S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Ein Archiv des Grauens

Es wird ekelhaft: Durch das Web wird immer mehr Kommunikation öffentlich - Skandale in Regierungen und Unternehmen werden so schneller für alle sichtbar. Wir müssen lernen, mit dieser neuen Transparenz umzugehen.

Eine der großen, philosophischen Fragen ist, ob man aus der Geschichte lernen kann. Zum Beispiel für die Politik. Ungefähr alle denkbaren Antworten sind inzwischen darauf gegeben worden, unter anderem:

  • Ja, man muss sogar (Marxismus).
  • Nein (Nihilismus).
  • Ja, aber es ändert nichts (Determinismus).
  • Egal, es ist eh alles nur ausgedacht (Radikaler Konstruktivismus).
  • Es ist kompliziert (Postmoderne).
  • Bisher waren Völker und Regierungen dafür zu doof (Hegel).

Aber - was hat das mit dem Internet zu tun? Wenn man das Netz nicht nur als Medium, sondern als interaktives, elektronisches Gedächtnis und als Dokumentationsmaschinerie begreift, und wenn man dann davon ausgeht, dass diese Form der Archivierung mehr auswertbares Material produziert als jemals zuvor - dann ist das Internet eine ebenso gigantische wie unangenehme Revolution der Geschichtsschreibung. Die schiere Größe ist recht offenbar, der unangenehme Teil wird erst langsam im diffusen, digitalen Datennebel deutlich.

Mit dem Netz können nicht nur Informationen für jeden jederzeit zugänglich und auswertbar gemacht werden. Auch der Wunsch der Öffentlichkeit nach mehr Information, mehr Transparenz und mehr Mitsprache ist mit dem Internet stark gewachsen. Sogar die CDU in Nordrhein-Westfalen möchte angeblich die Diskussionssoftware Liquid Feedback einführen, die politische Entscheidungen transparent machen kann. Der Internetdruck zur Veränderung des Umgangs mit Informationsflüssen scheint also so stark, dass nicht einmal Konservative ihm standhalten, obwohl sonst ihr Job ist, Veränderungen zu widerstehen.

Mit Sicherheit wird man Beschämendes und Unfassbares finden

Nun beginnt der unangenehme Teil der elektronischen Revolution der Geschichtsschreibung. Die ersten Ausläufer kann man seit einigen Jahren betrachten. Die Presse hat mindestens indirekten Zugang zu den E-Mails, die Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus mit seinem Investmentbanker getauscht hat. Und alles rund um den EnBW-Impulskauf wirkt nach ihrer teilweisen Veröffentlichung noch eine Idee schmutziger und zugleich armseliger, als man es ohnehin erwartet hätte.

Das Berliner Flughafendebakel hat noch viel Potential, in alle möglichen Richtungen zu explodieren, ungefähr wie die Kosten dafür. Schließlich wird man in den Mail-Archiven wühlen und wird mit Sicherheit Beschämendes und Unfassbares finden. Der derzeit laufende, 87. Euro-Rettungsversuch ist - nachdem der 86. zur Überraschung aller unvorhersehbarerweise scheiterte - Gegenstand von Untersuchungen des Bundesverfassungsgerichts. Nach Ansicht von Experten hat die Regierung das Parlament dabei absichtlich mangelhaft informiert, irgendwann wird die Öffentlichkeit Details wissen wollen.

Was elektronisch gespeichert ist, drängt mit dem Internet auf unterschiedliche Weisen immer stärker ans Licht der Öffentlichkeit. Sei es durch investigativen Journalismus wie schon früher, durch WikiLeaks oder durch den zunehmenden Druck zur Transparenz und zur ständigen politischen Kommunikation. Letztere kann sehr verräterisch sein. Nach dem Enron-Skandal von 2001 entschied sich die zuständige US-Regulierungsbehörde, die über 600.000 als Beweismittel gesicherten E-Mails von 150 Führungskräften der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die Daten haben den Namen "Enron Corpus" bekommen und wurden intensiv ausgewertet und erforscht. Zum Beispiel von Unternehmen wie Cataphora, das sich auf eine Art digitale Echtzeit-Archäologie spezialisiert hat. Die Software von Cataphora ist unter anderem dafür geeignet, in Kommunikationsflüssen Anzeichen für kommende Fehler, Krisen und Korruption zu erkennen.

