Icann Wozu Wahlen? Wozu Icann?

Die Idee, die weltweite Öffentlichkeit an der Verwaltung des Internet zu beteiligen, war eine Schnapsidee. Meint Icann-Chef Stuart Lynn - und schlägt vor, der "Regierung" maßgebliche Kontrollautorität zu geben. Aber welche Regierung meint der Mann - und wer braucht dann noch Icann?

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Die Clinton-Administration erkannte seinerzeit, dass das Internet ein weltweites Medium ist. Und sie war feinfühlig genug, den wachsenden Unmut darüber zu spüren, dass sie,die US-Regierung, es war, die wie eine Spinne im Netz die Kontrolle über die Datenflüsse hatte. Und so kam sie zu dem Schluss: Sollte sich die so viel versprechende neue E-Wirtschaft frei und erfolgreich entfalten, dann war es nötig, Vertrauen zu bilden.

Nicht zuletzt sprach auch die Web-Demografie zunehmend dafür. Amerika schien auf dem Wege, zu einer von vielen Nationen im Internet zu werden - und die Datennetze nicht viel länger zahlenmäßig zu dominieren. Wirtschaftsunternehmen und Regierungen in aller Welt murrten zunehmend darüber, dass die US-Regierung die Weichen stellte, ohne viel auf Wünsche und Meinungen anderer zu geben.

Clinton reagierte darauf mit einem mutigen Plan, der auf einen Vorschlag des Web-Gurus John Postel zurückging: Künftig solle sich die US-Regierung aus der Verwaltung des Internet zurückziehen und diese in die Hände einer privatwirtschaftlich organisierten Firma legen: Icann.

Icann: Gewollte Geburtsfehler?

Diese "Internet Association for Assigned Names and Numbers" wurde 1998 in Kalifornien gegründet - und schon damit begann die Kritik am neu entstandenen "Straßenverkehrsamt des Internet", das im Herbst 2000 die Kontrolle über die Pflege und Weiterentwicklung der Netzinfrastrukturen übernehmen sollte.

Formell geschah dies auch, doch bis zum heutigen Tag versagen zahlreiche nationale Registrare der Icann die Gefolgschaft - was die permanent klaffenden Finanzierungslücken der Organisation nicht gerade verkleinert.

Doch finanzielle Probleme waren seit der Gründung für Icann Peanuts im Vergleich zu dem, was innerhalb und außerhalb der Organisation an Widerständen auflief. Die Grundidee der Clinton-Regierung, Icann von einem Direktorium regieren zu lassen, das aus von Web-Standard-Organisationen und Wirtschaftsunternehmen auf der einen und frei gewählten User-Vertretern auf der anderen Seite paritätisch besetzt sein sollte, wurde bis heute nicht verwirklicht.

Stattdessen eiert Icann herum und macht immer wieder Versuche, die Regeln für die Bildung des Direktoriums, dem bisher nur fünf statt der avisierten neun Uservertreter angehören, nachträglich neu zu gestalten. Von Anfang an stand der Verdacht im Raum, dass die Icann dominierenden Lobbyvertreter keinerlei Interesse an der Beteiligung von "Nutzervertretern" hätten: Ein Eindruck, der ein ums andere Mal bestätigt wird.

Wie weit die Unabhängigkeit von Icann derweil wirklich geht, dokumentierte der US-Kongress nun bereits mehrere Male, indem er Icann-Vertreter vorlud, um nach deren Anhörung darüber zu beraten, ob man Icann die Kontrolle teils wieder entziehen sollte.

Im Direktorium stieße so etwas wohl auf eher verhaltenen bis symbolischen Widerstand. Denn die neueste Kapriole zeigt, wie weit die von vielen bejubelte "Demokratisierung des Internet" wirklich geht: Fragte man die Fädenzieher, dann pfiffen die wohl nur allzu gern auf die Plebs.

So legte Icann-Chef Stuart Lynn in dieser Woche einen Vorschlag für eine "weitgehende Umstrukturierung" von Icann vor. Der Vorschlag lässt sich äußerst knapp zusammenfassen:

1. Werft die "Volksvertreter" raus
2. Lasst die Regierung das Ganze kontrollieren



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