Image-Werbespots Wie ARD und ZDF die Demokratie erfanden

Gutenberg, Luther, die Weiße Rose - und dann kamen ARD und ZDF. So ähnlich erzählt es ein Werbespot, mit dem die öffentlich-rechtlichen Anstalten derzeit für sich werben. Und dafür, im Internet schrankenlos der Privatwirtschaft Konkurrenz zu machen. Nun regt sich Protest.

Hörer öffentlich-rechtlicher Radioprogramme kennen den Spot schon seit ein paar Wochen: Eine kaminfeuerknarzende Erzählonkelstimme spricht Selbstverständlichkeiten aus. Etwa: "Thesen können ihre Kraft erst dann wirklich entfalten, wenn sie in die Öffentlichkeit gelangen". Später sagt der Sprecher, einst die deutsche Stimme von Robert Redford und Anthony Hopkins, noch diesen surrealen bis rätselhaften Satz: "Ein Sommer wird erst dann zum Märchen, wenn alle dabei sein können".

Am Ende steht ein eigentümlicher Kausalschluss: "Jeder hat ein Recht auf freien Zugang zu Informationen. Deshalb können Sie unser Online-Angebot auch in Zukunft uneingeschränkt nutzen." Der Spot wirbt für die Internet-Aktivitäten von ARD und ZDF.

Unterlegt ist das gefühlige Hohelied auf die freie Information mit Klaviermusik. In der Fernsehversion begleiten es Bilder aus der deutschen Geschichte, allesamt aus deutschen Filmproduktionen entlehnt: Druckerpresse, Luthers Thesen an der Kirchentür, die Flugblätter der Geschwister Scholl, Leipziger Montagsdemonstrationen ("Demokratie kann nur entstehen, wo Informationen frei zugänglich sind"), die Fanmeile am Brandenburger Tor ("Sommer", "Märchen"). Am Ende, bei dem Satz über das Online-Angebot, räkelt sich eine lächelnde junge Dame mit Notebook auf einem Bett, wie man das sonst aus den Werbespots von Telekom-Anbietern kennt. Sie genießt offenkundig Informationsfreiheit. Und die kann, das ist die Botschaft des Films, nur ein öffentlich-rechtliches Internet gewährleisten.

Der Spot  ist nicht nur ein Affront für die übrigen deutsche Medien, die ohne Gebühreneinnahmen für Informationsfreiheit und Demokratie streiten. Er ist auch eine Art geschichtslogischer Rückwärtssalto mit Schraube.

Bei allem Respekt für ARD und ZDF: Mit der Erfindung des Buchdrucks, der Reformation und dem Widerstand gegen Hitler hatten sie nun wirklich nichts zu tun. Und keine einzige Demokratie auf diesem Planeten ist durch den Einfluss öffentlich-rechtlicher Medien entstanden, sondern umgekehrt: Öffentlich-rechtliche Medien verdanken ihre Existenz der Demokratie. Die wiederum, da stimmt der Spot dann wieder, Meinungs- und Pressefreiheit, Buchdruck und Zivilcourage viel verdankt. Die unterschwellige Behauptung, nur ARD und ZDF könnten solche Errungenschaften gewährleisten, und zwar durch ihre Aktivitäten im Internet, ist so absurd, dass es fast schon wieder komisch ist.

Der Grund für die verdrehte Eigenwerbung der öffentlich-rechtlichen Anstalten ist, dass die Ministerpräsidenten Ende Oktober über eine Änderung des Rundfunkstaatsvertrages befinden sollen - und darin soll auch festgeschrieben werden, was ARD und ZDF im Netz dürfen und was nicht. Einen Auftrag, Journalismus in Textform zu machen, haben die Anstalten bislang nicht. Öffentlich-rechtliche Zeitungen hat es in Deutschland nie gegeben. Die Demokratie hat das ganz gut überstanden.

Im Internet jedoch möchten ARD und ZDF die Freiheit haben, auch mit Texten den Online-Ablegern von Zeitungen und Magazinen Konkurrenz zu machen, weil ihnen das drohende Wegsterben der eigenen, alternden TV-Zielgruppe Sorgen bereitet.

Die "Frankfurter Rundschau" hat sich des für alle Vertreter der freien deutschen Medienlandschaft zornerregenden Werkes nun dankenswerterweise angenommen. Sie hat Marc Jan Eumann, den medienpolitischen Sprecher der SPD, befragt, der findet, die Kampagne schieße "über das Ziel hinaus". Und sie hat Jürgen Doetz, Präsident des Privatsenderverbandes VPRT, die Gelegenheit gegeben, den Spot öffentlich "gebührenfinanzierte Volksverdummung" zu nennen.

Was der Spot gekostet hat, wollen ARD und ZDF nicht verraten, auch nicht auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Kampagne solle auch gar nicht suggerieren, dass freier Zugang zu Informationen im Internet nur von ARD und ZDF gewährleistet werden kann. Sondern, so die Antwort der ARD-Pressestelle, dass "ein freier Zugang zu Informationen einen gesellschaftlichen Wert darstellt, und dass ARD und ZDF (wie andere Medien auch) dazu beitragen". Die verwendeten Filmausschnitte zeigten, dass die Anstalten "qualitativ hochwertige Filme im Programm" hätten und solche mitunter auch mitfinanzierten.

Das soll ruhig so bleiben. Eins jedoch ist sicher: Den Interessen der Gebührenzahler ist nicht gedient, indem ARD und ZDF mit ihrem Geld derart abstruse Propaganda in eigener Sache machen. Oder überhaupt irgendwelche. Doch die ARD hat bereits weitere Spots angedroht.

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