Internet-Cafés Verschleiert chatten und safer surfen

Getrieben von der Mission, die Menschheit zu vernetzen, eröffneten Pioniere Anfang der Neunziger die ersten Internet-Cafés. Seitdem gehören die Raststätten der Datenreisenden zu den Vorkämpfern der globalen Netzkultur. Doch der Erfolg des Internet könnte das Aus für manches Cybercafé bedeuten.

Von Stefan Krempl


USA: Shmuel Herber und Joshua Pollak (sitzend) surfen im Mega-Bite Cafe, New York. Das Cybercafe gilt als kosher
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USA: Shmuel Herber und Joshua Pollak (sitzend) surfen im Mega-Bite Cafe, New York. Das Cybercafe gilt als kosher

Sie sind die sichtbarsten Manifestationen eines unfassbaren Raums und feste Bestandteile einer neuen Kultur. Es gibt sie überall - in Amerika, Europa, in China genau so wie in Südafrika. Internet-Cafés sind die Treffpunkte des digitalen Chat-Sets, in denen die Jünger der Datennetze rund um den Globus auf Gleichgesinnte stoßen.

Besucht werden sie vor allem von Newbies, die sich in geselliger Runde in die Mysterien der Welten hinter den Bildschirmen einführen lassen wollen. Doch wer einmal da war, kommt häufig wieder, denn Dauerrekorde im Chatten lassen sich besser aufstellen, wenn die Hände mehrerer Netizens abwechselnd die Tastatur bearbeiten und viele Köpfe gleichzeitig das Zeichenwirrwarr auf dem Screen zu entschlüsseln versuchen. Im Café ist Surfen eine gesellige Angelegenheit.

"Cybercafés erfüllen eine starke Sozialisationsfunktion", meint dazu Alexander Götz. Der Münchner befragte 127 Besucher von vier Gastronomie-Einrichtungen seiner Heimatstadt, die neben Kaffee oder Pizza auch Internet-Zugang anbieten. Die Ergebnisse stellte er Ende vergangener Woche auf dem 1. Internationalen Treffen der Internet-Cafés in Leipzig vor. Jeder vierte Befragte gab demnach als Grund für den Gang ins vernetzte Café an, unter Menschen sein zu wollen.

"Das erklärt auch", so Götz, "warum deutlich mehr als die Hälfte der Befragten im Internet-Café zu mehreren vor einem Bildschirm sitzen". E-Mail und World Wide Web seien zwar die meist genutzten Dienste in den Cafés, aber insgesamt stünden unterhaltungsorientierte Angebote wie Chats im Vordergrund.

Das gilt für alle Länder, in denen es Internet-Cafés gibt: "Die jungen Leute kleben zu dritt oder zu viert vor den Rechnern und chatten mehrere Stunden lang", berichtet Imad Kubba, Gründer des Ur Internet Culture Cafes in Amman. Einziger Unterschied zwischen München und Jordanien: die jungen Mädchen sitzen im Mittleren Osten verschleiert auf den Barhockern, die Anonymität im Netz wird durch die verhängten Gesichter scheinbar noch verstärkt.

Über die Bildschirme liefen auch pornografische Darstellungen, lässt der ergraute Cafébesitzer durchblicken. Doch Polizei und Zensur scheint dies - anders als etwa in Saudi-Arabien - nicht zu interessieren.

Mehr als die Ordnungshüter macht Kubba die Konkurrenz zu schaffen. Als der gebürtige Iraker sich Ende 1997 nach einem neuen Beschäftigungsgebiet umsah, schwappte die Internet-Welle gerade nach Jordanien. "Jeder war total begeistert, aber es gab nur zwei Netzcafés in Amman", erinnert sich Kubba an die Gründerzeit. Im Kopf überschlug er die Kosten und wie viel ihm eine Stunde Internet-Nutzung einbringen würde. Anfang 1998 konnte er sein Cybercafé in Amman eröffnen.

Doch anscheinend hatten andere die gleiche Idee: Wenige Tage nach dem Start machte 500 Meter weiter ein anderes Internet-Café auf, drei Wochen später das nächste. Inzwischen gibt es in der Hauptstadt Jordaniens über 50 vergleichbare Einrichtungen, die alle auf den großen Netzboom hoffen. Und während er anfangs rund 5 Dollar für eine Stunde Surfen veranschlagt habe, beklagt sich Kubba, seien die Preise "sehr schnell in den Keller gegangen." Nicht nur in Amman ...

Bruce Gillespie sieht eine wichtige Aufgabe seines Cybercafés Milky Way Internet Café in Johannesburg im "Ausgleich des sehr schlechten Bildungssystems". Die Vision seines Teams sei es, die örtliche Community mit den Möglichkeiten des Internet vertraut zu machen. Reich geworden ist der Idealist nicht mit seinem Café. Das Ende 1994 in Betrieb gegangene Café trage sich zwar selbst, doch Probleme sieht Gillespie beim Austausch der Geräte und den Kosten für die Bandbreite.

Eines der ersten Internet-Cafés in Europa, das Cyberia in London, schlitterte sogar mehrmals knapp am Konkurs vorbei. Blickt Zoe Camper auf die fünfjährige Geschichte der Kultstätte zurück, in der bereits Popstars wie Boy George oder Gary Barlow zum Chat vorbeischauten, spricht sie von einer "holprigen Fahrt." Was habe man für einen Spaß gehabt mit all den Events, für die das spacige Café die ideale Bühne abgab. "Wir hatten eine so klasse Zeit, dass wir das eigentliche Geschäft darüber oft vergessen haben", schwelgt Camper in Erinnerungen.

Maksim Gusew, 23, sitzt im Moskauer Internet-Cafe Chivignon - und ist weltweit unterwegs
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Maksim Gusew, 23, sitzt im Moskauer Internet-Cafe Chivignon - und ist weltweit unterwegs

Vor zwei Jahren war der "Restart" überfällig. Um die Sahneimmobilie im West End weiter bezahlen zu können, wird im Cyberia seitdem mit jedem Pfennig gerechnet. "Wir sagen niemals nie zu neuen Geschäftsideen", gibt Camper als Motto aus. Ob es um den Verkauf von Domain-Namen oder das Brennen von MP3s auf CDs für 10 Pfund pro Silberscheibe geht - alle Services werden geboten, die das Herz eines Netzfreaks höher schlagen lassen. "Gleich um die Ecke hat ein neues Internet-Center mit 500 gesponserten Rechnern aufgemacht", empört sich die Cyberaktivistin über die großen Betreiberketten, die die Kultur der etablierten Netzcafés zerstörten.

Die größte Bedrohung für Internet-Cafés wird in Zukunft aber die Ausbreitung des Netzes selbst darstellen. Dank Smart-Phone und "intelligenter" Gegenstände soll das Internet nach Plänen der Industrie zum allgegenwärtigen Begleiter des Datenreisenden werden. Öffentliche Web-Kioske und Netz-Terminals könnten nach Vorstellung mancher Stadtverwaltung zudem die Plätze, Banken oder Verkehrsknoten der Kommunen verschönern. Die reine Bereitstellung eines Internet-Zugangs werde daher in Zukunft als Anreiz für den Besuch eines Cybercafés nicht mehr ausreichen, glaubt Kommunikationswissenschaftler Alexander Götz. Eine Umorientierung in Richtung "Erlebnisgastronomie" sei nötig.



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