Klage eines Facebook-Moderators »Ich lebe einen Horrorfilm«

In Kenia musste Daniel Motaung Enthauptungs- und Missbrauchsvideos für Facebook prüfen. Jetzt klagt er gegen die Arbeitsbedingungen – und wirft dem US-Konzern Menschenhandel vor.
Klageschrift gegen Meta und Sama: »Die kommen hierher und sagen, dass sie uns retten werden, nur, um uns auszubeuten und wegzuwerfen«

Klageschrift gegen Meta und Sama: »Die kommen hierher und sagen, dass sie uns retten werden, nur, um uns auszubeuten und wegzuwerfen«

Foto: BAZ RATNER / REUTERS

Eine Klage in Kenia könnte neue Einblicke in einen wichtigen Teil des Maschinenraums von Facebook bieten: in die Arbeit der sogenannten Content-Moderatoren. Sie prüfen täglich tausendfach, ob Beiträge wegen Regelverstößen gelöscht werden oder online bleiben und spielen für den Alltag auf Facebook und Instagram eine wichtige Rolle. Über die Arbeitsbedingungen der Moderatoren geben Facebook und sein Mutterkonzern Meta allerdings nur ungern Auskunft.

Der ehemalige Moderator Daniel Motaung, der bei einem Auftragnehmer von Meta in Kenia gearbeitet hat, hat am Dienstag vor einem kenianischen Gericht eine Klage wegen der seiner Ansicht nach verfassungswidrigen Arbeitsbedingungen eingereicht. Die Klage, die sich gegen Meta und dessen Auftragnehmer Sama richtet, beschreibt die Arbeit für Facebook-Moderatoren als unerträglich: unregelmäßige Bezahlung, unangemessene psychologische Unterstützung, Sabotage von Versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, Verletzungen von Privatsphäre und Menschenwürde. Die Mitarbeiter seien mit irreführenden Stellenangeboten in anderen Ländern rekrutiert und unter falschen Versprechungen nach Kenia geflogen worden, das sei mit Menschenhandel gleichzusetzen.

Für 2,20 Dollar pro Stunde, sagte der Kläger Daniel Motaung dem Magazin »Time« , habe er bis 2019 Videos von Enthauptungen und von sexuellem Missbrauch an Kindern ansehen müssen. Was ihn erwartet, habe man ihm vorher nicht erklärt. Mittlerweile sei bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden: »Ich lebe einen Horrorfilm«.

Gefährliche Arbeitsumgebung

Kurz nachdem Motaung versuchte, eine Gewerkschaft zu gründen, um bessere Arbeitsbedingungen für sich und seine Kolleginnen und Kollegen in Nairobi durchzusetzen, wurde er entlassen. Sama zufolge war der Grund, dass Motaung Kollegen schikaniert und genötigt habe.

»Es ist nicht in Ordnung, dass wir für den Profit riesiger Konzerne ausgenutzt werden«, sagte er im Gespräch mit »Time«. »Die kommen hierher und sagen, dass sie uns retten werden, nur, um uns auszubeuten und wegzuwerfen. Ich will das beenden.«

Nun versucht Motaung unter anderem, eine finanzielle Entschädigung zu erzwingen, die Gleichstellung von externen Moderatoren mit den direkt bei Meta angestellten sowie eine unabhängige Untersuchung des Sama-Büros, das für die Facebook-Moderation in großen Teilen des östlichen und südlichen Afrikas ist. Seinen Anwälten zufolge haben Meta und Sama eine gefährliche Arbeitsumgebung geschaffen, in der Angestellte nicht die gleichen Rechte haben wie in anderen Ländern.

Die Klage könne »Effekte haben«, sagte Odanga Madung von der Mozilla-Stiftung. »Facebook wird vieles darüber offenlegen müssen, wie sie ihre Moderation leiten.«

Meta wollte in der Klage nicht genannt werden

Es wäre nicht das erste Mal. Im vergangenen Jahr etwa einigte sich Facebook in Kalifornien mit mehr als 10.000 extern angestellten Moderatoren auf eine Zahlung von insgesamt 85 Millionen Dollar  als Entschädigung für die Schäden durch die andauernde Konfrontation mit Gewaltdarstellungen und anderen verstörenden Inhalten.

Meta teilte der Nachrichtenagentur Reuters mit: »Wir nehmen unsere Verantwortung für unsere Content-Moderatoren ernst und verlangen von unseren Partnern eine im Branchenvergleich führende Bezahlung und Unterstützung.« Laut »Time« wollte Meta seinen Namen zumindest Ende April noch aus der Klage entfernen lassen, weil Motaung bei Sama angestellt gewesen sei, nicht bei Meta. Sama hat bisher alle Anschuldigungen zurückgewiesen.

pbe/Reuters
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