Netzphänomen »Ice Cream Rolls« Der Eiskönig und seine zehn Millionen Untertanen

In seinen Videos sagt er kein Wort, auf der Straße wird er nicht erkannt – doch auf YouTube hat Gil Grobe mehr Abonnenten als Bibi und LeFloid zusammen. Sein Thema: Kunst aus Eiscreme.
Eiscreme-Macher Gil Grobe: Auf YouTube hat er zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten

Eiscreme-Macher Gil Grobe: Auf YouTube hat er zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten

Foto: Niko Jedicke

Kürzlich hat Gil Grobe Fanpost von der YouTube-Chefin bekommen, wieder einmal. Susan Wojcickis neuester Brief wirkt eher unpersönlich. Doch wem sie schreibt, der hat es geschafft auf YouTube. »Du begeisterst und inspirierst uns täglich«, teilte sie dem Hamburger Webvideomacher anlässlich von zehn Millionen Kanal-Abonnenten mit. Dazu ließ sie Grobe einen Diamond-Play-Button zukommen, eine der begehrtesten Auszeichnungen der Plattform . Grobe habe mit seinem Kanal »eindeutig den Nerv der Zeit getroffen«, befand Wojcicki, und »eine ganze Bewegung erschaffen«: »Weiter so.«

Grobes »Bewegung« dreht sich um ein Thema zum Dahinschmelzen, die Welt seines Kanals ist lecker, familienfreundlich und unpolitisch. Mithilfe von zwei Spachteln und einer Gefrierplatte kreiert Grobe Eiscreme-Rollen, die er am Ende jedes Clips in die Kamera hält. Für die Zubereitung verwendet er flüssige Eiscreme, dazu kommen Zutaten wie Schokoriegel oder Bananen, die er mit den Spachteln zerkleinert. Auch Hamburger, Pommes und Energydrinks hat Grobe so schon zu Eiscreme gemacht, nicht jedes Ergebnis schmeckte. Jeden Tag erscheint ein neues Video, ein kleines Team im Hintergrund hilft Grobe.

Sein Kanal »Ice Cream Rolls«  ist ein YouTube-Hit, mit rund tausend Videos hat Grobe nicht nur mehr als eine Milliarde Videoabrufe, sondern eben auch zehn Millionen Abonnenten gesammelt. Letztere Zahl wirkt in Relation: Bianca »Bibi« Claßen etwa hat auf YouTube 5,93 Millionen Abonnenten, Florian »LeFloid« Diedrich gut drei Millionen. Und Ben & Jerry's, eine der bekanntesten Eisfirmen der Welt, hat auf YouTube gerade einmal 40.700 Abonnenten.

Gil Grobe, der Kurzfassungen seiner Clips auch auf Instagram, Facebook und TikTok veröffentlicht, ist so einer der erfolgreichsten Videomacher des Landes. Auf der Straße dürfte den 40-Jährigen, der früher in der Werbewelt arbeitete, aber kaum jemand erkennen. Der Grund dafür liegt nahe: Grobe zeigt auf »Ice Cream Rolls« nur seine Hände, er redet auch nicht.

Hier sehen Sie Gil Grobes Arbeit im Video

DER SPIEGEL

»Klar sagen viele: Jetzt zeig doch mal dein Gesicht«, erzählt Gil Grobe dem SPIEGEL. Ein solcher Stilwechsel ergebe bei zehn Millionen Abonnenten aber keinen Sinn, meint er, »denn die Leute mögen den Kanal so, wie er ist. Und bei einem Gesicht hast du immer das Risiko, dass es den Leuten nicht passt.« Entscheidend sei außerdem, dass es auf dem Kanal um den Prozess des Eis-Kreierens gehe, um das Kreative, so Grobe: »Meine Hände ermöglichen diesen Prozess, aber es geht nicht um mich als Person.«

Nichts dem Zufall überlassen

Wer verstehen will, warum Grobe Wörter wie »Prozess« verwendet, sollte sich seine Videos anschauen , am besten mit Kopfhörer. So merkt man am deutlichsten, wie viel Wert er auf den Sound seiner Videos legt und darauf, dass jedes Geräusch und jeder Handgriff passend wirkt und das Sehvergnügen bloß nicht gestört wird.

