Sascha Lobo

Infektionsschutzgesetz Die Corona-Verirrten erregen sich mit Angstpornos

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Radikalisierung der Corona-Leugner zeigt sich im Protest gegen das Infektionsschutzgesetz. Genährt wird sie im Netz, wo Verschwörungstheorien bis zum Maximalhorror gesteigert werden.
Demonstration in Dresden, 31. Oktober 2020

Demonstration in Dresden, 31. Oktober 2020

Foto: Sebastian Kahnert / DPA

»Ermächtigungsgesetz« nennen die Corona-Querfrontdenker das neue Infektionsschutzgesetz, eine absurde Verharmlosung der Nazi-Zeit und zugleich eine verräterische Position, was die liberale Demokratie betrifft, in der wir leben. Sie folgen Antisemiten, Antidemokraten und Verschwörungstheoretikern und sehnen auf die eine oder andere Art einen Umsturz herbei. Heute treffen sie sich in Berlin für ihren öffentlichen Protest, und sie werden ihre Radikalität zur Schau stellen.

Im besten Fall entstehen »nur« mobilisierende Symbole, Fotos, Videoclips, Aufstandserzählungen. Im nicht einmal schlechtesten Fall feiern Rechtsextreme umrahmt von Impfblütenglobulisten ein Fest der Gewalt, während die anderen Protestierenden eine so falsche wie fatale Rechnung aufmachen. Wie das Schaf, das sich freut, dass bei seinem Kampf gegen den strengen Schäferhund der Wolf auf seiner Seite ist.

Die liegt einerseits in der ständigen Steigerung der eigenen Aufgeregtheit begründet und andererseits in der Tatsache, dass Bürgerliche ohne Scheu mit Rechtsextremen gemeinsame Sache machen. Das färbt ab, und ich glaube, ich habe in der Kommunikation dieser Gruppen einen Mechanismus beobachten können, der dafür mitverantwortlich ist. Die Radikalisierung der Corona-Verirrten ist wahrscheinlich noch lange nicht abgeschlossen, hat aber eine entscheidende Schwelle überschritten: die zwischen Realität und einem Raum, den ich Höllenblase nennen möchte, eine Mischung aus Filterblase und alltaggewordenem Albtraum. Es ist der Ort, zu dem man gelangt, wenn man sich gemeinschaftlich ständig nach dem Prinzip Angstporno zuballert.

So geschieht es in den einschlägigen sozialen Medien, wo morgens die Eliten Kinder fressen, mittags Bill Gates Zwangsimpfungen via 5G anordnet und abends eine »Coronadiktatur« beschworen wird. Man muss sich diese Höllenblase als eine Art Massennervosität vorstellen, als kollektive, sich ständig gegenseitig verstärkende und beschleunigende Gereiztheit.

Podcast Cover

Diese vermeintlich immer stärker zunehmende Beschleunigung in der Höllenblase funktioniert meiner These nach wie die Shepard-Skala . Es handelt sich dabei um ein Wahrnehmungsphänomen, das meistens anhand einer akustischen Täuschung beschrieben wird. Die Shepard-Skala ist eine Tonfolge, die scheinbar immer höher und greller wird. Und zwar für immer, denn man könnte die Shepard-Skala unendlich lange abspielen. Durch die Audio-Irreführung würde die Anspannung des Publikums immer weiter hochgepeitscht.

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Ich empfehle dringend, sich dieses Video anzuhören, denn meiner Ansicht nach handelt es sich um exakt das Muster, mit dem eine sehr laute, sehr öffentlichkeitswirksame Minderheit ihre Höllenblase aufrechterhält. Das erklärt auch, warum Nazivergleiche zum Alltagsinstrumentarium der Corona-Querfront gehören. Es entspricht dem deutschen Maximalhorror, den man bei einer ständigen Steigerung zwingend erreicht. In einigen Coronaleugner-Gruppen wird von einem »Impf-Holocaust« in »Corona-KZs« fabuliert. Zweifellos monströse Entgleisungen, aber sie sind auf Corona bezogen spätestens seit Sommer im Umlauf und haben aus Sicht der Radikalisierer den Nachteil, dass sie sich nicht mehr steigern lassen. Außer eben, wenn man das ständige Steigerungsgefühl herbeitäuscht, wie es die Shepard-Skala der Selbsterregung bewirkt.

