Interazzi Mit Gibson am Tresen

Mel Gibson ist nur einer in einer langen Reihe. Prominente sind in den Zeiten des globalen Netzes unter permanenter Beobachtung. In Foren wird ausgeplaudert und getratscht - und die Stars selbst machen fleißig mit. Das Internet gebiert sogar eigene, unfreiwillig entblößte Berühmtheiten.

Dieter Bohlen lässt Estefania  warten, Liv Tyler hat schon mal die Klobrille vorgewärmt . Die Website der Höflichen Paparazzi  ist voll von kleinen Geschichten, in denen ganz normale Menschen von ihren ganz normalen Erlebnissen mit ganz normalen Prominenten erzählen.

Da steht einer mit Harald Schmidt im Aufzug , ein anderer verliert einen Kugelschreiber an Udo Lindenberg  und ein dritter fährt beinahe Wolfgang Lippert über den Haufen . Die "Höflichen Paparazzi" werden ihre Geschichten nicht an eine große Zeitung verkaufen – ja, noch nicht mal verkaufen können.

Doch nicht überall geht man so zahm mit der Prominenz um. Längst ist das Internet zu einer Löwengrube für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geworden, in der Karrieren nicht nur gemacht werden, sondern auch zerstört werden. Jüngstes Beispiel: Mel Gibsons Alkoholfahrt und seine antisemitischen Äußerungen, die ein aufgebrachter Polizist der Website TMZ.com  zuspielte, nachdem seine Vorgesetzten den Vorfall kleinhalten wollten.

Während Seiten wie TMZ von der gezielten und oft gemeinen Indiskretion leben, geben die "Höflichen Papparazi" mit ihrer Sichtung nicht an, und oft genug sind die Situationen so trivial oder auch peinlich, dass man sie normalerweise kaum erzählen geschweige den aufschreiben würde. Zu plump den Promi angesprochen, zu nervös reagiert. Wie Mitglied Majik, der einem Kioskbesitzerin davon vorschwärmte, mit David Bowie im gleichen Hotel zu wohnen – während der direkt hinter ihm stand und grimmig dreinblickte .

Solche Geschichten, gerade weil sie unspektakulär und alltäglich sind, und trotzdem das Außergewöhnliche mit dem Trivialen verbinden, ziehen ein großes Publikum an. In beinahe 40.000 Einträgen tauschen sich die circa 600 Mitglieder der Höflichen Paparazzi über ihre Sichtungen, Theorien und Meinungen aus. Darunter einige Journalisten, aber auch Promis wie der Wiener Hermes Phettberg, die Autorin Kathrin Passig, Joachim Lottmann oder Max Goldt. Das passiert auf oft hohem schreiberischen, fast schon poetischen Niveau, und mit hohem Respekt vor dem berühmten Sujet.

Andernorts wird dagegen nach der brutalen Logik des Boulevard operiert. Je peinlicher für den Betroffenen, desto interessanter. Jeder kann jetzt auf TMZ.com in einem vierseitigen, handgeschriebenen Polizeireport nachlesen, was genau an dem Abend zwischen den Polizisten und "The Passion of the Christ"-Regisseur Gibson vor sich ging. Knapp eine Woche später legte TMZ.com noch ein Video vom Party-Abend vor dem Zwischenfall nach, das ein anderer Leser einschickte.

Karriereknick durch Kameraklick

Das erinnert an Paris Hiltons Pornotape oder den Karriereknick von Kate Moss, nachdem Bilder bei einer englischen Zeitung auftauchten, die das Model angeblich beim Kokain-Schnupfen zeigten und von einem Bekannten aus dem Umfeld des Models aufgenommen wurden. Für die Story und Bilder gab es sicherlich viel Geld. Geld, das für solche Zeitungen – neben Erpressung – das einzige Mittel ist, an solch brisante Storys aus erster Hand zu kommen.

Doch in der Online-Community wird mit anderen Regeln gespielt. Auf Websites wie hoeflichepaparazzi.de oder eben auch TMZ.com kann der Leser mitmachen – und macht auch mit. Jeder kann hier die heißesten Enthüllungen nachlesen – und selbst vielleicht eine beisteuern. Einige dieser Seiten entfalten dabei eine enorme Wucht, da neben Belanglosem vor allem auch angebliche Sex- und Drogeneskapaden bekannt werden, die es in Windeseile vom Netz auch in die gedruckten Magazine und Fernsehsendungen schaffen.

Regelrecht gefürchtet ist der britische Popbitch-Newsletter, der jede Woche wenig zurückhaltende Gerüchte über das Sex- und Drogen-geschwängerte Leben der Stars streut. Die Quellen sind Newsletter-Abonnenten aus dem Medien- und Starumfeld – vielleicht selbst Superstars. Madonna grüßt in einem Song alle Popbitches da draußen, die englische Popsängering Sophie Ellis Bextor ("Murder on the Dancefloor") schwärmt immer wieder vom skrupellosen Tratschletter.

Wer sich mit Popbitch anlegt, wird zukünftig eben anonym vorgeführt oder – noch schlimmer – einfach ignoriert. Dabei fällt aber oft unter den Tisch, dass eigentlich niemand kontrollieren kann, ob die kolportierten Geschichten irgendeinen Wahrheitsgehalt haben oder frei erfunden sind. Freizügig wird da mit der Würde von Menschen gespielt, die sich nur schwer wehren können, da jede Gegenwehr als Eingeständnis verstanden würde.

Mit Hightech auf Promijagd

Weniger schadenfreudig und mehr auf offensichtliche Fakten vertrauend, sammelt das Weblog Awfulplasticsurgery.com  daher einzig Vorher/Nachher-Bilder von Stars, deren Schönheitsoperationen schief gegangen sind. Andere Internetuser tragen Polizeifotos von Bekanntheiten zusammen oder stolpern über deren (oft peinliche) Profile bei Flirtservices. Wenn ein Promi spuren im Netz hinterlässt, dann wird sie jemand finden.

In der kritischen Masse aus Fans, Neugierigen und Schadenfrohen ist immer jemand dabei, der mehr weiß als die anderen. Das alles wird auf Websites gesammelt, mit anderen Informationen verknüpft und weiterverbreitet. Jeder kann mitmachen, die Technik hilft weiter. Per SMS bekommt man den neusten Aufenthaltsort seines Lieblingsstars zugeschickt. Sieht man ihn die Straße überqueren oder im Luxusrestaurant dinieren, trägt man Aufenthaltsort und Geschehen bei Gawker.com/stalker  ein – und sieht gleich, wo andere Surfer einen Promi gesichtet haben. Microsoft bietet diesen Service in Windows Live Local sogar ganz offiziell an - unter Celebfavorites.com .

Doch die Onlinehatz erwischt nicht nur die, die berufsbedingt mit der Aufmerksamkeit umgehen müssen. Immer öfter sind die Opfer der Aufmerksamkeitslawine auch Internetuser, die eigentlich nie ins Rampenlicht wollten. Zum Beispiel das junge Mädchen, das seinen Freund mit selbstgedrehten Erotikvideos beglücken wollte - und die dieser nach der Trennung mitsamt vollem Namen und Handynummer ins Netz stellte. Telefon- und Psychoterror waren die Folge, sie musste die Schule wechseln. Doch wohin fliehen, wenn die ganze Welt einen aus dem Netz kennt? Den Promijägern im Netz kann man kaum entkommen und sich noch schwieriger gegen sie wehren. Man muss schon Glück haben, und einen Paparazzi erwischen, der noch Anstand hat – einen höflichen Paparazzo vielleicht.

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