Die Videos von »Ice Cream Rolls« inszeniert Grobe bewusst auch als ASMR-Clips: Hinter jener Abkürzung verbirgt sich eine auf Entspannung gemünzte Videoströmung, für deren Wirkung es viele Umschreibungen gibt, von »Massage ohne Anfassen« bis »Kopf-Orgasmus«. ASMR-Videos sollen aus dem Alltag reißen, kleine Fluchten erlauben. Auch die Abonnenten schauen längst nicht jedes Video, sagt Grobe. Der typische Nutzer komme eher einmal pro Woche vorbei.

Die Hände des Eismachers Gil Grobe: Im Netz sind sie bekannter als sein Gesicht

Die Hände des Eismachers Gil Grobe: Im Netz sind sie bekannter als sein Gesicht

Foto: Niko Jedicke

Grobe setzt sich selbst Drehtage, nimmt dann gleich mehrere Videos hintereinander auf. Bei den Aufnahmen überlasse er nichts dem Zufall, sagt er: »Wann etwas passiert und wie, das basiert alles auf Lernkurven aus Analysen.« Und klar, ein Eis könne man auch in drei statt zehn Minuten zubereiten: »Aber wir wollen auch entschleunigen, das Gehirn entspannen, indem es sich immer nur auf einen einzelnen Schritt konzentrieren kann. Und manche Dinge machen tolle Geräusche, die die Leute triggern. Damit spielen wir.«

Ein Mix aus Videostudio und Eislabor

Die Videos für »Ice Cream Rolls« entstehen in Grobes Wohnung im Norden Hamburgs. Seit viereinhalb Jahren ist hier seine Schaltzentrale, derzeit sucht er aber nach einem Büro jenseits von zu Hause. Grobes Arbeitszimmer ist ein Mix aus Videostudio und Eislabor, eine Anzeigetafel blendet in Echtzeit die Abozahlen der großen Plattformen ein.

Der Kühlschrank im Arbeitszimmer ist voll mit Sahne und süßen Getränken, in seiner Gemüseschale lagern Snickers, Hanuta und Schokoküsse. In Kisten auf dem Boden finden sich Ideen zur Eisverzierung, von Strohhalmen und Schirmchen bis hin zu Marshmallows und Waffeln.

»Ich arbeite viel, aber für mich fühlt sich Arbeit nicht an wie Arbeiten«, sagt Grobe, der seinen Erfolg mit Leidenschaft, aber auch Durchhaltevermögen und ständiger Weiterentwicklung erklärt. Die reine Videoproduktion mache nur fünf Prozent des Zeitaufwands auf, schätzt er – viele könnten sich nicht vorstellen, wie anstrengend es ist, einen Kanal wie seinen groß zu machen.

Videomacher Grobe: Er filmt sich noch immer selbst

Videomacher Grobe: Er filmt sich noch immer selbst

Foto: Niko Jedicke

In der Selbstständigkeit, mit einer eigenen Firma namens Roll it Media, gehe er voll auf, meint Grobe, nur der Papierkram nerve. Bevor er zum YouTuber wurde, war er viele Jahre Angestellter: Grobe machte eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien, landete dann in der Werbebranche.

Die Weichen zu seiner Netzkarriere stellte er 2015. Auf einer Reise durch Thailand filmte er auf der Inselgruppe Ko Phi Phi, wie jemand Eiscreme-Rollen herstellte. Als Grobe das Video ins Netz stellte, ging es viral, und er erahnte, welches Potenzial in dem Thema steckte.

In New York filmte Grobe weitere Eismacher, die auf Rollen statt Kugeln setzten, zudem lizenzierte er Clips Dritter. Dann aber wurde das Eismachen Chefsache: Grobe erlernte selbst die Zubereitung, kaufte sich schließlich eine Maschine speziell dafür. Lange filmte er sich dabei per iPhone, bis er vor zwei Jahren zu einer Panasonic-Kamera wechselte.

