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26. März 2017, 11:05 Uhr

Aktion gegen Hetze auf Facebook

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Dieser Hass in den Kommentarspalten ist nicht normal: Weil Facebook wenig tut, kämpft Hannes Ley mit seiner Gruppe #Ichbinhier selbst für einen besseren Umgangston im Netz. Der Zulauf ist riesig.

Wenn Hannes Ley wieder einmal den ganzen Tag gegen den Hass im Internet gekämpft hat, fragt er sich manchmal, was seine Mission eigentlich mit ihm macht. "Ein Tag an der Front ist unfassbar hart, das bedrückt einen", sagt er. Die Front, das ist Facebook. Leys Gegner dort sind zahlreich: Putin-Trolle, Wutbürger, Rechte, Flüchtlingsfeinde, Frauen hassende Maskulisten. Sie alle blasen in dem Netzwerk in den Kommentarspalten ihren Hass in die Welt, pöbeln, beleidigen, verdrehen Fakten.

Ley, 43, aus Hamburg, hat sich das lange angeschaut. Im Dezember 2016 reichte es ihm. Er gründete die deutsche Facebook-Gruppe #Ichbinhier. Innerhalb von nur drei Monaten wuchs sie auf 27.000 Mitglieder an.

Die Mission: Die Facebook-Nutzer sollen mit sachlichen, freundlichen Kommentaren die Diskussionen unter öffentlichen Facebook-Posts entschärfen. Nicht alle Flüchtlinge sind kriminell. Auch ein Verbrecher hat nicht automatisch die Todesstrafe verdient, weil: Rechtsstaat. Angela Merkel ist nicht vergleichbar mit Adolf Hitler, auch wenn man sie nicht gut finden muss.

Jeden Beitrag kennzeichnen die Gruppenmitglieder mit dem Hashtag #Ichbinhier. Wird einer aus der Gruppe angegriffen, springen andere ihm bei. Das Internet kann ein ungemütlicher Ort sein. Da hilft es, Freunde zu haben. Positiv-Beiträge des einen überschütten die anderen Mitglieder mit Likes. Denn Facebook zeigt besonders beliebte Kommentare prominenter an als andere.

Dagegenhalten, Kommentar für Kommentar

Seiner Gruppe gehe es nicht darum, besonders bösartige Kommentatoren zu bekehren. "Wir zielen auf die vielen stillen Mitleser ab, die Unentschlossenen", sagt Ley. "Der Hass ist im Netz so allgegenwärtig geworden, dass manche denken, es ist normal, so etwas zu schreiben." Ist es aber nicht, will Ley Kommentar für Kommentar belegen.

Gruppen wie #Ichbinhier versuchen mit ihrem Vorgehen auch, Waffengleichheit mit den oft gut organisierten Hatern und Hetzern herzustellen, beschreibt Ley. "Wir reden nicht über Counterspeech, über Gegenrede. Wir praktizieren sie." Die Idee ist simpel und doch eine Sisyphos-Aufgabe. Für Ley ist sein Anliegen ein inoffizieller Vollzeitjob geworden. Sechs bis acht Stunden pro Tag investiert der selbstständige Kommunikationsberater, um die Gruppe zu betreuen und seinen Kampf gegen die Pöbler und Hater zu führen.

Der Hass war auch schon vor dem Internet da, glaubt er. Das Netz macht ihn nur sichtbarer, es ist zu einem Seismografen für die Stimmung in Deutschland geworden. "Irgendwann hat es aber einen Dammbruch gegeben", glaubt er. Der Hass sei für viele Deutsche längst zu einem ständigen Grundrauschen der Online-Welt geworden. "Was wir tun, ist eine Rückeroberung der Kommentarspalten. Nur weil eine Diskussion online stattfindet, muss man sich nicht beschimpfen und ankeifen."

Drei Gruppenaktionen am Tag

Ley und seine Mitstreiter haben Diskussionen auf großen, öffentlichen Facebook-Seiten von Medien auf dem Schirm: "Bild", "Focus Online" oder auch SPIEGEL ONLINE. Dort sucht Ley gezielt nach Triggerthemen, wie er sie nennt. Eigentlich aber, kommt Ley nach einer langen Aufzählung zum Schluss, ist jede Kommentarspalte auf Facebook ein potenzieller Einsatzort für seine Truppe. "Hater können auch eine Diskussion über Gartengeräte zu einer über Flüchtlinge drehen", sagt Ley in seinem Büro in einer renovierten Lackfabrik im Hamburger Stadtteil Ottensen und lächelt verschmitzt.

