Internet-Fernsehen Ehrensenf ist extra scharf

"IP-TV", Fernsehen per Internet, gehört zurzeit zu den meiststrapazierten Schlagworten. Eine Firma aus Köln versteht darunter mehr als nur den Vertrieb des alten Mediums über neue Kanäle. Ehrensenf macht echtes Internet-Fernsehen.

Lange scheiterte das Fernsehen für den PC schlicht am mangelnden Datendurchsatz: Die Leitungen gaben nicht genug her; was an Filmen durchkam, war briefmarkengroßes Geruckel. Mit breitbandigen DSL-Anschlüssen sind da schon ganz andere Sprünge möglich.

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Ehrensenf: Weltweites Fernsehen in Heimarbeit

Und so wagten Carola Sayer und Rainer Bender den Sprung zum Netz-TV. Beide hatten jahrelange Branchenerfahrungen als freie Autoren und Formatentwickler fürs private Fernsehen gemacht, bevor sie sich im vergangenen Jahr den Wunsch erfüllten, "mal was zusammen zu machen" - und das ohne die Vorgaben, die eine Festanstellung so mit sich bringt.


Seit November kann der geneigte Internetsurfer unter der Adresse www.ehrensenf.de täglich von Montag bis Freitag einer nicht ganz ernst gemeinten Nachrichtensendung folgen - in scharfen Bildern. Jeweils in fünf Minuten werden unverzichtbare Gadgets wie leuchtende Stricknadeln, eine T-Shirt-Faltmaschine oder auch aktuelle Nachrichten wie etwa die über das Kaviar-Doping der russischen Olympioniken in Turin vorgestellt. Dabei wird die Realität nicht erfunden (alle Geschichten beziehen sich auf reale Dinge oder Ereignisse), sondern nur neu dargestellt.


Entsprechend ist schon der Name Programm: "Ehrensenf" ist nichts anderes als das Anagramm des Wortes "Fernsehen". Folgerichtig leuchtet einem auf der Startseite eine knallgelbe Senftüte, wie man sie von der Pommesbude kennt, entgegen, dazu erklingt ein lustiger Retro-Jingle.

Ursprünglich war die Geschichte auf drei Monate begrenzt, aber die erstaunliche Resonanz überzeugte die TV-Macher, das Projekt weiterzuführen. Ehrensenf ist dabei keine Eigenwerbung für Sayers und Benders Medienlabel ravenrocker, sondern eine optimistische Investition in die Zukunft. Immerhin entspricht ihr Konzept dem Medienkonsumverhalten von immer mehr Menschen.

Weltweites Fernsehen in Heimarbeit

Das Nachsehen werden über kurz oder lang die klassischen Fernsehsender haben, denen es zunehmend schwerer fallen dürfte, die Menschen zu einer bestimmten Zeit vor den Fernseher zu locken, nur weil genau dann eine interessante Sendung läuft. Video on demand ist das Zauberwort, denn, so Sayer, es erlaube maßgeschneidertes Fernsehen ganz nach den individuellen Bedürfnissen jedes einzelnen Zuschauers. "Man sucht sich nur das aus, was wirklich interessiert, ganz so, wie man sich eine Pizza bestellt."

Der Reiz von Ehrensenf liegt für die Macher in der Direktheit, sowohl, was die Art der Herstellung angeht, als auch in der Weise der Nutzung durch die Zuschauer, die jede Sendung auf der Ehrensenf-Seite wie in einem Weblog kommentieren können - und das auch fleißig tun.

Die Produktionskosten halten sich dabei in überschaubarem Rahmen, denn anders als bei den großen TV-Stationen sind hier nur eine zum Studio umgebaute Küche, Videokamera, Computer und Webspace nötig. Dass nicht nur hinter der Kamera, sondern auch davor ein Profi sitzt, wird nach wenigen Augenblicken klar. Moderatorin Katrin Bauerfeind wurde nach professionellem Casting eingestellt, und auch sonst ist sie mit ihrem Technik-Journalismus-Studium vom Fach.

Dass Sayer und Bender derzeit noch keine großen Profite erzielen, liegt auf der Hand. Um mit Google Adsense oder Bannerwerbung mehr als ein Handgeld zu erzielen, müssten die Zugriffszahlen noch weiter steigen. Aber immerhin sei man auf dem deutschsprachigen Markt mit Ehrensenf als erste Seite ihrer Art auf dem Markt, und "vielleicht gelingt uns ja ein ähnlicher Überraschungserfolg wie seinerzeit die britische Eine-Million-Dollar-Seite".

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