Vor allem außerhalb Deutschlands angeklickt

Geschaut werden die Videos von »Ice Cream Rolls« in aller Welt. Die meisten Zuschauer kommen aus Indien und den USA, Deutschland macht nur ein Prozent aus. Grobe setzt daher auf Zutaten, die man überall kennt, auf Marken wie Coca-Cola, Oreo, Nutella. »Ich brauche nicht mit einem Franzbrötchen kommen«, sagt er. »Das ist typisch Hamburg und vielleicht witzig, aber international kennt das keiner. So spricht man keine breite Masse an.«

Für große YouTuber ungewöhnlich ist, dass Grobe in seinen Videos ständig Produkte in die Kamera hält, dafür aber bislang nicht von deren Herstellern bezahlt wird. Viele Videomacher verdienten vor allem an sogenannten Brand-Deals, sagt Grobe selbst, »das ist schon echt krass, dass wir das nicht machen.«

Dahinter steckt dem Hamburger zufolge aber weniger Kalkül als ein Zeitproblem: »Grundsätzlich ist es mir viel wichtiger, dass wir jeden Tag um Punkt 15 Uhr ein neues Video liefern, als dass wir einen Product-Placement-Deal bekommen«, sagt Grobe. »Denn erst die täglichen Videos eröffnen uns die Möglichkeit, an Brand-Deals zu kommen.«

Künftig, mit den zehn Millionen Abos im Rücken, will Grobe aktiver auf potenzielle Werbepartner zugehen. Nachdem Grobe »Ice Cream Rolls« bis vor zwei Jahren im Alleingang betrieb, helfen ihm mittlerweile ein Mitarbeiter in Vollzeit sowie zwei Minijobber. Ein weiterer Helfer soll sich bald speziell auf die Brand-Deals fokussieren, bei denen die größte Herausforderung darin besteht, dass sich das Publikum von »Ice Cream Rolls« auf so viele Länder verteilt.

Das meiste Geld kommt direkt von YouTube

Fragt man Grobe nach seinen Umsätzen, sagt er, er könne von »Ice Cream Rolls« leben und Personal anstellen. Das YouTube-Partnerprogramm sei seine wichtigste Einnahmequelle, verrät er aber. Im Vergleich zu dieser Beteiligung an YouTubes Werbeeinnahmen seien die Umsätze, die er mit einem eigenen Onlineshop  erzielt, ziemlich gering. In seinem Shop verkauft Grobe Eispulver, das beim Zubereiten von Eiscreme-Rollen hilft, außerdem setzt er Partner-Links zu Eismacher-Equipment, das sich über Amazon bestellen lässt. Wer will, kann auch Onlinecoachings zum Thema Eiscreme-Rollen anfragen.

Die Art, wie er das Eis herstellt und serviert, hält Grobe für eins der Erfolgsgeheimnisse des Kanals. Die Rolltechnik sei etwas, das viele Menschen bis heute noch nie gesehen hätten. Sein Kanal, auf den viele Nutzer durch YouTubes Videovorschläge stoßen, locke so mit Entertainment und ASMR, aber natürlich auch mit dem Thema Eis, »einem zu 100 Prozent positiven Thema«, wie Grobe glaubt.

Für einen besonders talentierten Eismacher hält sich der Videomacher übrigens nicht. Herausragende Fähigkeiten attestiert er sich eher beim Videospielen. In der Fußballsimulation »Fifa« war Grobe in den Nullerjahren zweimal Deutscher Meister geworden. »Eismachen kann sich jeder selbst beibringen«, sagt er, dem momentan die Zeit fürs Spielen fehlt, »in Fifa aber war ich wirklich gut.«

Zeitweise betrieb der 40-Jährige sogar einen weiteren YouTube-Kanal rund um das Fußballspiel . Anders als bei »Ice Cream Rolls« zeigte Grobe dort auch sein Gesicht. Rund 30.000 Abonnenten bekam er so zusammen, eigentlich eine beachtliche Zahl. Gäbe es da nicht noch dieses andere Projekt, das mit den zehn Millionen Eiscreme-Fans.

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