Ein kleiner, aber recht eindrucksvoller Fingerzeig auf die kommenden Möglichkeiten ist die recht simple Website einer niederländischen Open-Data-Organisation: politwoops . Sie dokumentiert automatisch alle veröffentlichten, aber dann wieder gelöschten Tweets von Bundestagsabgeordneten. Derzeit twittern von den 620 Parlamentariern ungefähr 275. Von denen wissen vermutlich nicht alle, dass ihre Tweets bei entsprechendem Inhalt auch dann in die politische Geschichte eingehen können, wenn sie nach anderthalb Sekunden wieder gelöscht werden.

Öffentlich gespeichert, in Millisekunden auffindbar

Irgendwann in nicht mehr allzuferner Zukunft werden sich der Transparenzdruck, die ständige Veröffentlichung von Daten und die Auswertungsmaschinen miteinander verbinden. Was die Archive dann preisgeben werden, schon kurz, nachdem es passiert ist, wird Grund sein für Verzweiflung und Wut. Es spielt ärgerlicherweise kaum eine Rolle, dass die große Mehrheit der politischen Prozesse korrekt ablaufen mag, ein faules Ei verdirbt den ganzen Pfannkuchen. Es wird immer schwerer werden, eventuell vorhandenes Vertrauen in Staat und Politik zu behalten und noch schwerer, verlorenes wieder aufzubauen.

Es wird ekelhaft werden, wenn die jüngste, politische Geschichte digital immer schneller und einfacher nachvollziehbar wird, die absurde Unfähigkeit, die unfassbaren Mauscheleien, das unwürdige Kleinklein. Vor allem aber wird es für jeden recherchierbar bleiben. Informationen, die früher in Archiven nur für Experten und Redakteure zugänglich waren, bleiben öffentlich gespeichert und sind in Millisekunden nach Stichwort auffindbar. Wer zur Ermittlungsarbeit über den Nazi-Terror der NSU ein wenig herumgoogelt, wird darüber stolpern, dass die Hamburger Polizei einen Hellseher engagierte.

Kann man in einem Land, in dem Hellseher Terroristen fangen sollen, noch ohne hysterische Lachanfälle über Sicherheitsbehörden diskutieren? Vermutlich nur, wenn man diese Information wieder vergisst. Was mit dem Internet unendlich viel schwieriger geworden ist, denn die Geschichte drängt sich via Suchmaschinenbenutzung in den Alltag hinein, poppt unerwartet auf und zeigt ihre hässliche Fratze. Der Internetfluch der Serendipity, des Findens ohne zu suchen. Der Teppich, unter den früher alles gekehrt wurde, ist inzwischen durchsichtig, und man sieht all die Dinge wieder und wieder, die man doch vergessen wollte, um Staat und Politik überhaupt ernst nehmen zu können.

Mit dem Internet rückt die Frage, ob man aus der Geschichte lernen kann, unangenehm nah. Das Netz ist Geschichtsschreibung in Echtzeit, bis in die kleinsten Details hinein. Man wird lernen müssen, das auszuhalten und weder zu resignieren noch zynisch zu werden. Die EU-Kommission veröffentlichte im Januar 2012 ein einigermaßen hanebüchenes Papier, in dem ein "Recht auf Vergessenwerden" gefordert wurde. Aus Sicht der Bürgers auf die Politik wäre ein "Recht auf Vergessenkönnen" seelenschonender. Wenn auch ebenso unrealistisch.

tl;dr

Das Netz ermöglicht eine Art digitale Echtzeit-Archäologie. Man wird lernen müssen, sie auszuhalten.