SPIEGEL ONLINE

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21. Dezember 2017, 15:57 Uhr

Schüler verkauft gefälschte Follower

Fake Views

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Ein deutscher Teenager startet aus dem Kinderzimmer ein Geschäft mit gefälschten Likes und Followern auf sozialen Netzwerken. Der erste Kunde überweist vier Euro. Dann geht die Nachfrage steil nach oben.

Stolz präsentiert Johannes Braun sein Online-Konto. Er besitzt mehr als Zehntausend Euro, verdient durch seine Geschäfte im Internet, heimlich abgewickelt nach der Schule. "Und das ist nur eines von meinen Konten", erklärt der Minderjährige.

Johannes Braun will nur unter Pseudonym erzählen, wie er zum Betreiber mehrerer Online-Shops wurde, in denen er gefälschte Follower und Likes für Instagram verkauft. Der Jugendliche liefert, wenn Kunden zum Beispiel 10.000 Herzen für ein Urlaubsfoto haben wollen oder 100.000 Follower für ihre Instagram-Seite. Auch YouTube-Views kann er beschaffen.

Die Geschichte beginnt vor einem Jahr in Brauns Kinderzimmer. Aus Langeweile, wie er sagt, klickt sich der Schüler durch die Websites dubioser Anbieter. Gegen Bezahlung können Nutzer dort jedes beliebige Instagram-Konto mit falschen Followern aufblähen. Bald bemerkt Braun, dass einige Anbieter für ihre Dienste deutlich weniger Geld verlangen als andere.

Braun sieht in den unterschiedlichen Preisen ein Geschäftsmodell: Er kauft günstig Likes und Follower ein und verkauft sie etwas teurer. Die Likes und Follower stammen von per Computer kontrollierten Instagram-Profilen, sogenannten Bots. Die Profilfotos vieler Bot-Accounts stammen irgendwo aus dem Netz.

Der erste Kunde

"Das System ist aufgebaut wie eine Pyramide", erklärt Braun. An der Spitze seien einige wenige, die Bots programmieren und dadurch die gefälschten Likes und Follower generieren. Darunter gebe es eine breite Kette aus Zwischenhändlern, die das Produkt immer teurer weiterkaufen - so lange sie Kunden finden, die dafür zahlen. Wer die Bots programmiert, weiß Braun nicht. Die Websites mit den besonders günstigen Angeboten hätten kein Impressum mehr.

Mit einem kostenlosen Website-Baukasten baut Braun also einen Online-Shop und preist ihn unter Influencern auf Instagram an. Das sind professionelle Nutzer, die mit ihrer Online-Reichweite Geld verdienen, beispielsweise durch Werbung. Hohe Followerzahlen und Bilder mit vielen Likes helfen ihnen dabei, Aufträge zu erhalten.

Wenige Tage später kommt die erste Bestellung. Ein Kunde kauft 250 Follower für vier Euro. "Ich bin komplett durchgedreht", sagt Braun. Erstmals hatte er mit seiner Idee Geld verdient. Er kauft die gewünschten Follower günstig ein und weist sie dem Kunden zu. Dann dreht er in seinem Zimmer die Musik auf und feiert.

Hunderte Euro Umsatz am Tag

"Es kam der Tag X, an dem es komplett eskaliert ist", erzählt Braun. Er hatte seinen Shop inzwischen aufgehübscht - mit Instagram-Logos, einem zusammenkopierten Impressum und teuren Angeboten. Für um die 1000 Euro habe er 100.000 Follower geboten - und ein Kunde habe das gekauft. Die Bestellung sei aus dem Nichts gekommen. Braun will mehr verdienen, schaltet für seinen Shop Anzeigen bei Google. Die Leute klicken und kaufen.

Als Stammkunde gewinnt der Schüler bald das Vertrauen seiner Zwischenhändler, wie er erzählt. Man tauscht vertrauliche Nachrichten. Als Großabnehmer kommt er an bessere Preise, 1000 Likes kosten ihn bald nur noch einige Cent. In der Hochphase seiner Geschäfte macht er etwa 500 Euro Umsatz am Tag, sagt er, mehr als die Hälfte davon sei Gewinn.

11.000 Follower in zwei Stunden

Im Gespräch mit dem SPIEGEL führt Braun seinen Shop vor. Wir erstellen einen neuen Instagram-Account und bitten ihn, den Kanal mit 11.000 Followern zu bestücken. Braun trägt in ein Online-Formular den Namen des Accounts und die gewünschte Followerzahl ein. Dann zahlt er einen geringen Geldbetrag über sein Online-Konto. Eine Minute später prasseln die Follower auf den Account nieder, etwa 100 pro Minute.

