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19. August 2016, 16:39 Uhr

Vergabe von Internetadressen

US-Regierung gibt Icann frei

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Die Icann vergibt weltweit die Webadressen und hat damit viel Einfluss auf das Internet. Allerdings stand die Organisation bislang unter Aufsicht der US-Regierung. Doch das ändert sich nun endgültig.

Die Entscheidung ist gefallen. Die US-Regierung hält sich künftig komplett raus, wenn Webadressen vergeben, geändert oder neu erstellt werden. Das bedeutet für die zentrale Vergabestelle der Internetadressen Icann (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), dass die Organisation ihre Entscheidungen nicht mehr mit dem Handelsministerium abstimmen muss. In einem Blogbeitrag teilte das US-Ministerium mit, dass alle Formalien erledigt seien, der Vertrag mit der Icann am 30. September ausläuft und nicht mehr verlängert wird.

Vom 1. Oktober an darf das Non-Profit-Unternehmen mit Sitz im kalifornischen Los Angeles die Internetadressen also ohne Einfluss der US-Regierung verwalten. Man arbeite hart daran, dass "alle nötigen Aufgaben erledigt und alle Vorschläge umgesetzt werden", heißt es in einer Mitteilung der Icann.

Mit dem Rückzug der US-Regierung endet ein langer Prozess, der sich seit Gründung der Icann vor knapp 20 Jahren hingezogen hat. Schon damals gab es Pläne, die Organisation komplett zu privatisieren. Doch bis zuletzt behielt die Regierung das letzte Wort.

Icann kontrolliert wesentliche Bereiche des Web

Der Einfluss des Ministeriums ist deswegen politisch so prekär, weil Icann das zentrale Nervensystem des Internets kontrolliert. Die Mitarbeiter haben die Macht über das Netz. Da Websites von überall auf der Welt aufgerufen werden können, werden IP-Adressen zentral bei der Icann verwaltet.

Die Organisation ist unter anderem dafür verantwortlich, länderspezifische Domains wie .uk und .com zu verteilen. Auch .de-Adressen für deutsche Seitenbetreiber koordiniert die Icann, überlässt die Verwaltung aber hierzulande der Denic (Deutsches Network Information Center). Sobald neue Domains wie .hamburg und .porn zur Verfügung gestellt werden, entscheidet die Icann, wer die Adressen vermieten darf.

Die zentrale Aufgabe der Icann ist es, die Nutzer über den Browser an den richtigen Server weiterzuleiten. Das funktioniert nur deshalb, weil die Icann die Liste mit allen IP-Adressen und den entsprechenden Website-Namen verwaltet. Daher können die Nutzer überall auf der Welt etwa www.spiegel.de in die Browserzeile eingeben und landen anhand der damit verknüpften IP-Adresse auf dieser Nachrichtenseite.

Kritiker befürchten größeren Einfluss der Wirtschaft

Dass die Macht über die Adressen vom US-Handelsministerium beeinflusst werden konnte, war vielen Ländern ein Dorn im Auge. Auch aus Sicht der Europäischen Kommission ist der Schritt zur Privatisierung längst überfällig. "Das sind wirklich gute Nachrichten", sagt Andrus Ansip, Vizepräsident der EU-Kommission, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Die Europäische Union hat lange darauf hingearbeitet." Die letzten Hürden seien nun genommen, und man freue sich auf eine erfolgreiche Umstellung am 1. Oktober.

Vor allem die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über die Spähangriffe der NSA im Jahr 2013 hatten dafür gesorgt, dass die Kritik am Mitspracherecht der US-Regierung immer lauter wurde. Neben der EU haben vor allem Russland, China und Saudi-Arabien immer wieder gefordert, dass die US-Regierung sich heraushalte.

Obwohl der politische Einfluss der USA nun geringer wird, befürchten Kritiker, dass andere Länder und vor allem die Wirtschaft stärker auf die Adressvergabe einwirken könnten. Denn das Icann-Gremium setzt sich vor allem aus internationalen IT-Experten zusammen, darunter auch Mitarbeiter von Onlineriesen wie Facebook.

Internet-Firmen handeln häufig nicht gemeinnützig

Die großen Internetkonzerne handeln bei der Vergabe nicht immer im Sinne der Allgemeinheit, sondern haben oft eigene Interessen. Bei den Domains geht es um sehr viel Geld. Das zeigt etwa der Streit zwischen Google und Amazon vor einigen Jahren.

Als bekannt wurde, dass die Icann neue Top-Level-Domains verteilte, hatten sich beide Unternehmen für die Endung .shop beworben. Gewonnen hat schließlich keiner der beiden Konzerne. Die Auktion entschied das japanische Unternehmen GMO Registry für sich und bezahlte für die Endung mehr als 41 Millionen Dollar.

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