In sozialen Medien habe ich Menschen beobachten können, die einen wie auch immer gearteten Zusammenbruch – gleich ob Umsturz oder Massensterben – zugleich befürchtet und herbeigesehnt haben. Ein bekanntes psychologisches Phänomen: Ab einer bestimmten Intensität der Angst erscheint selbst der schlimmstmögliche Ausgang als Erleichterung, weil die zehrende Anspannung dann wenigstens vorbei ist. Und weil auf diese Weise der zuvor unerträgliche Zustand wenigstens nicht übertrieben und vergebens war.

Im Zusammenhang mit dem Infektionsschutzgesetz, der wichtigste Anlass für die Demonstrationen, sprechen die »Querdenker« von »Coronadiktatur«. Das erscheint von außen wie eine bizarre Übertreibung, aber es steckt viel darin. »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«, schrieb Theodor Wiesengrund Adorno, und nach diesem Motto denken, handeln und fühlen die Corona-Erregten: In einer Diktatur ist alles schlimm. Diese Einsicht wird schlicht umgedreht, wenn sich alles schlimm anfühlt, muss es sich um eine Diktatur handeln.

Die emotionale Beweisführung der Behauptung »Coronadiktatur« aber ist durchaus eindrucksvoll. Listet man die bereits getroffenen Maßnahmen und die Möglichkeiten des Infektionsschutzgesetzes nämlich auf – dann ist der einzige, relevante Unterschied zwischen demokratisch sinnvollem und diktatorischem Handeln die Existenz von Corona. Reiseverbote, Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote, Einschränkungen des Versammlungs- und Demonstrationsrechts, Überwachungs- und Kontrollbefugnisse: Ohne Corona lesen sich diese Maßnahmen wie aus dem Handbuch des autoritären Herrschers. Die Leugnung von Corona oder die Zweifel an seiner Gefährlichkeit sind deshalb so essenziell für die Entstehung, die Radikalisierung, die Bedrohlichkeit der Querdenker und ihrer Freunde.

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Darin liegt – in Verbindung mit der Shepard-Skala der Angst – eine Chance. Die ständige, trancehafte Selbsterregung kann nämlich in Form eines aufrüttelnden Schocks durchbrochen werden. Es gibt für einen guten Teil der Menschen einen Ausgang aus der selbstverschuldeten Corona-Überdrehtheit, und ich schätze drei verschiedene Situationen dabei als entscheidend ein:

  • die Radikalisierungsenergie entlädt sich mit einem katastrophalen Knall, es entsteht unter den eher bürgerlichen Querdenkern ein Schock darüber, wie intensiv und hemmungslos Rechtsextreme die Bewegung unterwandern, vereinnahmen und für ihre Nazi-Zwecke instrumentalisieren,

  • die Konfrontation mit der Realität, also Einsicht in Existenz und Gefahr von Corona: der Schock, der entsteht, wenn im unmittelbaren Umfeld Menschen schwer an Covid-19 erkranken oder sogar sterben. Die Wahrscheinlichkeit dafür nimmt leider zu,

  • und schließlich die Erkenntnis, dass die Shepard-Skala der Angst eine Täuschung ist. Dass die ständige Erregtheit, die niemals ihre Einlösung oder Erleichterung findet, eine viel größere Belastung sein kann als die Pandemie und die Gegenmaßnahmen.

Keiner der drei Schock- oder Erkenntnismomente stellt eine Garantie der Deradikalisierung dar, die Flucht in ein völliges Corona-Phantasma lässt sich gerade bei den prominenten Figuren der Bewegung gut erkennen. Aber es kann bei den im Kern nichtextremistischen Personen der Beginn eines Nachdenk- und Besinnungsprozesses sein. Und nach meiner Einschätzung wird für diese Menschen – nicht nur, aber auch der Gesichtswahrung wegen – ein Punkt absolut zentral sein: die Existenz von qualifizierter, nicht-verschwörungstheoretischer, demokratisch und menschenfreundlich gesinnter Kritik sowohl an der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte über Corona als auch um die politischen Maßnahmen gegen die Pandemie. Eine Kritik, die sich durch aggressive Ab- und Ausgrenzung selbst immunisiert gegen die Übernahme durch Rechtsextreme.

Auch wenn es angesichts des Leids, das die Corona-Verirrten definitiv mitverursacht haben, bitter klingen mag: Wenn sich nach einer Explosion Staub und Rauch langsam lichten, ist eine ausgestreckte Hand für die Restvernünftigen vielleicht das klügste Mittel.

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