Sind besonders giftige Kommentarspalten identifiziert, posten Ley oder einer der anderen Moderatoren ein Aufruf in der Gruppe - der Schwarm hat ein neues Ziel. Drei Aktionen kommen so jeden Tag in etwa zusammen. Die Idee zu #Ichbinhier hat Ley aus Schweden übernommen. Dort hat Journalistin Mina Dennert 2016 die Gruppe #Jagärhär gegründet. Ley fragte Dennert an, ob er einen deutschen Ableger gründen dürfte, so gut fand er die Idee. Er durfte.

Einladung von Facebook nach Dublin

Mitte März erst hat Justizminister Heiko Maas (SPD) einen Gesetzentwurf präsentiert, der soziale Netzwerke zu einer konsequenteren Löschung von Hass und Hetze zwingen soll. Ley sagt trotzdem: "Die Politik ist viel zu lahmarschig. Es braucht Eigeninitiative." Und auch der Konzern, der die Oberhoheit über Leys Einsatzgebiet hat, Facebook, löscht seiner Meinung nach zu wenig und zu langsam.

Vor Kurzem war Ley bei Facebook in Irland eingeladen, um bei der konzerneigenen "Online Civil Courage Initiative" über solche Fragen zu diskutieren. Es war fürchterlich, sagt Ley. Facebook habe den ganzen Vormittag geschwärmt, wie erfolgreich man schon gegen Hassrede vorgehen würden. "Da habe ich dann doch nachgefragt: Ihr denkt doch nicht wirklich, dass ihr das Problem tatsächlich ernst nehmt?"

Organisierte Nettigkeit als Gruppenziel

Ley schätzt, dass der harte Kern seiner Truppe aus 50 bis 100 Schreibern besteht, gelegentlich meldeten sich 300 bis 500 weitere in den Kommentaren zu Wort. Likes verteilten etwa 5000 Mitglieder. "Dem Rest gefällt einfach die Sache", sagt Ley. "Der Frust über den Hass ist bei vielen aus der Gruppe extrem hoch gewesen."

Erklärtes Gruppenziel ist also organisierte Nettigkeit. Trotzdem gibt es Konflikte. Alle Mitglieder eint das Unwohlsein über die Diskussionskultur im Netz, doch auch dort müssen sich viele Unbekannte zusammenraufen. Welche Regeln sollen beim Kommentieren gelten? Ist die Gruppe eine Anti-AfD-Einheit auf Facebook? "Wir greifen keine Parteien an, es geht uns um die Art und Weise, wie kommuniziert wird", sagt Ley dazu.

"Euch allen einen wunderschönen Tag"

Es gab Abspaltungen, Austritte. In internen Gruppen-Postings fragen sich Mitglieder, ob man auf dem richtigen Weg ist. Auch diese Diskussionen laufen bemerkenswert gesittet ab. Selbst Kritiker und Abtrünnige sind: scheiße freundlich. "#Ichbinhier ist wichtig und notwendig, aber ich werde mich wahrscheinlich wieder aus der Gruppe zurückziehen", schreibt einer. "Noch einmal vielen lieben Dank und Euch allen einen wunderschönen Tag!"

Es wirkt, als achten die Mitglieder penibel darauf, die nach Außen vertretenen Werte im Inneren zu wahren. Dabei hilft sicherlich, dass Ley eine sogenannte geschlossene Gruppe gegründet hat. Wer Mitglied sein will, muss erst von einem der Gruppenadministratoren oder -moderatoren bestätigt werden. Auch jeder verunglückte öffentliche Kommentar eines Mitglieds - und die gibt es - wirft ein negatives Licht auf die Gruppe, mahnt Ley in einem Posting an.

Scrollt man durch die Gruppe , bekommt man aber insgesamt eine Utopie präsentiert, wie ein freundliches Internet aussehen könnte, wenn sich jeder ein bisschen zusammenreißt. Kippte der dort gepflegte gute Umgangston, wäre das wohl das Ende der schnell gewachsenen Gruppe. Danach sieht es bisher nicht aus.

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