SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. August 2008, 08:48 Uhr

Internet-Cafés in Rangun

Web-Rebellen überlisten Burmas Zensoren

Aus Rangun berichtet

Betreiber von Internet-Cafés leben in Burma gefährlich. Die greisen Junta-Generäle fürchten die subversive Kraft des Webs - und haben absurd strenge Regeln für die Überwachung beschlossen. Doch findige Unternehmer überwinden die Barrieren mit technischen Tricks. Ein Besuch im Info-Untergrund.

Der Mann will seinen Namen nicht nennen, denn er bewegt sich in der Illegalität. "Nennt mich Michael", sagt er. Auch sein präzises Alter darf nicht verraten werden, damit sie ihm nicht auf die Schliche kommen. Sagen wir also, er ist 36 Jahre alt. Ein Foto kommt ohnehin nicht in Frage, selbst nicht im Gegenlicht. Michael verschwindet im Hinterzimmer eines chinesischen Restaurants. Allein. Erst nach einigen Minuten dürfen wir folgen. Niemand soll den hageren Mann in Begleitung von Ausländern sehen.

Burmas General Than Shwe bei Opfern der Flutkatastrophe: Die Junta schafft sich ihren eigenen Kosmos
AP

Burmas General Than Shwe bei Opfern der Flutkatastrophe: Die Junta schafft sich ihren eigenen Kosmos

Michael aus Burmas Hauptstadt Rangun wähnt sich bereits mit einem Bein im Knast. Der 36-Jährige betreibt irgendwo in der Innenstadt, hinter der unscheinbaren Fassade eines verwitterten Kolonialgebäudes, ein Internet-Café. In Burma ist das höchst verdächtig, und es ist mittlerweile schwer zu sagen, wer in diesem Land paranoider ist - die neurotischen Machthaber oder ihr verängstigtes Volk.

Michael hat allen Grund zur Sorge, denn er bewegt sich mit seinem Geschäft in einer Schattenwelt. Er hat Zugang zu Nachrichten, und unzensierte Informationen scheuen die greisen Generäle, die Burma seit zwanzig Jahren im eisernen Würgegriff halten, wie Dracula das Tageslicht.

Wie die Generäle ihre Wirklichkeit verbreiten lassen

Nachrichten bedeuten Wissen, und Wissen ist Macht, und wer mit Wissen in Berührung kommt, wird überwacht. Bei dem herrscht höchste Alarmstufe, der hat kaum noch eine ruhige Minute. Michael blickt sich nervös um, er lauscht auf jeden Schritt im Flur. "Es gibt Hunderte illegaler Internetcafés in Burma", flüstert er. Dann öffnet sich knarrend die Tür – der chinesische Kellner bringt Schweinfleisch süß-sauer und Mettbällchen. Er lächelt geheimnisvoll.

Burmas Volk soll die Parteizeitung lesen: "The New Light of Myanmar". Dort geht es meistens um den Vorsitzenden des Staatsrats für Frieden und Entwicklung, General Than Shwe, und seine Verlautbarungen. Dieser Mann und einige seiner Spießgesellen sind Burmas Kosmos. Sie tragen zu jeder Tageszeit grüne Schirmmützen, und in Burmas Zeitungen sieht man sie mit versteinerten Gesichtern neben Kisten voller Hilfsgüter stehen. Doch die Boxen wurden vorher manipuliert: Die Generäle haben die Namen der echten Spender überklebt und ihre eigenen darauf geschrieben. Sie sagen, alle Wohltat gehe von ihnen aus, und ihre Partei habe immer recht, und alle anderen seien bei der CIA. In ihrer Welt dreht sich die Sonne um Burmas Generalität. Und so soll das bleiben.

Andere Informationen, zum Beispiel aus dem World Wide Web, könnten dieses Weltbild gefährlich ins Wanken bringen – das Regime hat international nur noch wenige Freunde. Deshalb kapseln sich die Generäle ab, so gut es geht. "No news are good news", denken sie. Dabei haben sie das Internet gar nicht komplett verboten, so weit konnten sie dann doch nicht gehen, nur ein bisschen.

"Politik und Pornografie ist geblockt", sagt Michael, "das ist zu brisant, ebenfalls unerwünscht ist Kommunikation: Yahoo Mail oder Hotmail zum Beispiel funktionieren nicht." Zumindest nicht offiziell. Denn es gibt mutige Menschen wie Michael, Menschen, die das System untergraben. Die subversiv sind. Vor denen die Generäle Angst haben.

Wer an einem seiner - sagen wir: zwanzig - Computer sitzt und dem Jungunternehmer ein verstecktes Zeichen gibt, bekommt umgehend Hilfe. Ein paar Handgriffe nur, eine Tunnel-Software wird aktiviert, ein Proxyserver in den USA angewählt, schon ist das Regime ausgetrickst. Über den Bildschirm flimmern jetzt die neusten Nachrichten, unzensiert, aus aller Welt. Man kann nachlesen, dass die Kisten mit den Spenden aus Australien kamen.

Und man kann Meldungen versenden – auch über Yahoo oder Hotmail, wenn man mag. Das Bedürfnis danach ist groß. Besonders in diesen schweren Zeiten. Seitdem der Zyklon Nargis das Land so schwer verwüstete und mehr als 70.000 Todesopfer forderte, ist Michaels Internet-Café fast immer voll. Manchmal reicht die Warteschlange bis ins Treppenhaus.

"Die Menschen sind hungrig nach Informationen, sie trauen der Regierung nicht, sie wollen wissen, was hier wirklich vorgeht", sagt Michael. Er sitzt mit dem Rücken zur Wand, die Tür stets im Blick. Eigentlich hat er sich ja zur Kollaboration verpflichtet. 19 Regeln, die jeder Betreiber eines Internet-Cafés befolgen muss, hat das Regime aufgestellt. Es sind Regeln, mit denen die Militärs die Urgewalt der weltweiten Datenvernetzung zähmen wollen. Regeln, über die jedes westliche Computerkid vermutlich nur zahnspangenbreit grinsen kann. Regeln, die sich jemand wie General Than Shwe ausdenkt.

Nach diesen Regeln muss jeder Internet-Nutzer, bevor er zu surfen beginnt, seinen Namen, seine Adresse, seine Telefon- und seine Passnummer angeben. Alle zwei Wochen müsste Michael diese Informationen neben den Daten aller besuchten Internet-Seiten an eine staatliche Firma namens Info-tech weiterleiten. Alle fünf Minuten müsste der Inhaber eines Internet-Cafés einen Screenshot all seiner Computer erstellen: ein Foto aller Seiten, die gerade geöffnet sind. Er müsste das alles speichern. Es wäre die totale Überwachung: Schily und Schäuble im Quadrat.

Doch Michael denkt nicht daran, sich zum Spitzel machen zu lassen, auch wenn der Preis hoch ist. "In diesem Land herrscht die pure Angst", sagt Michael und steht auf. "Bleibt hier sitzen", sagt er, "in fünf Minuten könnt ihr gehen." Dann verschwindet er – alleine in der Nacht.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung