Icebox Web-Zombies für die Primetime

Das US-Unterhaltungsnetwork Icebox inszeniert in bissigen Web-Cartoons schwule jüdische Enten und aufmüpfige chinesische Butler. Verschiedene Gruppen laufen Sturm gegen die deftige Online-Satire - TV-Sender sind dennoch mächtig interessiert.

Von Jochen A. Siegle


Icebox: Erfolg im Schnelldurchlauf

Icebox: Erfolg im Schnelldurchlauf

Jahrelang meckerten die TV-Produzenten John Collier, Rob LaZebnik und Howard Gordon über die Restriktionen des pseudoprüden US-Fernsehens. Diesen Sommer hat das Trio, das unter anderem für Serienhits wie "Akte X", "King of the Hill" oder "The Simpsons" verantwortlich zeichnet, daher mit Hollywood-Agent Steve Stanford das Web-Entertainment-Network Icebox gelauncht - der Kreativität der TV-Macher sind keine Grenzen mehr gesetzt.

In mehr als 180 rabenschwarzen Webshows haben verschiedenste Autoren und Produzenten bei Icebox zahlreiche schräge Comic-Charaktere zum Leben erweckt, die es unzensiert garantiert nicht in die TV-Primetime geschafft hätten. Darunter etwa die schwule jüdische Ente "Queer Duck", der vorlaute asiatische Hausdiener "Mr. Wong", Abraham Lincoln als Ultra-Alkoholiker oder Marty, Vinnie und Chuck - Jesus' verschollene Brüder.

Doch die bissigen Programme finden bei weitem nicht alle Amerikaner witzig. Vor allem Minderheitenvertretern stoßen die weit überzogenen Klischees von Shows wie "Mr. Wong" oder "Meet the Millers" bitter auf. Jeff Yang, Herausgeber von "A. Magazine: Inside Asian America" etwa startete eine Protestaktion gegen die Websendung um den chinesischen Butler und forderte in Massen-E-Mails dazu auf, Icebox mit negativen Kommentaren zu bombardieren.

Yang bezeichnete "Mr. Wong" gar als "die empörendste antiasiatische Serie, die ich jemals gesehen habe". Auch an "Meet the Millers" reiben sich zahlreiche US-Geister. Die Show persifliert die heuchlerisch-heile Welt der US-Family-Sitcoms der fünfziger Jahre. Insbesondere die Black-Community fühlte sich von verschiedenen "Miller"-Episoden ordentlich auf den Schlips getreten.

"Wir wollen einfach ungefilterte Unterhaltung präsentieren und bestimmt niemanden verletzen", rechtfertigt Lisa Spiritus, PR-Direktorin bei Icebox die Firmenphilosophie. "Drei der vier Gründer sind Juden, CEO Steve Stanford ist schwarz - unsere Absicht ist es sicher nicht, jemanden zu diskriminieren."

Die schwule US-Gemeinde scheint die satirische Icebox-Intention besser verstanden zu haben: "Gay-People lieben 'Queer Duck'", erklärt Mike Reiss, Autor und Produzent der Show. "Als Vorbild diente 'Sex in the City', denn ich wusste, dass Schwule diese Sendung lieben." Die tollpatschige Homo-Ente ist bislang auch die populärste Webserie bei Icebox. Insgesamt zählte die Site Nielsen/NetRatings zufolge im Oktober 532.000 Besucher, die Cyberkino-Pioniere AtomFilms und iFilm verzeichneten nur wenig mehr Zugriffe.

Küßchen: Bei Icebox geht es deftig zur Sache

Küßchen: Bei Icebox geht es deftig zur Sache

"Icebox ist eine geniale Alternative für Fernsehmacher, um neue Ideen mit kleinen Budgets zu testen", erklärt Reiss. "Und auch technisch eröffnet das Netz ja völlig neue Möglichkeiten."

Neben der Lowtech-Ästhetik des Onlinemediums reizt vor allem aber die künstlerische Freiheit bei Icebox immer mehr frustrierte Fernsehkreative: Über einhundert Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten aus TV- und Film-Biz engagieren sich mittlerweile bei dem Entertainment-Network - Geld gibt's bislang allerdings nicht, nur Icebox-Aktien. Eine Liste der von Icebox-Stars kreierten Fernsehsendungen liest sich dennoch wie eine Vorabend-Programmübersicht des "TV Guide"-Magazins: "Seinfeld", "South Park", "Frasier", "Spin City", "King of the Hill" oder "Star Trek".

No Profits: Bei Icebox ist nichts zu verdienen

"Der Trend geht dahin, dass immer mehr TV-Leute fürs Netz produzieren", sagt Reiss. "In spätestens 15 Jahren ist dann wohl der Web-Content so schlecht wie das Fernsehprogramm von heute."

Auch für Gordon, Collier, und LaZebenik ist das Unterhaltungsprojekt finanziell kaum lukrativ. Ihr Engagement bei Icebox honorieren sie mit einem symbolischen US-Dollar pro Jahr. Alle drei "Thirty-somethings" gehen tagsüber anderen Jobs nach: Gordon and Collier entwickeln Serien für NBC und Fox, LaZebnik ist Co-Produzent von "The Simpsons". Die Geschäfte führt Stanford. Anfang des Jahres konnte das Team 15 Millionen Dollar von verschiedenen Investoren auftreiben.

Nun bemüht sich die Firma aus L.A. um den Abschluss einer neuen Finanzierungsrunde. Erst vor zwei Tagen hatte Icebox die Kündigung von 50 Mitarbeitern angekündigt. "Um schnellstmöglich produktiver zu werden, outsourcen wir große Teile unserer Produktion", behauptet Spiritus. "Bis Ende 2001 wollen wir schwarze Zahlen schreiben." In den vergangenen sechs Monaten waren mit Pseudo, DEN und dem Spielberg-Projekt Pop.com gleich drei großgehypte Entertainment-Sites mit ähnlichen Zielvorgaben gescheitert.

Trotz Massenentlassungen scheint es bei Icebox derzeit tatsächlich nicht ganz schlecht zu laufen: Verschiedene Web-Cartoons haben den Sprung ins TV geschafft. Der amerikanische Pay-TV-Kanal Showtime startet kommenden Sommer eine Live-Action-Version des "Enterprise"-Verschnitts "Starship Regulars". Vergangenen Mittwoch kaufte das Fox-Network einen Piloten des derben Menschenfresser-Epos "Zombie College".

Icebox-Producer Reiss träumt derweil davon, seine "Queer Duck" für den echten "Big Screen" zu inszenieren: "Ein Kinofilm wäre phantastisch", sagt der TV-Veteran. "Für nur fünf Millionen US-Dollar könnten wir einen klasse Streifen drehen, für den Disney mindestens 100 Millionen ausgeben müsste."



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