Kraft des Netzes bestand ja gerade darin, etablierte Macht- und Einflussstrukturen zu unterlaufen. Mit Icann haben organisierte Interessengruppen auch im Internet ein Forum gefunden. Dagegen ist an sich nichts zu sagen, aber ...

SPIEGEL ONLINE: ... dies schafft veränderte Machtverhältnisse.

Hofmann: Die Namen und Nummern sind öffentliche Ressourcen, bei deren Verteilung allen Nutzergruppen die gleichen Mitspracherechte eingeräumt werden müssen. Die Gründung von Icann mag nicht nur Auswirkungen auf die Bewirtschaftung von Namens- und Nummernräumen haben, sondern langfristig auch auf die technische Architektur. Deshalb finde ich es wichtig, auf die Politik von Icann Einfluss zu nehmen, und dieses Geschäft nicht den wohlorganisierten Interessen aus Wirtschaft und Politik allein zu überlassen.

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Jeanette Hofmann
Foto: Martin Lengemann

Jeanette Hofmann

Hofmann: Im Gegenteil. Soll ich Ihnen mal eine Auswahl der hässlichen Mails forwarden, die ich so bekomme?

SPIEGEL ONLINE: Lieber nicht. Sie treten als unabhängige Kandidatin an. Wie sieht es aus mit Unterstützung? Welche Sponsoren haben sich Ihnen schon angedient?

Hofmann: Sponsoren? Weit und breit keine in Sicht. Meine Arbeitgeber haben mir finanzielle Rückendeckung für die Aufgaben zugesagt, die nicht Teil meines üblichen Tagewerks sind.

SPIEGEL ONLINE: Es geht also auch ohne Sponsoren?

Hofmann: Auch wenn ich persönlich das Finanzierungsproblem bewältigt bekomme, finde ich das doch keine befriedigende Lösung. Vor Wochen schon habe ich begonnen, verschiedene Leute darauf anzusprechen, ob sich nicht eine Art europäischer Fond für den europäischen Direktor einrichten ließe.

SPIEGEL ONLINE: Der Fond als Garantie für die Unabhängigkeit?

Hofmann: Er soll sicherstellen, dass es keine direkte Alimentierung des Direktors durch eine oder mehrere Organisationen gibt, wer immer das Rennen macht. Eine Anekdote am Rande: Ich hatte auch dem Herrn Schüller dieses Ansinnen auf der Mailbox seines Handys hinterlassen und um Rückruf gebeten. Er hat nie zurückgerufen. Zwei Wochen später wusste ich warum....

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Art Programm, mit dem Sie sich als Kandidatin qualifizieren wollen?

Hofmann: Kein Programm, aber eine Art zentraler Message, die ich aus meiner Forschung über das Internet-Standardisierungsgremium Internet Engeneering task Force (IETF) sozusagen mitgenommen habe. Die IETF bezieht die Legitimität ihrer Arbeit vor allem aus dem Umstand, dass ihre Entscheidungsprozesse transparent und offen für die Beteiligung aller interessierten Individuen ist. Integrationsbereitschaft ist die Bedingung ihres Erfolges, ihrer internetweiten Anerkennung.

SPIEGEL ONLINE: Die IETF als Modell für Icann?

Hofmann: Ja, ich glaube, dass sich das auch auf Icann übertragen lässt. Das "Obstruktionspotenzial" im Internet ist groß. Akzeptanz und Erfolg von Icann werden davon abhängen, ob sie in der Lage ist, Verfahren der Willensbildung zu entwickeln, die viele Nutzer - und nicht nur ein paar At-Large-Direktoren mit einzubeziehen. Davon bin ich so felsenfest überzeugt, dass ich sogar kandidiere.

SPIEGEL ONLINE: Was kritisieren Sie am derzeitigen System?

Hofmann: Das Problem des Domain Name Systems (DNS) besteht ja in seiner "Funktionsüberladung". Das DNS ist nicht für den Zweck erfunden worden, für den es heute verwendet wird, es ist untauglich dafür. Die Techniker haben darauf mit zwei Vorschlägen reagiert: Einführung eines Verzeichnissystems (Directory System), das das Auffinden von Realnamen erleichtert und auch Warenzeichen abbilden kann, und die Erweiterung des DNS um ein paar Hundert Top-Level-Domains. Technisch ist das überhaupt kein Problem, praktisch würde es der künstlichen Verknappung einer öffentlichen Ressource ein Ende bereiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie es mit der Top-Level-Domain-Policy?

Hofmann: Die Antragsgebühren von 50.000 US-Dollar für neue Top-Level-Domains wie beispielsweise .art sind skandalös hoch. Ihnen liegt offenbar die Annahme zugrunde, dass sich die neue Top-Level-Domain für den Betreiber als Goldgrube erweisen wird. Non-Profit-Organisationen oder Antragsteller aus Drittländern werden auf diese Weise bereits aus dem Antragsverfahren ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der aktuellen Lösung, das DNS begrenzt zu erweitern?

Hofmann: Alle Beteiligten wissen, dass diese Maßnahme das Problem nicht lösen wird. Die .com-Domains haben sich zu Besitzständen entwickelt. Weil die Beteiligten diese Entwicklung akzeptieren, ist die erforderliche durchgreifende Neuordnung der Namensräume nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb wird auch die Reform nicht greifen?

Hofmann: Ja. Alle glücklichen Besitzer einer attraktiven Domain werden diese eilends auch unter den neuen TLDs reservieren. "Systemimmanent" wird sich dieses Problem nur durch eine Vergabebeschränkung der Anzahl von Domains pro Inhaber lösen lassen. Das wäre genau eine der Lösungen, die mit der Netztradition bricht.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Gefahren und Chancen für die Nutzer und Icann?

Hofmann: Ich befürchte, dass Icann zum Opfer gut organisierter Einzelinteressen wird. Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass dadurch die Innovationsdynamik deutlich verlangsamt wird. Paradox formuliert: Im Internet ließe sich das Internet wohl zurzeit noch erfinden, aber wohl nur schwer durchsetzen. Als At-Large-Direktorin würde ich deshalb die Selbstorganisation der Nutzer und damit eine Strukturreform von Icann unterstützen. Beispielsweise könnten sich At-Large-Mitglieder selbst eine Verfassung geben, die ihnen Teilhabe am Entscheidungsprozess sichert.

Die Fragen stellte Christiane Schulzki-Haddouti



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