Identität im Netz Das digitale Ich liegt in Scherben

Sie laden hier Fotos hoch, bloggen dort, und noch einmal anderswo knüpfen sie Kontakte: Internetnutzer sind multiple Persönlichkeiten mit Dutzenden Passwörtern und Login-Namen. Myspace, Google und Co. wollen uns eine klare Netz-Identität geben. Bisher sind sie damit gescheitert - zum Glück.

Heutige Intensiv-Nutzer des Internets geben ein zerrissenes Bild ab. Derselbe Mensch heißt an verschiedenen Orten im Netz mal Mausi23, mal XtrMinatr und mal Richie1979. Er hat eine Sammlung von 20 bis 30 Passwörtern und Login-Namen, muss mehrere Adressbücher, Profilseiten, Freundes- und Kontaktlisten pflegen. Er lädt auf einer Plattform Fotos hoch, auf einer anderen Videos, er bookmarkt hier und verschlagwortet dort, er stellt längere Einlassungen als Blogeintrag online oder ganz kurze über Twitter. Das digitale Spiegelbild des Gegenwartsmenschen ist in Hunderte Einzelteile zersplittert.

Schon seit Jahren bemühen sich Web-Vordenker, dem Homo digitalis eine übergreifende Online-Identität zu verpassen, die er von einer Seite zur anderen, von Plattform zu Plattform mitnehmen kann. Aber auch die Zusammenführungsprojekte sind zersplittert.

Ein ganzes Bündel von Initiativen, Projekten und Produkten ist derzeit in Arbeit. Sie alle sollen dafür sorgen, dass wir als Abbilder unserer Selbst durchs Netz wandeln und nicht als Ansammlung von Spitznamen und Passwörtern. OpenID  soll das Passwortchaos abschaffen, Dataportability.org  persönliche Online-Daten transportabel machen.

Friend Connect von Google und Connect von Facebook wollen Ähnliches erreichen - das eigene Freundschaftsbäumchen, den "social graph" soll man von einer Plattform auf die andere mitnehmen können, und am besten gleich auch noch Profilbilder, Hobby-Listen und andere Daten, die man dem Netz so anvertraut hat (siehe Kasten unten).

Das Angebot FriendFeed , das Silicon-Valley-Auguren in diesen Tagen elektrisiert, geht den umgekehrten Weg: Es gleicht nicht Daten plattformübergreifend ab, sondern sammelt Datenströme ein und jagt sie durch einen Trichter. Die Spiegelscherben werden zwar nicht zusammengesetzt, aber zumindest an einem Ort gesammelt. Verschiedene andere Angebote versuchen genau das gleiche (siehe Kasten).

Ähnlich wie die Netzgiganten argumentiert derzeit übrigens auch Innenminister Schäuble (CDU): Der neue Personalausweis, der ab 2010 eingeführt werden soll, kann optional auch als Web-Ausweis genutzt werden, der Menschen online eindeutig identifizierbar machen soll, mit einem Lesegerät zu Hause und einer PIN. Das sorgt zwar nicht für ein kohärentes Spiegelbild im Netz, aber doch wenigstens für eindeutige Identifizierbarkeit. Kritiker wie Constanze Kurz vom Chaos Computer Club bemängeln schon jetzt, Schäubles Web-Ausweis diene in erster Linie den Interessen der Wirtschaft.

Obwohl die Mächtigen des Netzes nahezu alle in den verschiedenen Konsortien und Arbeitsgruppen vertreten sind - einigen konnten sie sich bislang nicht. Es gibt Streit zwischen Google und Facebook um die portablen Freundeslisten. MySpace, Yahoo und die anderen Großen betrachten das General-Login OpenID (siehe Kasten) als Einbahnstraße, die zu ihnen hin, aber nicht von ihnen wegführen darf. Es wird viel geplant und geredet - aber die Interessen der Beteiligten sind dann doch immer stärker als der Wunsch, das Netz für alle bequemer zu machen.

Vielleicht ist das zersplitterte Netz-Bild ein Segen

Zwar sind alle großen Mitspieler im Webgeschäft mit Macht darauf aus, ihren Nutzern mehr Freiheit, mehr Beweglichkeit und eine kohärente Netz-Identität zu verschaffen. Weil dabei aber Grabenkämpfe ausgetragen werden und am Ende doch jeder auf seinen Vorteil - sprich: auf das Festhalten der eigenen Nutzerschaft - bedacht ist, geht all das nicht recht zusammen.

Trotzdem wollen alle das Web-Ich - selbstverständlich aus reinem Eigennutz. Die Logik dahinter lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Wen man gut kennt, dem kann man besser etwas verkaufen.

Je einfacher ein konkreter Netznutzer auch als konkrete Person zu identifizieren ist, mit allen online veröffentlichten Vorlieben, Interessen und Kontakten, desto gezielter kann man ihn mit Marketingbotschaften beschicken, desto einfacher ist es, sein soziales Netzwerk zum Reklamenetz zu machen.

Es gibt aber durchaus auch andere Stimmen, die einen identifizierbaren Netzbürger fordern, einen, der mit offenem Visier kommuniziert und sich nicht hinter einem Pseudonym versteckt. Der US-Verleger und Webguru Tim O'Reilly zum Beispiel forderte in einem Blogger-Kodex  schon im April 2007, Blogger sollten keine anonymen Kommentatoren mehr auf ihre Seiten lassen. Er erntete damals heftige Kritik - aber ein ehrliches Netz mit offenen Menschen darin, die zu ihrer Meinung stehen, erscheint vielen bis heute als ein erstrebenswertes Ziel.

Für Nutzer und Netz-Aktivisten ist das digitale Ich eine Frage von Vertrauen, Ordnung, Ehrlichkeit und Bequemlichkeit. Für die Großen im Netz ist es eine Frage des Geldes.

Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis jemand die Scherben des zerbrochenen Spiegels einsammelt und säuberlich zusammenklebt - und die Frage bleibt, ob man sich das wirklich wünschen soll. Oder ob das chaotische, zersplitterte Netz-Ich der letzte Schutz der digitalen Privatsphäre ist, der uns noch bleibt.