Internet-Hype Chatroulette Sex, Schock, Sucht

Willkommen im Menschenzoo! Mit Chatroulette hat ein 17-jähriger Programmierer aus Moskau den Internet-Hype der Stunde geschaffen. Die Videoplattform verknüpft im Sekundentakt Wildfremde vor ihren Webcams: Das ist oft brutal, manchmal lustig - und macht viele Nutzer süchtig.
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Chatroulette: Gorillas, Teddybären, Nackte

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es ist 22.30 Uhr, über 22.000 Menschen sind bei Chatroulette online und warten auf einen Cam-Chat-Partner. Ich klicke auf "Play", sofort werde ich mit einer anderen Webcam verbunden. Links sehe ich mein Kamera-Bild, darüber das meines zufällig zugewiesenen Spielpartners. Ich erkenne nichts, höre leise Musik. Noch bevor ich "hallo" in das Chatfenster tippen kann - ich trau mich noch nicht, zu sprechen -, verschwindet das Videobild. Mein neuer Freund hat mich nach zwei Sekunden Schonzeit einfach weggeklickt.

Chatroulette verbindet zwei zufällig ausgewählte Mitspieler so lange per Webcam, bis einer aufgibt. Wer bei Chatroulette  mitspielen will, muss sich weder anmelden noch Spielregeln befolgen. Die Nutzungsbedingungen verbieten zwar "obszönes, verletzendes, pornografisches" Material - aber an diese Regel hält sich natürlich niemand. Chatroulette ist sowohl Sozialhölle als auch, gelegentlich, ergreifendes Miteinander.

Ganz ohne grafische Schnörkel, ohne Community-Überbau oder Post-Dotcom-Gefasel werden auf Chatroulette Menschen aufeinandergehetzt. Wohl deshalb explodierten in nur wenigen Wochen die Zugriffszahlen des ehemaligen Privatprojektes, meldeten sich potentielle Geschäftspartner, kann der Entwickler Andrey Ternovskiy eine Handvoll Server in Frankfurt durch Werbeeinnahmen finanzieren, wie er im "New York Times"-Blog mitteilt . Dabei ist Chatroulette vor allen Dingen eines: Eine Rückkehr in die Anfangszeiten des Internets, als Chats noch anonyme Abenteuer in einer sich gerade erst elektronisch vernetzenden Welt bedeuteten, als das Internet noch kein Geschäftsmodell, sondern ein Experimentierlabor war.

Passives Opfer einer gnadenlosen Aufmerksamkeitslogik

Wer bei Chatroulette mitspielt, erlebt im Sekundentakt ein Panoptikum der Menschlichkeit: Sex, Schock, Langeweile. In Chatroulette ist die einzige Währung Aufmerksamkeit: Wer seinen neu zugewiesenen Spielpartner nicht innerhalb einer Sekunde davon überzeugt, er oder sie werde gleich etwas Spannendes erleben, wird weggeklickt. Nachschub ist genug da: In den Abendstunden sind stets über 20.000 Spieler aus aller Welt online. Eine Stunde Chatroulette verspricht ein Auf und Ab der Gefühle. Nur wer sich neugierig einklinkt, bereit mitzumachen, wird das Webcam-Spiel nicht als passives Opfer einer gnadenlosen Aufmerksamkeitslogik erleben. Zeit für einen Selbstversuch (wer den nicht wagt, kann sich in den relativ harmlosen YouTube-Mitschnitten erleuchten lassen .)

In den folgenden Stunden zieht an mir ein seltsam aufregender Reigen gelangweilter Gesichter, wilder Masken, neugierig blickender und blitzschnell wegklickender Cliquen vorbei. Einmal ignoriert mich eine Gruppe britischer Frauen, bis eine lauthals schreit: "Look at these glasses!" ("Schaut euch diese Brille an!") Alles lacht, eine Viertelsekunde später bin ich weggeklickt. Ein anderes Mal stiert mich eine Gorillamaske leer an, reagiert auf keine Impulse. Irgendjemand malt mein Gesicht mit einem virtuellen Stift nach (und meine Brillengläser aus), ein anderer spielt mir auf seiner Bassgitarre ein Lied vor. Fünf amerikanische Jungs, vielleicht Soldaten, wollen deutsch mit mir reden, eine Französin stottert verlegen: "Das ist mir jetzt zu langweilig, sorry." - und legt auf. Noch bevor ich die Kränkung spüre, schaut mir aus einem Café ein netter Kerl mit Andenmütze entgegen: "Hi, I'm Ian from New York. How are you?"

Gaffen und begafft werden

Gleich im Anschluss schaut mir ein Kerl mit verschobener Sturmmaske ins Gesicht, ruft erbärmlich: "Hilf mir, ich hab mich in meiner Skimaske verheddert." Er hält seine Hand an die Kamera, ich tu so, als greife ich sie, er zusselt sich die Maske zurecht und grinst glücklich in die Kamera: "Danke, dass du mir geholfen hast. Ich heiße übrigens Shawn." Der Griff durch die Kamera ist eine beliebte Geste - und lädt zu allerhand Schabernack ein.

Man darf sich über Chatroulette keine Illusionen machen. Allenthalben stößt man auf Ekel- und Schockvideos, unzählige Exhibitionisten, von Teenagern gestotterte Anzüglichkeiten und Beleidigungen. Ohne ausgebildeten Wegklick-Reflex ist Chatroulette eine Qual. Oft ist es brutal, eine Ego-Zumutung: Gaffen und begafft werden, wegklicken und weggeklickt werden, auslachen und ausgelacht werden.

Chatroulette ist mit all seinem Sex, dem nie versiegenden Strom der Albernheiten, dem grellen Smalltalk-Stroboskop all das, vor dem Kritiker des Internets immer gewarnt haben: Eine Aufmerksamkeitshölle, in der der Mensch zum Zapp-Objekt verkommt, zum freiwilligen Ausstellungsstück in einem zynischen Menschenzoo. Aber Chatroulette kann eben auch erleuchten: Wer den fragwürdigen Schritt vom Wegklick-Opfer hin zum Wegklicker geschafft hat, erlebt mit der gewonnenen Initiative eine weitere seltsame Umkehr: Die Chat-Cam-Bilder bleiben für einen kurzen Moment Oberfläche, fast wie ein Fernsehbild.

Und erst nach dem eigentlichen Akt der Duldung, der Unterdrückung des Wegklick-Reflexes erwacht der Mensch am anderen Ende zum Leben - und nur weil er noch da ist, er selbst nicht wegklickte, weiß man nun: Da ist ein Mensch, und er ist (womöglich) gut.

Wage ich doch ein Gespräch.