Nach knapp zwei Stunden sind die versprochenen 11.000 Follower angekommen. Tage später sind es ein paar Hundert weniger, möglicherweise wurden einige Bot-Accounts erkannt und von Instagram entfernt.

Auf Anfrage erklärt eine Instagram-Sprecherin, das soziale Netzwerk habe "einige Teams, die sich ausschließlich damit befassen, betrügerisches Verhalten auf Instagram zu identifizieren und schnell zu entfernen." Mit Blick auf Brauns lebendige Geschäfte scheint das nur bedingt zu funktionieren.

Kundensupport auf der Schultoilette

Vor den Sommerferien wird Braun vom Übermut gepackt. Wenn jemand bei ihm einkauft, vibriert das Handy in seiner Hosentasche, mitten im Unterricht. Immer wieder erledigt er den Kundensupport heimlich auf der Schultoilette. E-Mails unterschreibt er mit verschiedenen Pseudonymen. "Das wirkt, als hätten wir ein großes Kundencenter mit vielen Mitarbeitern."

Am Nachmittag schwänzt Braun den Unterricht. Seitdem er diesen Shop habe, gebe es keinen Moment, an dem er sich schlecht fühle. "Vorher hatte ich kein wirkliches Selbstbewusstsein."

Ob seine Eltern wissen, was er treibt? Nicht ganz. Zumindest das Ausmaß seiner Online-Geschäfte überblicken sie nicht, sagt er. "Sie verstehen bis heute nicht, wie das funktioniert." Er selbst könne nicht fassen, wie sich sein Leben verändert hat. "Es ist komplett surreal."

Von seinem Gewinn spart er zunächst nichts. Der Schüler bestellt sich im Internet teures Essen und Pakete. "Mein Zimmer stand voller Kartons, Kleider und Technik." In den Ferien lädt Braun seine Freunde in Restaurants ein. "Das teuerste war ein Essen für 150 Euro zu zweit", schwärmt er. "Das ist schon krank, vor allem wenn man sich vorher immer nur beim Bäcker was Kleines geholt hat."

Ist das legal?

Nicht nur Firmen und Influencer kaufen bei Braun. Auch private Nutzer bezahlen ihn, um ihre Instagram-Fotos mit Likes zu überhäufen. Braun versteht nicht, was die Leute sich davon versprechen. "Aber wenn sie dafür Geld ausgeben, soll es mir recht sein."

Auch ein paar bekannte Firmen gehören laut Braun zu seiner Kundschaft, Namen nennen will er aber nicht. Tatsächlich könnten Firmen für ihren Follower-Kauf eine Abmahnung riskieren, erklärt der Medienanwalt Christian Solmecke. Sie erweckten dadurch nämlich den Anschein, dass mehr Kunden sie oder ihre Produkte mögen - eventuell eine wettbewerbsrechtliche Irreführung. Deutsche Gerichte hätten Solmecke zufolge dazu aber noch nicht eindeutig entschieden.

Der Verkauf von Followern oder Likes dagegen, wie etwa Braun ihn betreibt, ist laut Solmecke "nach derzeitiger Rechtslage nicht als rechtswidrig einzustufen", verstoße aber möglicherweise gegen die Nutzungsbedingungen der Plattformen. Braun selbst hält seine Geschäfte ebenfalls nicht für verboten - aber auch nicht für erlaubt. "Es ist ein Graubereich". Ein schlechtes Gewissen hat Braun bei seinen Geschäften dennoch nicht - "das ist ein Klacks im Vergleich zu anderen Dingen."

Das Gefühl, auf "Kaufen" zu drücken

Am Ende des Sommers ist der Rausch vorbei. Der Anbieter des Website-Baukaustens schaltet Brauns Online-Shop plötzlich ab, offenbar weil ihm die Geschäfte dort nicht gefallen haben. Braun hat mehr neue Kleider denn je und fast kein Geld mehr. Er ist frustriert.

Zwei Ferienwochen lang verschanzt sich der Schüler in seinem Zimmer. Er will sein Geschäft neu aufziehen, und dieses Mal, wie er es nennt, "professionell". Warum er nicht einfach aufhört? "Der Moment, an dem ich hätte aufhören können, ist vorbei", findet Braun. Er vermisst das Gefühl, einfach auf "Kaufen" zu drücken, wenn ihm etwas gefällt. Deshalb erstellt Braun gleich mehrere neue Online-Shops, liest sich tagelang durch Blogs über Suchmaschinenoptimierung. Seinen Freunden verrät er diesmal nichts.

"Ich habe allen gesagt, ich habe aufgehört. Es ist zu unsicher." Mittlerweile verdient Braun wieder, heimlich. Das Geld will er diesmal sparen. Wofür genau, kann er nicht sagen. Er schaut dem Betrag beim Wachsen zu - wie seine Kunden den Followerzahlen.

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